S-Bahnen in der Werkstatt (Bild: dpa)

Zahlen, Daten, Fakten - Hintergrund: Die S-Bahn in der Krise

2009 wird zum Seuchenjahr der S-Bahn: Eine Radscheibe bricht, ein Zug entgleist in Berlin-Kaulsdorf. In den Tagen und Wochen danach kommen alle Probleme ans Licht: Sparzwang, vernachlässigte oder verschobene Wartungen. Der Verkehr kommt zum Erliegen. Mittlerweile hat sich die Situation einigermaßen entspannt.

Die ersten Bahnstrecken entstehen bereits 1838 auf der Strecke Berlin - Zehlendorf Potsdam. Später werden immer mehr Stadtteile an das Netz angeschlossen. Diese Kopfbahnhöfe werden dann (ab 1851 mit der Verbindungsbahn) miteinander verknüpft. Bis 1877 ist bereits die Ringbahn vollendet. Die Stadtbahn (Ostbahnhof nach Charlottenburg) geht 1882 in Betrieb.

Das Zeichen der S-Bahn an einer S-Bahn-Brücke (dpa-Bild)
Seit 1930 das offizielle Symbol der S-Bahn

Die Anfänge der S-Bahn

1891 wird ein Nahverkehrstarif eingeführt, 1894 gibt es bereits 412 Kilometer Schienennetz und 114 Bahnhöfe, mehr als 1.000 Züge sind jeden Tag unterwegs. Ab 1900 wird auf ersten Strecken der elektrische Betrieb getestet.

Die S-Bahn wird offiziell am 8. August 1924 aus der Taufe gehoben. Sechs Versuchstriebwagen von AEG, eine neue Linie mit Strom (von unten und seitlich betrieben; 800 Volt Gleichspannung) geht in Betrieb - Stettiner Vorortbahnhof (Nordbahnhof) bis nach Bernau. Ab 1928 werden auch alle anderen Linien in der Stadt umgerüstet. 1930 wird das berühmte "S" als Symbol eingeführt.

Die S-Bahn in Zahlen

Fahrgäste
2008
388 Millionen
  2009
371 Millionen
  2012 395 Millionen
     
Haltestellen/Stationen   166
davon in Brandenburg   33
Bahnlinien   15
Streckennetz   330 Kilometer
Gefahrene Kilometer pro Jahr   32 Millionen
Durchschnittliche Reiseweite eines Fahrgastes   10,4 km
Mitarbeiter   rund 3.000
     
vertraglich vereinbarte Pünktlichkeit   96 Prozent
davon erreicht 2012 92 Prozent
  2011
84 Prozent
  2010 77 Prozent
  2009 80 Prozent
  2008 93 Prozent
  2007 93 Prozent
     
vertraglich zugesicherte Viertelzüge
  562
davon in Betrieb Juli 2009
160
  Feb. 2010
340
  Juni 2011 450
  Feb. 2012
459
  Juni 2013 522
Der S-Bahnhof Südkreuz (Bild: dpa)
Die S-Bahn ist eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn

Chronik: Die S-Bahn in der Krise

Zwei Kriege hat die S-Bahn überstanden, die Jahre der Teilung und die Wiedervereinigung bewältigt. Doch eine Krise wie in den Jahren ab 2009 hat sie wohl noch nie erlebt: Der größte Teil des Fuhrparks wird aus dem Verkehr gezogen, ein Notfallplan tritt in Kraft - über Jahre.

Dazu wird der Winter zum größten Feind der Züge, regelmäßig fallen sie aus, einige Gegenden sind vom Verkehr abgeschnitten. Die Bahn zahlt viele Millionen an Entschädigungen, bekommt weniger Geld von Berlin und Brandenburg. Die Situation hat sich mittlerweile wieder entspannt: Immer mehr Züge sind wieder auf der Strecke, die Pünktlichkeitswerte werden besser. Eine Chronik der Ereignisse.

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  • "Qualitätsoffensive"

    S-Bahn-Logo auf rotem Untergrund; Quelle: dpa

    "Qualify & Qualify plus" heißt das Sparkonzept der S-Bahn aus dem Jahr 2005. Hunderte Mitarbeiter werden in den kommenden Jahren entlassen - davon mehr als 300 bei der Instandhaltung. Auch die Intervalle zur Instandhaltung werden immer größer. Die Zahl der Züge sinkt, der Gewinn steigt.

  • 33 Verletzte

    Ein Zug der Linie S 25 kollidiert mit einem Gleismesswagen. Der Bereich war eigentlich gesperrt. Scheiben springen aus den Fassungen, die Waggons sind verwüstet, 31 Menschen werden leicht, zwei dagegen schwer verletzt.

  • Auslöser der Krise

    Eine S-Bahn in der Werkstatt (Foto: dpa)

    Am 1. Mai 2009 entgleist eine S-Bahn der Baureihe 481 im Bahnhof Kaulsdorf. Menschen werden dabei nicht verletzt. Grund ist ein Radscheibenbruch. Die Bahn verpflichtet sich zu regelmäßigen Kontrollen in kürzeren Abständen (alle 7 Tage).

  • Aus dem Verkehr

    Die Logos der S-Bahn Berlin und der Deutschen Bahn auf einem S-Bahn-Wagon (Foto: dpa)

    Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zieht einen Großteil der Flotte aus dem Verkehr, weil Kontrollen an Rädern und Achsen eben nicht ordnungsgemäß erledigt wurden. Wartungsberichte sollen sogar gefälscht worden sein. Der Verkehr bricht weitgehend zusammen, nur noch 165 der 632 Viertelzüge ist überhaupt einsatzbereit.

  • Führung wird ausgetauscht

    S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner (Bild: dpa)

    Die S-Bahn sollte Gewinne einfahren, Mitarbeiter wurden entlassen, technische Überprüfungen verschoben, Werkstätten geschlossen. Das kommt nach dem Kaulsdorf-Unglück ans Licht. Der Aufsichtsrat entlässt die vierköpfige Geschäftsleitung, Peter Buchner (Bild) wird neuer Geschäftsführer und ist es bis heute.

  • Nichts geht mehr

    "Kein Zugverkehr!" S-Bahn Berlin (Bild dpa)

    Super-GAU Notfahrplan: Auf der zentralen Trasse (Zoo-Ostbahnhof) fahren zweieinhalb Wochen lang keine S-Bahnen. Neue Auflagen des EBA legen drei Viertel der Flotte lahm.

  • Die Bremsen machen Ärger

    Nach den Ferien kann die Bahn die meisten Strecken wieder bedienen, die Züge sind kürzer, der Fahrplan ausgedünnt, die Waggons voll. Dann der nächste Schlag: Schäden an Bremszylindern. Die EBA zieht wieder viele Wagen aus dem Verkehr, der nächste Notfahrplan tritt in Kraft.

  • Entschädigungen

    2,60 Euro in Münzen liegen auf einem Fahrschein des VBB © dpa

    Die S-Bahn wird ihre Fahrgäste entschädigen. 35 Millionen Euro gibt sie dafür aus. Gleichzeitig kündigt die Bahn an, zum 13. Dezember zum Normalverkehr zurückzukehren. Das klappt nicht. Die S45 und die S85 fahren weiterhin nicht, andere Züge sind kürzer und voller.

  • Es wird kalt

    Eine Berliner S-Bahn fährt durch eine verschneite Strecke (DPA)

    Schnee und Eis zwingen die Bahn jährlich in die Knie, der Winter wird zum größten Problem der S-Bahn: Diverse Defekte (eingefrorene Türen und Bremsen) zwingen viele Waggons in die Werkstätten. Viele Haltestellen können nicht bedient werden, Züge bleiben liegen oder fallen aus.

  • 1 1/2 Jahre Notfahrplan

    Fährgäste der S-Bahn warten abends am S-Bahnhof Ostkreuz (Foto: dpa)

    Januar 2011: Seit weit mehr als einem Jahr gilt der Notfahrplan, und er gilt "bis auf weiteres". Nicht einmal die Hälfte der Wagen ist auf der Strecke. Die Fahrgäste sind genervt, wütend macht sie aber die Fahrpreiserhöhung zum 1. Januar. Einige Strecken (Spandau-Westkreuz, Strausberg-Strausberg Nord) werden nicht bedient.

  • Anschlag am Ostkreuz

    Und als wären all' diese Probleme noch nicht genug, gibt es immer wieder Angriffe gegen die S-Bahn. Mai 2011: Nach einem Brandanschlag am Ostkreuz bricht der Verkehr in Berlin teilweise zusammen. Juni 2011: Kabeldiebe legen den Berufsverkehr lahm. Oktober 2011: Brandsätze an den Gleisen, vier Tage in Folge.

  • Entschädigung die III.

    Eine Kunden kauft an einem Automaten eine Fahrkarte (Bild: dpa)

    Im November 2011 werden die S-Bahn-Kunden zum insgesamt dritten Mal entschädigt. Stammkunden fahren beispielsweise unentgeltlich. 38 Millionen Euro kostet das die Bahn.

  • "Schwarzer Tag"

    Eine S-Bahn fährt am Montag (05.03.2012) in Berlin auf der Strecke zwischen den Bahnhöfen Ostkreuz und Treptower Park. (Bild dpa)

    Stromausfall im Stellwerk Halensee: Der S-Bahn-Verkehr kommt in weiten Teilen der Stadt zum Erliegen - für viele Stunden. Bahnen stehen im Tunnel, auf offener Strecke, überall. Und zu diesem Zeitpunkt gab es noch gar keinen Schnee.

  • Senat behält Gelder ein

    Berliner Abgeordnetenhaus (Foto: dpa)

    Nicht erbrachte Leistungen (zu wenig Viertelzüge, Unpünktlichkeit) kommen die S-Bahn teuer zu stehen: Der Berliner Senat und die Regierung Brandenburgs behalten viele Millionen Euro an Zuschüssen ein.

  • S-Bahn-Unglück in Berlin-Tegel

    Zwischen Berlin-Tegel und Schulzendorf entgleist im August 2012 eine S-Bahn. Der Zug der Linie S 25 war am Mittag in Richtung Schulzendorf unterwegs, als er nach dem S-Bahnhof Tegel vermutlich wegen einer defekten Weiche aus dem Gleis springt. Sechs Menschen werden verletzt.

  • Sie fährt wieder

    Eine S-Bahn der Deutschen Bahn fährt in den Berliner S-Bahnhof Treptower Park ein (Bild: DPA)

    Nach gut vier Jahren wird am 3. Juni 2013 die S85 zwischen Waidsmannslust und Grünau wieder in Betrieb genommen. Nach vier Jahren fahren also alle Bahnen wieder planmäßig, auch wenn einige Verstärkerzüge noch fehlen. Die bisher einbehaltenen Gelder belaufen sich auf etwa 150 Millionen Euro.

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