Eine Menschenmenge wartet am 02.11.16 an der Tür der Regionalbahn Richtung Berlin am Potsdamer Hauptbahnhof (Quelle: rbb/Melanie Manthey)

Reportage: Mit dem Regionalzug von Potsdam nach Berlin - Drängeln, Quetschen, Schieben

Wer mit der Regionalbahn von Potsdam nach Berlin pendelt, braucht starke Nerven, denn die Züge sind morgens oft rappelvoll. Wirkliche Entlastung könnte wohl nur die Wiederbelebung der Stammbahn bringen. Ein Erfahrungsbericht von Robin Avram.

Herren in blauer Uniform mit Schirmmütze, die mit aller Kraft ein Knäuel von Fahrgästen in die gelben Waggons hinein drücken: Der Beruf des U-Bahn-Schiebers in Tokio hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Das eigentlich Bemerkenswerte an diesen Bildern ist, mit welchem Gleichmut die Tokioter Fahrgäste diese klaustrophobische Prozedur über sich ergehen lassen - offenkundig gibt es für sie keine besseren Alternativen.

Ganz so schlimm wird es den Berufspendlern nicht ergehen, die am Bahnsteig des Potsdamer Hauptbahnhofs an einem trüben Freitagmorgen auf die Regionalbahn warten. Aber der stoische Gleichmut der meisten hier ist gleichwohl bemerkenswert - obwohl die Alternative in Form der S-Bahn nur ein Gleis weiter fährt.

"Ist schon voller geworden im Regio, auch durch die ganzen Studenten", murmelt der Mitfünziger Heiko Herrmann schulterzuckend, die Hände in den Parkataschen vergraben. Aber die nicht ganz so volle S-Bahn, die braucht bis zum Bahnhof Zoo nun mal 31 Minuten - schließlich sind zwei Streckenabschnitte immer noch eingleisig. Die Regionalbahn-Gleise hingegen sind durchgängig ausgebaut, zudem hält der RE seltener, deshalb braucht er nur 18 Minuten. "Ne Schnellbahn ist diese S-Bahn nicht", sagt Hermann, lacht, und wendet sich dem RE1 zu, der pünktlich um 7:42 Uhr in den Bahnhof einfährt. Lieber dicht an dicht gedrängt in der Regionalbahn zur Arbeit fahren - und dafür morgens etwas länger schlafen.

Viele heften den Blick nach draußen in die Ferne

Nachdem der rotlackierte, doppelstöckige Züg einfährt, bilden sich vor den Türen sofort Trauben von Menschen. Bevor die Jagd auf die Sitzplätze losgeht, strömt erst einmal ein Teil der Fahrgäste heraus, die in Brandenburg an der Havel und in Werder zugestiegen sind - doch die meisten Sitzplätze bleiben besetzt, schließlich wollen die übrigen Fahrgäste auch alle nach Berlin. Der Gänsemarsch in den Zug beginnt, langsam, stockend sucht sich jeder einen Platz, den Hintermann direkt im Rücken.

Als alle Fahrgäste eingestiegen sind, sind die Gänge des Zuges so voll, dass sich ein gutes Dutzend Fahrgäste im Waggon nicht einmal an einer der Haltestangen festhalten kann. Doch umfallen kann hier keiner, schließlich rückt man sich auf die Pelle, zwangsläufig. Viele heften den Blick nach draußen in die Ferne, andere starren auf ihr Smartphone, während der Zug mit einem Rucken anfährt. Auch auf den Treppenstufen zum oberen Abteil sitzen Fahrgäste. Fotografieren im Zug hat die Bahn rbb|24 übrigens nicht gestattet - die Fahrgäste könnten sich gestört fühlen, so die Begründung.

Aber warum ist das hier so voll - und warum setzt die Bahn nicht einfach mehr Züge ein?

Auf ein Stelldichan in Potsdam

Die Stadtbahn-Strecke ist laut Bahn "ausgelastet bis überlastet"

Die Zahl der Berlin-Pendler auf der RE1-Strecke - also aus Potsdam, Brandenburg und Werder - ist in den vergangenen Jahr enorm gestiegen: Laut der rbb-Pendleratlas sind es inzwischen rund 19.300 Pendler täglich. Insgesamt fahren im Regionalverkehr laut dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) derzeit werktags täglich sogar 36.000 Fahrgäste über die Landesgrenze bei Berlin-Wannsee.

Von einem "dynamischen Wachstum" des Verkehrs zwischen Berlin und Potsdam spricht die Deutsche Bahn, und davon, dass man morgens bereits den Takt erhöht habe. Aber  die sogenannte Stadtbahn - also die Strecke zwischen Ost- und Westkreuz - sei durch Fernzüge und andere Regionalverbindungen inzwischen "ausgelastet bis überlastet".  

Weil Entlastung also dringend Not tut, setzen sich die Bahn und der Fahrgastverband IGEB dafür ein, die sogenannte "Stammbahn" wieder zu reaktivieren - eine nach dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend stillgelegte Eisenbahnstrecke, die von Zehlendorf über Kleinmachnow nach Griebnitzsee fuhr (siehe Karte). "Das würde sicherlich einen dreistelligen Millionenbetrag kosten, aber das wäre gut angelegtes Geld. Diese Strecke würde eine deutliche Entlastung für die Pendler bringen und Kleinmachnow ans Bahn-Netz anschließen", sagt IGEB-Sprecher Jens Wieseke.

Liniennnetz der BVG mit möglicher Verbindung zwischen Zehlendorf und Griebnitzsee (Quelle: BVG mit Ergänzungen vom rbb)
Die "Stammbahn" könnte Entlastung für die Potsdam-Pendler bringen - und Kleinmachnow ans Zugnetz anschließen

Eine neue Stammbahn wäre nicht vor 2027 fertig.

Auch Verkehrssenator Geisel gehört seit einem Jahr zu den Fans einer Stammbahn-Wiederbelebung, er gab eine Untersuchung zu Kosten und Wirtschaftlichkeit in Auftrag. Bis Ende des Jahres soll das Ergebnis vorliegen: "Wir halten das für einen guten Vorschlag, weil der Verkehr zwischen Potsdam und Berlin weiter anwachsen wird", sagt Geisels Sprecher Martin Pallgen schon jetzt. Doch noch ist unklar, ob Geisel im neuen Kabinett Verkehrsenator bleibt - und wo ein möglicher neuer Verkehrssenator seine politischen Schwerpunkte legen würde.

Und selbst wenn der Stammbahn-Ausbau im kommenden Jahr beschlossen werden sollte: die Planung einer Eisenbahntrasse dauert so lange - da könnte man in anderen Städten glatt einen neuen Flughafen bauen. "Wenn wir im Jahr 2023 Baubeginn haben, sind wir schon gut. Mit der Fertigstellung würde ich nicht vor 2027 rechnen", sagt Fahrgast-Lobbyist Wieseke mit dem Gleichmut des langjährigen Experten. Geisel-Sprecher Pallgen widerspricht da nicht.

In Wannsee wird es so richtig eng

Im Jahr 2027 lockt also Entlastung - frühestens. Bis es so weit ist, sind nicht wenige der Pendler, die auf den Gängen des am Bahnhof Griebnitzsee vorbeirauschenden RE1 stehen, wohl schon im Ruhestand. Viele andere werden in den kommenden Jahren wohl notgedrungen doch auf die langsamere S-Bahn oder das Auto umsteigen müssen. Denn ein weiteres Fahrgastwachstum kann der RE1 beim besten Willen kaum verkraften.

Ruhe und Beinfreiheit kann man im "Kuschel-Regio" allenfalls noch in der teuren 1. Klasse genießen - doch auch dort sind nur noch zwei Sitzplätze frei. Der RE1 fährt am Bahnhof Wannsee ein, der Reporter und die Fotografin steigen aus, um das neuerliche Pulk der Fahrgäste vor den Türen zu dokumentieren. Diesmal wird es beim Einsteigen so richtig eng - so dicht gedrängt stehen die Fahrgäste vor den Türen, dass so mancher schnell noch zu einer anderen Tür hastet, um dort irgendwie noch im Zug unterzukommen. Drängeln, Quetschen Schieben - so sieht der Alltag vieler RE1-Pendler schon heute aus. Fragt sich, wie lange es noch dauert, bis die Deutsche Bahn ihr Angebot an Ausbildungsberufen erweitert - um den Job des Regionalbahn-Schiebers.

Anmerkung I: Wie die Deutsche Bahn ankündigte, soll in der Stoßzeit zwischen 7 und 9 Uhr  künftig zumindest je ein zusätzlicher Zug der Linien RB21 und RB22 eingesetzt werden. Mit diesen Zügen gelangen Pendler ebenfalls von Potsdam Hauptbahnhof bis nach Berlin-Friedrichstraße - allerdings können in einer Regionalbahn wesentlich weniger Passagiere mitfahren als in einem Regionalexpress.

Anmerkung II: In einer früheren Version dieses Beitrag hieß es, dass für die Reaktivierung der Stammbahn die überwucherten Gleise verbreitert und eine Brücke gebaut werden müsse. Nach Angaben der Schutzgemeinschaft Stammbahn müssten aber bis zu sieben Brücken neu gebaut werden, zudem müssten die Gleise auf einem Teilabschnitt zwischen Düppel und Griebnitzsee neu beplant und errichtet werden. Wir bitten diese Ungenauigkeiten zu entschuldigen.

Beitrag von Robin Avram

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Vorschläge dieser Art kommen vor allem von Personen, die sich früher nach der Wende in der Straße "An der Stammbahn" in Kleinmachnow Grundstücke gekauft haben, obwohl die wussten, dass sie an einer nicht entwidmeten Bahnstrecke wohnen werden . Wahrscheinlich spekulieren die darauf, dass die Stammbahn nicht gebaut wird, und die Grundstücke der Trasse an die Anlieger verkauft werden. Dann haben wir genau dieselbe Situation wie am Griebnitzsee. Kein Durchgang für die Öffendlichkeit!

  2. 11.

    Wo sollen denn auf der Stadtbahn noch zwei Umläufe Re1 hin, die ist ja schon genug ausgelastet ? Dann kommt dazu, dass die Eisenbahnverkehrsunternehmen nach den Vorstellungen des Vbb arbeiten. Noch mehr Wagen können nicht angehangen werden, da vor einiger Zeit, viele Bahnhöfe aus Ersparnisgründen zurückgebaut wurden und es ne Menge Geld kostet sie wieder zureaktivieren, dann kommt wieder mehr Personal ins Spiel, weil ein Kundenbetreuer, darf max 5 Doppelstockwagen alleine begleiten und ab dem 6. muß ein zweiter Kundenbetreuer mitfahren.

  3. 10.

    Die Stammbahn löst das Problem nicht, denn die meisten Pendler müssen in die Innenstadt von Berlin und nicht nach Zehlendorf, was eine Wohngegend ist! Die Lösung des Problems: zu den Kernzeiten muss mindestens im 20 Minuten Takt ein Regio (RE1, RB) Richtung Zoo (Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Alexanderplatz). Schlecht recherchiert: das Problem der überfüllten Züge besteht übrigens auch nachmittags (fahren Sie mal mit dem 15:55 oder 16:25 RB1 nach Berlin). An der Uni Potsdam und der Fachhochschule Potsdam studieren und arbeiten Jahr für Jahr mehr Menschen und das höhere Verkehrsaufkommen wurde bisher nicht kompensiert.

  4. 9.

    Die Stammbahn ist meiner Meinung nach unabkömmlich, die Politiker können ja gerne mal selbst ne Runde RE1 fahren.
    Ein anderes Problem sind meiner Meinung nach die kurzen Bahnsteige, wenn man mal von den großen Bahnhöfen absieht der RE1 Takt Brandenburg-Frankfurt könnte ohne Probleme mit 7 oder mehr Waagen fahren. Dafür müsste man aber aus den 140 Meter Bahnsteigen mindestens 200 Meter machen bis Frankfurt. Wäre bis 2027 die Schnellere und günstigere Variante. Aber dass will wohl der VBB nicht.

  5. 8.

    Schon die Anbindung der Regios an S-und U-Bahn und den trödeligen, noch volleren ViP ist grottenschlecht. Planung? Warum Regionalbhf Charlottenburg statt Anbindung zum Ring Westkreuz versteht kein Mensch. U3 endet ohne Anschluss zur s1 usw. Aber der Zeitkarteninhaber zahlt ja...... Ach ja, Waggons anhängen würde auch schon helfen...

  6. 7.

    Ich pendel seit Jahren zwischen Potsdam und Berlin. Die Situation ist nicht nur auf dem RE1 massiv schlecht sondern auch auf dem RE7 aus Richtung Belzig. Dass die Stadtbahn überlastet ist, ist eine Tatsache derer nicht widersprochen werden kann. Allerdings bekommt die Bahn es ja bei Störungen auch hin, die Züge umzuleiten von Wannsee nach Gesundbrunnen. Es wäre also eine Option über reguläre Entlastungszüge nachzudenken, welche auch diese Richtung bedienen. Nicht wenige Fahrgäste wechseln nämlich am Bhf. Zoo, Hbf., Friedrichstrasse oder Alex das Verkehrsmittel und verteilen sich innerhalb oder sogar ausserhalb des S-Bahn Ringes. Auch die angeblichen Entlastungszüge der RB21/22 nach Friedrichstrasse sind eher ein Hohn. Einerseits fahren sie kurz vor oder hinter einem RegioExpress und kommen, obwohl in Golm einsetzend, meist zwischen 5 und 15 Minuten später als Fahrplan und sind ebenso überfüllt. Verstärkerfahrten bis Bhf. Zoo geben und Einzelfahrten in den Norden wären ein Ansatz.

  7. 6.

    Lieber Besserwisser,

    der städtische Raum wird immer weiter zugebaut - fast jede verbleibende Lücke wurde bereits oder wird zeitnah geschlossen. Wohnraum und Infrastruktur ist wichtig, aber Mensch und Natur brauchen Luft zum Atmen. Und auch Bahnstrecken versiegeln Fläche. Darum sollten wir uns erstmal fragen, wie wir vorhandene Infrastrukturen ausbauen bzw. nutzen können. Bevor es kein zweites Gleis zwischen Berlin und Potsdam gibt, bevor die S1 nicht im zeitgemäßen Fünfminutentakt fährt und bevor nicht die alte Bankierstrasse über Wannsee, Mexikoplatz und Zehlendorf für eine Regionalbahn geöffnet wurde, so lange brauchen wir kein neues Wahnsinnsprojekt im Südwesten zu starten. Da hat Berlin wichtigeres zu tun...

  8. 5.

    Machen Sie doch mal eine Wanderung auf dem stillgelegten Abschnitt der Stammbahn zwischen Kohlhasenbrück und Bahnhof Zehlendorf: Eine gerade Strecke, meist zwischen Wald und ein paar Häuschen. Deren Bewohner haben aber keine Lust, ihre Friedhofsruhe aufzugeben, und einige Zehlendorfer würden den Hintereingang zu ihren Grundstücken verlieren, den sie inzwischen am überwucherten Bahngelände angelegt haben. Wie bei anderen Bauprojekten gilt auch hier: Ja, ja, natürlich ist das alles wichtig - aber doch nicht vor meiner Haustür! Meine Ruhe und irgendein Käfer, der hier siedelt, sind doch wichtiger als die Interessen von ein paar tausend Menschen. Der Schutzheilige vieler Bürgerinitiativen ist eben Sankt Florian.

  9. 4.

    Mal eine dumme Frage: Gibt es eigentlich einen Grund dafür, dass der Regionalexpress nur halbstündlich statt etwa alle Viertelstunde fährt?

  10. 3.

    Die "objektive" Information auf www.stammbahn.de ist leider genauso wenig mit belastbaren Zahlen unterfüttert wie die anderen Äußerungen der Befürworter der Stammbahn.

  11. 2.

    Es gibt auch noch eine Webside, auf der man sich über die Stammbahn objektiv informieren kann.
    www.stammbahn.de

  12. 1.

    Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Avram, hätte nicht gedacht, dass Herr Wiesecke nicht bis FÜNF zählen kann. Es geht um ein kostengünstiges realistisches Angebot, um den Fahrgaststrom Potsdam Berlin Potsdam zu befördern. Alle 5 Minuten eine S-Bahn mit dem zweigleisigen Ausbau zwischen Wannsee und Potsdam (ca. 100 Mio) und wenn dies noch nicht reicht, Nutzung einer zur Zeit vorhandenen Trasse bis Lichterfelde West. der weitere Ausbau von dort bis Potsdamer Platz möglich (Teilaktivierung der Stammbahn). Bitte besser recherchieren, dann hätten Sie diese Strecke schon einzeichnen können. In Kleinmachnow ist Bürgermeisterwahl, entsprechend sind die Verlautbarungen zu diesem Thema. Die Gemeinde bringt aber nicht den Effekt, weil nur ca .2000 Ein-und Ausstieg pro Tag aus einem zurückgefahrenen ÖPNV angeboten werden. Also Umverteilungen.
    Aktuelles hierzu gibt es immer auf www.m.facebook.de/stammbahn

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