"Massentierhaltung nein Danke" steht am 16.01.2016 in Berlin auf dem Plakat. Mehrere tausend Menschen nahmen nach Angaben der Polizei an der Demonstration von Kleinbauern, Umwelt- und Verbraucherschützern unter dem Motto "Wir haben Agrarindustrie satt" teil (Quelle: dpa)
Video: Abendschau | 16.01.2016 | Christina Heicappell

6. "Wir haben es satt!"-Demo in Berlin - Tausende gehen für Agrarwende auf die Straße

Höfesterben, Milch und Fleisch zu Dumpingpreisen, Landraub durch Investoren: Umwelt- und Agrarverbände sehen die Landwirtschaft an "einem Scheideweg". Zu einer Großdemo kamen am Samstag mehrere tausend Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin. Gegenwind kam von mehreren hundert Landwirten vor dem Hauptbahnhof.

Am Rande der weltgrößten Agrarmesse "Grüne Woche" in Berlin haben am Samstag tausende Menschen demonstriert. Um neun Uhr fuhren zwei Trecker-Kolonnen von Blankenfelde und Dahlem zum Potsdamer Platz los. Dort begann um zwölf Uhr die größte Kundgebung unter dem Motto "Wir haben es satt!". Etwa 50 Umwelt- und Landwirtschaftsverbände hatten dazu aufgerufen, es geht ihnen um die Frage: "Wird unser Essen zukünftig noch von Bäuerinnen und Bauern für den Bedarf einer Region erzeugt oder von Konzernen, die für den Weltmarkt produzieren?"

Laut Polizei haben sich etwa 13.500 Menschen aus ganz Deutschland versammelt, darunter viele Bäuerinnen und Bauern. Die Demo fand bereits zum sechsten Mal statt, wieder zum Auftakt der "Grünen Woche" (noch bis 24. Januar). Nach dem Zug durch die Stadt endete die Demo am Nachmittag mit einer Abschlusskundgebung vor dem Bundeskanzleramt.

Für die Agrarwende - gegen TTIP, Ceta & Co.

"Wir machen uns für eine ökologische Landwirtschaft stark, die Agrarindustrie haben wir satt", sagte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Georg Janßen. "Die aktuelle Agrarpolitik zielt nur auf eine Steigerung der Exporte, dadurch sinken die Preise." Das bedrohe die Existenz vieler Bauern. "Wir fordern die Bundesregierung dazu auf, die Rahmenbedingungen für kleinere und mittlere Betriebe zu verbessern. Die Gesellschaft will eine bäuerliche Landwirtschaft", so Janßen.

Zu den Forderungen der Demonstranten gehören auch die Einführung einer Herkunftskennzeichnung für Fleisch- und Milchprodukte und ein Verbot des Einsatzes von Gentechnik in der Landwirtschaft. Zudem richtet sich der Protest gegen die Agrarindustrie und die geplanten Freihandelsabkommen TTIP und Ceta.

Bundesregierung und Agrarindustrie setzten auf steigende Exporte vor allem von Fleisch und Milch zu Dumpingpreisen, kritisiert das Demo-Bündnis. Dafür werde die deutsche Landwirtschaft für den Weltmarkt getrimmt. Dieser Wettbewerb ruiniere Bauern nicht nur hierzulande, sondern auf der ganzen Welt. So hätten im vergangenen Jahr vier Prozent der deutschen Milchbauern ihren Hof aufgeben müssen, auch in der Region ist ein kontinuierlicher Rückgang bei der Zahl der Milchproduzenten zu verzeichnen. Die Förderung von Agrarkonzernen müsse beendet und eine Qualitätsoffensive an die Stelle der einseitigen Exportorientierung treten, fordern die Kritiker. Auch müsse für einen gerechten Handel weltweit gesorgt werden.

Zu der Großdemonstration ruft ein Bündnis von rund 50 Verbänden und Vereinen auf. Darunter sind die Erzeugergemeinschaften Neuland und Demeter, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das kirchliche Hilfswerk "Brot für die Welt" sowie Umwelt- und globalisierungskritische Organisationen.

Landwirte: "Wir machen Euch satt"

Bereits am Vormittag versammelten sich außerdem laut Polizei 500 Menschen vor dem Berliner Hauptbahnhof, um unter dem Motto "Wir machen Euch satt" für eine moderne Produktion von Lebensmitteln einzutreten.

Die Landwirte warben mit dem Slogan "Redet mit uns statt über uns" für einen Dialog mit der Agrarindustrie. Sie warfen den Organisatoren der "Wir haben es satt"-Demonstration ideologische Voreingenommenheit sowie Diffamierung landwirtschaftlicher Unternehmen und ihrer Betreiber vor.

"Wir wollen zu einem sachlichen Dialog zurückkehren", sagte Bauer Klaus-Peter Lucht. "Wir haben in Deutschland immer noch eine bäuerliche Landwirtschaft, die angeprangerten Agrarfabriken gibt es nicht."

Zu beiden Demos kamen weniger Teilnehmer als angekündigt. Die Organisatoren von "Wir machen Euch satt" hatten mit 1.500 Demonstranten gerechnet, zum Protestzug durch die Berliner Innenstadt waren 20.000 Menschen angemeldet.

Agrarökonom: "romantische Bilder von kleinen Betrieben"

Harald Grethe, Agrarökonom der Universität Hohenheim, sagte auf Radioeins, dass die Diskussion um eine Änderung der landwirtschaftlichen Produktion davon profitieren würde, "wenn man lösungsorientierter diskutieren würde". Grethe erklärte, in Hinblick auf die Landwirtschaft gebe es viel berechtigte Kritik. "So wird gefordert, dass wir mehr Tier- und Umweltschutz in der Landwirtschaft umsetzen. Und das sind auch sehr gerechtfertigte Forderungen, die auch den Mainstream der Gesellschaft widerspiegeln."

Der Agrarökonom sagte weiter, die Forderungen würden aber auch "vermischt mit agrarstrukturellen Zielen, wo man romantische Bilder hat, von einer kleinbetrieblichen Struktur, die so für viele bäuerliche Betriebe gar nicht umsetzbar ist." Die Verwendung von Kampfbegriffen, wie etwa "Massentierhaltung" oder "industrielle Landwirtschaft", dann fühlten sich viele Landwirte verunglimpft.

Grethe kritisierte vor allem die Agrarsubventionen. Hier werde "mit der Gießkanne" das Geld verteilt, statt zielorientiert den Tierschutz- und den Umweltschutz zu fördern.

BVG-Busse werden umgeleitet

Auch der Berliner Busverkehr ist von der Großdemonstration betroffen. Laut BVG werden die Busse der Linien 100, TXL, 140, M41, M48 zum Teil umgeleitet. Die BVG informiert darüber laufend auf Twitter.