Winfried Böhmer vom Aktionsbündnis "Klare Spree" an einem verockerten Fluß im Spreewald (Quelle: ems)

360-Grad-Video | Braune Spree - "Dieses Gewässer ist ökologisch tot"

Seit Jahren beobachten die Menschen in der Lausitz, wie die Zuflüsse der Spree und die Spree selbst immer brauner werden - so braun wie die Braunkohle, deren Gewinnung die sogenannte Verockerung der Spree verursacht. Doch was ist Verockerung? Und lässt sie sich aufhalten? Von Elisa Luzius und Vanessa Kockegei

Die Debatte um die Braunkohlegewinnung - auch in der Lausitz - ist in vollem Gange. Während die Frage der Versorgungssicherheit bleibt, ist die Energiewende auf dem Vormarsch. Längst sind es nicht mehr nur Umweltschützer, die auf die Folgen des Braunkohlebergbaus aus DDR-Zeiten aufmerksam werden. Denn die Spree ist braun. Und sie wird zunehmend brauner, vor allem an ihren Zuflüssen - dort, wo die sogenannte Verockerung sichtbar wird und für die Lebewesen drastische Folgen hat.

Was die Verockerung mit dem Wasser der Spree anrichtet, erleben Sie in dem folgenden 360-Grad-Video. Winfried Böhmer vom Aktionsbündnis "Klare Spree" erklärt, wo das Problem liegt.

Was ist Verockerung?

Die Verockerung der Spree ist eine Folge der Braunkohlegewinnung. Für die Errichtung von Tagebaugruben muss der Grundwasserspiegel massiv abgesenkt werden. Die Böden enthalten Schwefelkies, gelangen in Kontakt mit Sauerstoff und es bilden sich vor allem zwei Produkte: Sulfat und Eisen. Im Boden führen diese Stoffe zunächst einmal nur zu einem niedrigen pH-Wert.

Das eigentliche Problem beginnt jedoch, wenn ein Tagebau wieder zurückgebildet werden soll. Steigt der Grundwasserspiegel wieder an, werden Sulfat und Eisen aus dem Boden ausgewaschen, das Eisen oxidiert und wird zu Eisenhydroxid. Dieses sogenannte Eisenocker setzt sich als Schlamm am Grund der Spree ab und färbt sie braun.

Was bedeutet das für die Umwelt?

Ökologisch gesehen ist die Verockerung eine Katastrophe: Es wachsen keine Wasserpflanzen mehr und Wirbellose wie Krebstiere oder Insektenlarven wird die Nahrungsaufnahme vom Boden der Spree durch den Schlamm verwehrt. Dadurch wird zugleich den Fischen und damit wiederum auch dem Otter oder dem Eisvogel die Nahrungsgrundlage entzogen.

Sind diese Stoffe auch für die Menschen bedenklich?

Laut dem Aktionsbündnis "Klare Spree" ist "das Eisenocker für die menschliche Gesundheit nicht schädlich". Problematisch sind hingegen die Sulfatwerte: Steigt das Grundwasser, steigen auch die Werte von Sulfat im Grundwasser teils auf bis zu 500 Milligramm, heißt es vom Aktionsbündnis. In der Trinkwasserverordnung liegt der Grenzwert allerdings bei 250 Milligramm. Um die Werte des Sulfats im Trinkwasser zu senken, sagt Umweltschützer Winfried Böhmer vom Aktionsbündnis "Klare Spree", wird unbelastetes Wasser mit niedrigeren Sulfatwerten beigemischt. Laut Böhmer könnten erhöhte Sulfatwerte selbst das Trinkwasser in Berlin betreffen.

Braunes Spreewasser (Quelle: ems)

Erwarten uns diese Folgen auch aus den noch aktiven Tagebauen oder gilt das nur für Altlasten aus der DDR?

Der Pressesprecher der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG), Thoralf Schirmer, weist darauf hin, dass die noch aktiven Tagebaue nachweislich keinen Anteil an der Braunfärbung der Spree haben. Dies sei auch durch unabhängige Studien belegt.

Anders sieht es allerdings Gunnar Luderer, er ist Klimaforscher am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Er meint, dass auch die aktuell geförderte Kohle ein künftiges Problem für die Gewässerbelastung sein wird: "Auch durch die heute aktiven Tagebaue werden Schadstoffe freigesetzt, die auf Jahrzehnte hinaus die umliegenden Fließgewässer belasten werden."

So sieht es auch Umweltschützer Winfried Böhmer: “Auch bei den jetzt aktiven Tagebauen, die ja auch aus DDR-Zeiten stammen, wurde der Grundwasserspiegel abgesenkt. Also hat sich auch hier wieder Sulfat und Eisen in den Böden gebildet. Die Probleme werden lediglich da reduziert, wo Dichtwände gebaut worden sind.” Diese Dichtwände zwischen den Grenzen der Tagebaue und nicht abgebaggerten Flächen gibt es bereits an den Tagebauen Cottbus-Nord, Jänschwalde, Welzow-Süd und Reichwalde in einer Länge von bislang mehr als 35 Kilometern. Sie sollen verhindern, dass Eisen und Sulfat beim Rückbau eines Tagebaugebiets unkontrolliert ins Grundwasser eindringt.

Was unternimmt die Braunkohle-Industrie gegen die Verockerung?

Um der Verockerung Einhalt zu gebieten, wurden unter anderem stillgelegte Grubenwasserreinigungsanlagen (GWRA) wieder in Betrieb genommen. Dazu zählt auch die Anlage in Vetschau. Hier werden drei große Becken - etwa acht Fußballfelder groß - genutzt, um durch die Beimischung von Kalk den Oxidationsprozess des Eisens zu beschleunigen. In acht bis zehn Tagen, die das belastete Wasser durch die Becken läuft, soll sich das schlammartige Eisenocker noch in den Becken absetzen, so dass gereinigtes Wasser zum Schluss wieder in Spree fließen kann. Der Schlamm muss dann regelmäßig aus den Becken geholt werden. Genau das fordert das Aktionsbündnis aber auch für die Talsperre Spremberg. Obwohl nicht ursprünglich dafür gedacht, fungiert die Talsperre inzwischen ebenfalls als Absetzbecken und hindert einen großen Teil des Eisenockers aus dem sächsischen Gebiet daran, in den Spreewald zu gelangen.

LEAG plant zudem präventive und vor allem langfristige Maßnahmen für die Zeit nach dem Bergbau, um dessen Folgen für die Umwelt zu minimieren oder gar auszuschließen. Dazu zählen

- der Einbau hydrochemischer Barrieren: Bevor der letzte Abraum verkippt wird, könnte Kalk bereits in den Untergrund eingebracht werden, um das Eisen wasserunlöslich und damit transportunfähig zu machen und somit das Wasser zu neutralisieren.

- das bereits aktive Quellenmonitoring: In allen von der Grundwasserabsenkung beeinflussten Landschaftsteilen wird seit mehr als zwanzig Jahren ein spezielles Langzeitmonitoring des Grundwassers sowie der Fließ- und Standgewässer durchgeführt. Dadurch können kritische Bereiche identifiziert und vor Ort so behandelt werden, dass die Eisenverbindungen nicht weiter transportiert werden können.

- oder die Arbeit mit sogenannten Feuchtgebieten: Wo Gräben und Bäche bisher geradlinig verlaufen, können Weiher und Schleifen eingebaut oder das Wasser lokal aufgestaut werden, um das Eisen nachhaltig zurückzuhalten.

Auf der Website www.360lausitz.de finden Sie das komplette ems-Fimprojekt "Auf heißen Kohlen" mit weiteren 360-Grad-Videos.

Beitrag von Elisa Luzius und Vanessa Kockegei

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