Schleppergeschicklichkeitsfahren auf der Grünen Woche 1956 (Quelle: Messe Berlin)

Chronik - Von der lokalen Warenbörse zur Weltmesse

Im Jahr 1926 fand die Grüne Woche zum ersten Mal statt. Auf gerade einmal 7.000 Quadratmetern drehte sich alles um Landwirtschaft, Angeln und Jagen. Im Laufe der Jahre haben sich die Schwerpunkte deutlich verändert. rbb|24 blickt zurück.

Berlin, Anfang des 20. Jahrhunderts: Die Reichshauptstadt entwickelt sich zwischen zwei Weltkriegen zu einer europäischen Metropole mit regem Kultur-, Geschäfts  und Nachtleben. Es gibt aber auch noch ein anderes Bild von Berlin: Landwirtschaft und Viehhaltung florieren, 45.000 Pferde, 25.000 Schweine, 21.000 Milchkühe und mehr als eine halbe Million Stück Geflügel werden in der Stadt gezählt. Mindestens 200.000 Berliner bauen Obst und Gemüse im Kleingarten an.

Aus dem "wilden Handel" wird die Grüne Woche

Landwirte aus ganz Deutschland reisen einmal pro Jahr zu ihrer traditionellen Wintertagung in die pulsierende Reichshauptstadt. Zeitgleich finden über die ganze Stadt verstreut Reitturniere, Kleintierausstellungen und Jagdschauen statt. Mit dabei sind auch Straßenhändler, die den Bauern während der Tagungszeit Messer, Geschirre und andere Ausrüstungsgegenstände rund ums Jagen, Angeln und die Landwirtschaft im Allgemeinen anbieten.

Ein Mitarbeiter des Berliner Fremdenverkehrsamtes kommt 1926 auf die Idee, die Tagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und die vielen anderen Veranstaltungen in einer gemeinsamen Ausstellung zu koppeln. Die erste "Grüne Woche" ist geboren. Sie findet in der Funk- und Autohalle am Kaiserdamm statt, wo sie noch bis heute ihre Heimat hat. Im Eröffnungsjahr werden bereits mehr als 50.000 Besucher gezählt.

Zu ihrem Namen kommt die "Grüne Woche", weil die Zugereisten vom Land in ihren grünen Lodenmänteln im Winter für eine Woche das Straßenbild dominieren. Journalisten gaben der Agrarmesse so ihren Namen.

Die Grüne Woche im Wandel der Zeit

Ab den 1930er Jahren entwickelt sich die Grüne Woche rasant. Errungenschaften aus den Bereichen Wissenschaft und Technik feiern fortan ihre Premieren auf der Messe, so zum Beispiel eine Fußspurmaschine, die beweisen soll, dass ein Hund nur der menschlichen Fußspur und nicht dem Geruch nachläuft. Oder auch eine riesige Eierfrischhaltemaschine, in der sich 5.000 Eier im Kreis drehen, die auf diese Weise über ein Jahr auf "natürlichem Wege" frisch gehalten werden sollen.

Starker Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit Hitler an der Macht ändert sich ab 1933 der Hintergrund der Grünen Woche. Bald wird die Agrarausstellung zu einer Lehrschau des Nationalsozialismus. Auf einmal geht es um die Überlegenheit der deutschen Rasse, um Blut- und Bodenpolitik und das deutschnationale Verständnis von Heimat. 1938 fällt die Grüne Woche wegen einer grassierenden Maul- und Klauenseuche aus.

Nach kriegsbedingter Pause beleben Schrebergärtner und Neusiedler ab 1948 die Messe im zerbombten und in Sektoren geteilten Berlin wieder neu. Mit dem Wiederaufbau kommen auch neue Attraktionen auf die Messe, so zum Beispiel die Blumenschau. Ab 1951 gewinnt die Grüne Woche mit Holland als erstem ausländischen Aussteller langsam das Renommee einer internationalen Schau. Sie spricht anfangs besonders Landwirte aus der DDR an, doch nach dem Mauerbau ist vorerst Schluss damit. Die Messe findet die nächsten Jahrzehnte in westlicher Insellage statt.

Ab den 1960er Jahren vergrößert sich vor allem das Ess- und Trinkangebot der inzwischen "Internationale Grüne Woche" genannten Ausstellung jährlich. Spezialitäten nah und fern werden nach Berlin gebracht und so gibt es beispielsweise 1979 Elsässer Schnecken, marokkanischen Hammelbraten, belgischen Chicorée und dänischen Joghurt im Angebot.

Es geht nicht ohne "Bio"

Seit dem Mauerfall gehen die Besucherzahlen jährlich in die Hunderttausende, parallel dazu wächst auch die Fläche der Ausstellung stetig. Publikumsrenner sind Blumen, Tiere und vor allem alles rund ums leibliche Wohl. Die fachwissenschaftlichen Tagungen zu landwirtschaftlichen Themen, der eigentliche Grund der Messe, verstecken sich im Rahmenprogramm - immerhin mit inzwischen 300 Vorträgen, Seminaren und Symposien. Sensibilisiert für vollwertige Ernährung und Nachhaltigkeit greifen die Aussteller heute immer mehr gesunde Trends und Themen auf. Das reicht von Biomärkten (seit 1998 gibt es den Biomarkt) über erneuerbare Energien bis hin zu Klimaschutz. Seit 2005 hat die Grüne Woche immer ein offizielles Partnerland im Fokus. Beim ersten Mal war es Tschechien, 2017 ist es Ungarn.

"Wir haben es satt" spielt eine Rolle

Die Grüne Woche ist über die Jahre nicht nur internationaler geworden, sondern auch politischer. Themen der Agrar- und Ernährungswirtschaft werden kontroverser debattiert, nicht nur bei der "Wir-haben-es-satt"-Demo am Rande der Messe. Die Messe selber spricht von einer "neutralen Plattform für unterschiedliche Sichtweisen" - statt nur Häppchen zum Testen anzubieten.

Zum zweiten Mal nicht mehr dabei ist 2017 Russland. Schon im letzten Jahr hatten die Russen sich gegen eine Anmeldung entschieden. Hintergrund sind politische Spannungen: Die EU hatte in der Krim-Krise Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Im Gegenzug hatte Präsident Wladimir Putin 2014 ein Embargo gegen westliche Agrarprodukte ausgesprochen, das bis heute gilt. Deshalb sind auf der Grünen Woche 2017 lediglich Vertreter von Ministerien oder Vermarktungsgesellschaften aus Russland anzutreffen. Zum Bedauern der Veranstalter, die bis zuletzt auf eine Anmeldung auf Moskau gehofft hatten. Ausgebucht ist die Grüne Woche auch in diesem Jahr: Bis zu 120.000 Quadratmeter können die Besucher sich erlaufen in den Messehallen unter dem Funkturm. Auch wenn die landwirtschaft für Berlin nicht mehr die große Rolle spielt wie beim Start 1926: Viecher gibt es nach wie vor genug zu bestaunen, gestreichelt werden darf auch von den Stadtkindern.