Riehmers Hofgarten (Foto: dpa)

Immobilienspekulation - Leerstand mit System

Riehmers Hofgarten in Kreuzberg gilt als eine der schönsten Wohnanlagen in Berlin. Zwischen York-, Großbeeren- und Hagelbergerstrasse gruppieren sich die 20 Wohnhäuser aus der Gründerzeit rund um einen parkähnlichen Innenhof. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet hier mehr als 80 der insgesamt 200 Wohnungen leer stehen. Doch das hat seinen Grund.
Es war ein schleichender Prozess, der begann, als Riehmers Hofgarten vor sechs Jahren an einen irischen Investor verkauft wurde. Seine Firma, die "Fünfte Festland Grundstücks GmbH" verschickte Kündigungsschreiben an die meisten Gewerbetreibenden, verunsicherte aber auch die privaten Mieter. "Der Wind war plötzlich ein ganz anderer", erinnert sich Carsten Fedderke, der seit 20 Jahren in der Anlage wohnt. "Peu à peu fiel uns allen auf, dass auch Wohnungen nicht mehr neu vermietet wurden. Dann wurde offensichtlich ein neues Geschäftsmodell eingeführt, das wir bisher noch nicht kannten: Ferienwohnungen. Das führte zu einigen Verstimmungen."

Etwa 20 Wohnungen wurden zu "Service-Apartments" umgebaut. Doch was der neue Eigentümer mit der Wohnanlage insgesamt vorhatte, blieb unklar. Währenddessen nahm der Leerstand weiter zu, viele Familien zogen aus.

An den denkmalgeschützten Häusern bröckelt der Putz

"Die Substanz leidet, wenn viele Wohnungen leer stehen", klagt Carsten Fedderke. "Einen Rohrbruch beispielsweise stellt man erst dann fest, wenn es beim Nachbarn durch die Decke regnet." Undichte Dächer, eine veraltete Heizungsanlage, bröckelnder Putz – notwendige Instandsetzungen und Modernisierungen wurden in den vergangenen Jahren kaum durchgeführt. 

Das beklagt auch Klaus-Peter Willhöft, Chef des Riehmers Hofgarten-Hotels und seit elf Jahren hier in der Yorkstraße. "Man muss sich nur umsehen, das war einmal ein gepflegtes Objekt. Der damalige Eigentümer ging durch den Hofgarten und sammelte jeden Papierschnipsel auf. Heute findet nichts davon mehr statt."

Investor scheitert mit seiner Strategie - erneuter Verkauf

Vergangenes Jahr wechselte Riehmers Hofgarten erneut den Besitzer. Der irische Investor war mit seinem Konzept, den Preis für die Häuser durch gezielte Entmietung weiter hoch zu treiben, offensichtlich gescheitert. Leerstand bedeutet gleichzeitig auch massive Mietausfälle, doch die Betriebskosten für die leeren Wohnungen fallen trotzdem weiter an. Jetzt gehört die Wohnanlage gleich drei Immobilienfirmen, die sich das Areal aufgeteilt haben. Was die Firmen jeweils planen, ist unklar. Nur eine von ihnen ist bislang ins Grundbuch eingetragen.

"Dieses Zerschlagen eines solchen Kulturgutes in drei unterschiedliche Eigentümergruppen halte ich für skandalös", empört sich Hotelier Willhöft, "das hätte man unterbinden müssen, aber jetzt ist der Zug abgefahren." Der Hotelchef weiß nicht, ob sein Hotel über 2017 hinaus bleiben kann. Zumal er gehört hat, dass die jetzigen Eigentümer bestrebt seien, das Objekt schon wieder zu verkaufen. "Für uns ist das eine fürchterliche Situation: Wir wissen nicht wohin. Da hängen eine ganze Reihe Arbeitsplätze dran."
Riehmers Hofgarten - leere Klingelschilder (Foto: rbb / Sabine Jauer)
Leere Klingelschilder zeugen vom Leerstand in der Wohnanlage

Mieter wollen mitreden

Auf Initiative der Mieter will der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Riehmers Hofgarten jetzt unter Milieuschutz stellen. Das würde Modernisierungen, die die Wohnungen aufwerten, wie beispielsweise ein zweites WC, erschweren. Eine Umwandlung in Eigentumswohnungen in großem Stil lässt sich dadurch nicht verhindern.

Das könnte nur das Land Berlin veranlassen mit einer Umwandlungsverordnung. Doch das nun geplante Gesetz, das gerade auf parlamentarischer Ebene diskutiert wird, richtet sich nur gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum. "Die Umwandlung in Eigentumswohnungen könnte der Eigentümer auch dann weiter betreiben", erklärt Rainer Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, "allerdings dürften zu diesem Zweck die Wohnungen nicht mehr leer stehen gelassen werden." Doch bis dahin gilt erst einmal: Solange die Nachfrage auch nach teuren Wohnungen in Berlin groß ist, wird auch der spekulative Leerstand in der Stadt weiter zunehmen.

Die Mieterinitiative aus Kreuzberg setzt jetzt auf Gespräche mit den neuen Eigentümern und hofft, bei der Entwicklung miteinbezogen zu werden. Auf jeden Fall will sie verhindern, dass aus Riehmers Hofgarten eine abgeschlossene Luxuswohnanlage wird.

Beitrag von Sabine Jauer, rbb Reporterpool