
Erster Publikumstag auf der Grünen Woche - Tierschützer protestieren bei Messeeröffnung
Bis zum 26. Januar werden auf der Grünen Woche in Berlin rund 400.000 Besucher erwartet - doch nicht alle kommen nur wegen der angebotenen Spezialitäten. Immer mehr Verbraucher erwarten, dass ihre Lebensmittel artgerecht und ökologisch verträglich produziert werden. So gab es schon am ersten Messetag Proteste gegen die Auswüchse der Agrarindustrie und einen Vorgeschmack auf die für Samstag angekündigte Großkundgebung.
Begleitet von Debatten über die Zukunft der Landwirtschaft hat am Freitag in Berlin die Grüne Woche begonnen. Zur weltgrößten Agrarmesse werden bis zum 26. Januar mehr als 400.000 Besucher erwartet - doch nicht alle kommen nur wegen der lukullischen Köstlichkeiten. Bereits am ersten Messetag wurde deutlich, dass der Ton zwischen den Agrarbetrieben auf der einen Seite sowie Umwelt- und Tierschützern auf der anderen Seite schärfer wird.
"Tiere fühlen nichts"
Zwar sprach Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) auf seinem Messerundgang von einer hervorragenden Gelegenheit, Produkte von guter Qualität vorzustellen, doch Tierschützer nutzten die Gelegenheit, um auf die negativen Begleiterscheinungen der Massentierhaltung aufmerksam zu machen. Ein bitterer Beigeschmack für die Messe-Organisatoren - und ein Vorgeschmack auf die für Samstag angekündigte Großkundgebung, zu der zwischen Potsdamer Platz und Bundeskanzleramt rund 20.000 Teilnehmer erwartet werden.
Am Freitagnachmittag waren etwa 30 Demonstranten mit Trommeln und Glocken ins Internationale Congress Centrum (ICC) am Messegelände eingedrungen und hatten gegen die Bedingungen in der Fleischproduktion protestiert. Auf ihren Transparenten standen ironisch gemeinte Forderungen wie "Größere Tierfabriken" oder "Tiere fühlen nichts".
Hofreiter warnt vor weiterer Industrialisierung
Der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter, warnte anlässlich der Grünen Woche vor einer weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft. "Wir müssen weg von nicht artgerechter Massentierhaltung und unkontrollierter Gentechnik", sagte Hofreiter. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wies auf den Verbraucherschutz und die Probleme der Welternährung hin - beides auch Themen bei einem Treffen von Agrarministern und Regierungsvertretern aus mehr als 70 Ländern, das am Samstag parallel zur Messe stattfinden wird.

Breite Debatte um Massentierhaltung
Auch der Verein Agrarbündnis nahm die Grüne Woche zum Anlass, die traditionelle Landwirtschaft und insgesondere die Haltung von Nutztieren zu kritisieren. Der Verein aus Umweltorganisationen, Öko- und Kleinbauernverbänden legte im Vorfeld der Messe die neue Ausgabe seines Kritischen Agrarberichts vor. Die Massentierhaltung gehöre abgeschafft, forderte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.
Bundeslandwirtschaftsminister Friedrich dagegen wies pauschale Kritik an der Massentierhaltung zurück. Den Bauern sei selbst an guten Haltungsbedingungen gelegen. "Eine Kuh, die krank ist, gibt weniger Milch", sagte Friedrich am Donnerstag. "Insofern haben die Landwirte ein hohes Interesse am Wohlbefinden ihrer Tiere sowie auch an der Aufrechterhaltung der Qualität ihrer Böden, die sie ja ihren Kindern vererben wollen." Es sei schade, wenn das Bild der Branche von einigen schwarzen Schafen geprägt werde. Dies gelte es zu ändern und zu verdeutlichen, dass die allermeisten Betriebe so arbeiteten, wie es sich die Verbraucher vorstellten.
![Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband [Imago] Joachim Rukwied, Präsident Deutscher Bauernverband [Imago]](/wirtschaft/thema/Gruene-Woche-2014/beitraege/tierschuetzer-protestieren-auf-gruener-woche/_jcr_content/articlesContList/picture_0/image.img.jpg/rendition=original/size=320x180.jpg)
Bauernpräsident spricht von "Kampfthemen"
Wie nun aber mit dem Protest umzugehen ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Bauernpräsident Joachim Rukwied gab am Donnerstag die Parole aus, die Branche sei nicht mehr bereit, über "Kampfthemen" mit Menschen zu diskutieren, die eine andere Landwirtschaft wollen. Ganz andere Töne schlägt dagegen Bayerns Agrarminister Helmut Brunner (CSU) an.
Er warnte die Bauern davor, den Dialog mit ihren Kritikern abzubrechen. "Es ist wichtig, dass man auch Meinungen ernst nimmt, die in eine andere Richtung gehen", sagte Brunner am Freitag zum Auftakt der Grünen Woche. "Mir ist es lieber, wir machen es an einem Runden Tisch als über die Medien." Das führe nur zu Populismus und gegenseitigen Verletzungen.
"So eine Diskussion lässt sich nicht auf Befehl beenden", sagte NRW-Ressortchef Johannes Remmel (Grüne) und verlangte, die Fragen von Umweltverbänden ernst zu nehmen. "Denn das sind die Fragen der Bürgerinnen und Bürger." Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, sagte: "Wir reichen so oft die Hand in Richtung Landwirte, und ich finde, Herr Rukwied sucht immer noch nur den Rohrstock, um auf die Hand draufzuhauen." Jenseits der
politischen Verbandsebene arbeiteten Tierschützer und Bauern dagegen gut zusammen, hob Schröder hervor.
Lebensmittelbranche setzt vor allem auf Export
Der Deutsche Bauernverband und die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE) rechnen mit einem guten Jahr 2014. Zwar sei der Export im vergangenen Jahr mit 5,2 Prozent weniger stark gewachsen als in den vergangenen Jahren, mit knapp 54 Milliarden Euro habe er aber wieder ein Rekordniveau erreicht, sagte BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff.
Im Inland hingegen sieht die BVE die Lage gespannt. Gründe seien der harte Wettbewerb, hohe Produktionskosten und gestiegene Kundenansprüche. Verbraucher müssen sich darauf einstellen, dass die Lebensmittelpreise in diesem Jahr weiter steigen. "Wir gehen nicht von sinkenden Preisen aus", sagte Minhoff.
In diese Kerbe schlägt auch Thilo Bode vom Verbraucherschutzverein Foodwatch. Er geht unter anderem von steigeneden Fleischpreisen aus. "Wir müssen Tiere anständig behandeln. Und wenn wir das tun, dann wird Fleisch auch teurer. Es muss dann auch teurer werden", sagte er am Freitag dem rbb. "Man kann nicht beides haben, billige Preise und die Tiere gut halten." Auch die wachsende Weltbevölkerung werde zu dem Preisanstieg beitragen.
Ähnlich äußerte sich Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger. Nicht nur bei Fleisch sondern bei Lebensmitteln insgesamt seien die Preise sehr niedrig, sagte der SPD-Politiker ebenfalls im rbb. Das mache ihn nachdenklich. Man könne die Marktgesetze aber nicht außer Kraft setzen. Am Ende entscheide der Verbraucher, wie viel Geld er für welche Qualität ausgeben wolle.
Friedrich erwartet günstigere Preise für Öko-Produkte
Verbraucherschützer kritisierten anlässlich des Messeauftakts den stagnierenden Ausbau der Öko-Landwirtschaft. Das Entwicklungsziel der Bundesregierung, 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland von Bio-Bauern bestellen zu lassen, sei in weite Ferne gerückt, sagte der Präsident des Umweltbundesamtes, Thomas Holzmann.
Dagegen sagte Bundeslandwirtschaftsminister Friedrich, dass letztlich der Verbraucher bestimme, was produziert werde. Allerdings müsse man bereit sein, "auch den entsprechenden Preis zu bezahlen". Dennoch zeigte sich Friedrich überzeugt, dass Ökoprodukte noch günstiger werden - trotz insgesamt steigender Lebensmittelpreise.






