Eine überfahrene Milchtüte der Marke "Mark Brandenburg" auf dem Kopfsteinpflaster (Quelle: imago/Steinach)

Landwirte durch Preisverfall unter Druck - Brandenburger Milchbauern brauchen "Licht am Horizont"

Niedrige Preise, weggebrochene Absatzwege, Überangebot: Milch zu produzieren lohnt sich für Bauern hierzulande kaum. Im Schnitt bringt eine Kuh sogar 100 Euro Verlust ein, pro Monat. Mehr Betriebe erwägten, die Milchproduktion ganz aufzugeben, warnt der Brandenburger Bauernverband - und drängt auf Veränderung. Von Bettina Rehmann

Schon traditionell ist die Großdemonstration für eine Agrarwende zum Start der weltgrößten Agrarmesse "Grüne Woche". Zum Messeauftakt am Wochenende hat ein Bündnis von rund 100 Organisationen zu der Demonstration aufgerufen. Ein Kritikpunkt unter vielen ist der Preisverfall bei der Milch. Eine Sprecherin des Bündnisses "Wir haben es satt!" sagte am Dienstag, immer mehr Landwirte müssten wegen der Agrarindustrie ihre Bauernhöfe aufgeben, die großen Konzerne gäben Billigpreise vor.

Milchkühe auf einem Brandenburger Milchbauernhof in Tietzow (Quelle: imago/Christian Ditsch)
Pro Kuh 100 Euro Verlust im Monat: Grund sind niedrige Erzeugerpreise

Zwar sind die Erzeugerpreise vom historischen Tief im Jahr 2009, als der Milchpreis unter 23 Cent fiel und Bauern Milch 'seenweise' wegkippten, noch entfernt. Doch die Milchproduktion lohnt sich für viele Produzenten offenbar nicht: Henrik Wendorff, Vizepräsident des Brandenburger Bauernverbandes sagte, bei derzeit knapp 25 bis 26 Cent pro Liter sei es nicht möglich, rentabel Milch zu produzieren. Milchreferent beim Verband, Simon Harnisch ergänzt: Pro Monat bringe eine Kuh dem Milchproduzenten einen Verlust von rund 100 Euro ein - je nach Anzahl der Milchkühe im Betrieb sei das eine ganze Menge.

Die Produzenten bräuchten eigentlich einen Milchpreis pro Liter von über 35 Cent, davon sind die Wendorff und Harnisch überzeugt. So könnte auch ein modernisierter Betrieb Investitionen abbezahlen. Doch stattdessen sei die Tendenz beim Milchpreis weiter rückläufig, warnte Verbandsvize Wendorff.

Milchquote nach 30 Jahren abgeschafft

Mit der vor mehr als 30 Jahren eingeführten europäischen Milchquote sollten stabile Preise für den Milchmarkt geschaffen werden: Wer mehr produzierte als die vorgegebene maximale Produktionsmenge, musste zahlen. Seit Mitte März 2015 ist dieses Kapitel Agrargeschichte abgeschlossen, die Quote abgeschafft. Was die Branche jetzt erwartet, ist ungewiss. Auch bei der "Grünen Woche" will man beim Fachforum "Milch" des Deutschen Bauernverbandes auf ein knappes Jahr ohne die Quote zurückzuschauen.

Rückgang der Betriebszahlen in Brandenburg: pro Jahr im Durchschnitt 23 Betriebe (3,7%) weniger Milchproduzenten

Branche braucht "Licht am Horizont"

Unmittelbar nach der Abschaffung der Quote im März 2015 hatte es noch eine leichte Erholung gegeben: Einen Monat später, im vergangenen April, lag der durchschnittliche Erzeugerpreis bei etwas mehr als 30 Cent, seitdem liegt der Preis wieder darunter. "Wir hatten die größten Milchkrisen mit Quote und haben viele Jahre mit Quote nicht auskömmlich produzieren können", stellte Wendorff fest. Aber ob die Abschaffung der Milchquote nun Besserung bringe, müsse sich erst noch zeigen.

Zurzeit werde viel Milch hergestellt - das liege an der guten Leistung der Milchkühe. In Brandenburg lag der Ertrag pro Milchkuh im Jahr 2014 bei 9.277 Kilogramm - seit Jahren steigt dieser Wert kontinuierlich. Doch die Einnahmen sind mau. Zudem ist Russland durch das EU-Embargo als Absatzmarkt weggebrochen. Wie Landesbauernverband-Präsident Udo Folgart kürzlich sagte, gehen den Landwirten bundesweit allein durch das Embargo und die damit fehlenden Absatzmärkte vier Cent pro Liter Milch verloren.

Auch wenn die Futtermittel derzeit günstig und die Energiekosten vergleichsweise niedrig sind: Die Branche brauche "Licht am Horizont", sagt Bauernverband-Vizepräsident Werndorff.

"Dazu verteufelt, weiter Milch zu produzieren"

Rund 500 Betriebe gehören derzeit in Brandenburg zur Branche der Milchwirtschaft. 2014 zählte das Statistikamt Berlin-Brandenburg knapp 164.000 Milchkühe in der Mark. Die Produzenten mit durchschnittlich 330 Milchkühen liefern an zwei Brandenburger Molkereien - Campina in Elsterwerda (Elbe-Elster) und die Gläserne Molkerei in Münchehofe (Dahme-Spreewald) - sowie überwiegend an Molkereien in angrenzenden Bundesländern, berichtet Milchreferent Simon Harnisch vom Brandenburger Bauernverband.

Doch in der Branche kriselt es: In den vergangenen 15 Jahren gaben in Brandenburg durchschnittlich 23 Betriebe auf, 2015 waren es 29 Betriebe. Zuletzt verkaufte das Brandenburger Landwirtschaftsunternehmen Odega in Golzow 500 Milchkühe wegen monatlicher Verluste in der Milchproduktion. Laut Bauernverbands-Vize Wendorff erwägen weitere Brandenburger Unternehmen, die Milchproduktion einzustellen. Doch: Viele Unternehmen sind nicht in der Lage, aus dem wenig rentablen Geschäft auszusteigen, weil ihnen die Flexibilität fehle. "Viele haben investiert, wir haben Abschreibungszeiten von 15 bis 20 Jahren – man ist dazu verteufelt, für diese Zeit seine Milchproduktion fortzuführen."

Um trotzdem überleben zu können, müssen Kosten gekappt werden. Am eigenen Gehalt zu sparen sei nur für Betriebe ohne Angestellte eine Möglichkeit. "In den Unternehmen mit Angestellten ist das schwierig." Auch die Quersubventionierung aus anderen Bereichen, zum Beispiel Ackerbau, sei schwierig und betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll. Durststrecken könnten die Unternehmen nicht auf Dauer überstehen, auch wenn sie derzeit noch in der Lage seien, Verluste auszugleichen.

Zeit für Veränderung

Wendorff sieht die Zeit für Veränderungen gekommen, die Produzenten seien aus seiner Sicht bereit dazu - Verarbeiter und Einzelhandel müssten nun ebenfalls Bereitschaft zeigen. So könne etwa der Handel die Verbraucher von angemesseneren Preisen überzeugen. Bei den Produzenten müsse dann unterm Strich aber auch mehr Geld ankommen. Im Oktober kostete ein Liter Frischmilch im Durchschnitt lediglich rund 65 Cent.

Beitrag von Bettina Rehmann, mit Informationen von Elke Bader