Im Tagebau im brandenburgischen Jänschwalde trägt ein Schaufelradbagger Abraum ab (Bild dpa)

Angeblich Mehrheit für neue Tagebaue - Grüne zweifeln Braunkohle-Umfrage an

Nach Zahlen einer neuen Forsa-Umfrage, die von einer Bergbaugewerkschaft in Auftrag gegeben wurde, sind fast 70 Prozent der Lausitzer für neue Tagebaue. Die Grünen melden nun erhebliche Zweifel an: Die Fragen der Umfrage seien "manipulativ" gestellt.

Die Braunkohle hat in den vergangenen Jahrzehnten die Landschaft der Lausitz verändert und tausende Menschen aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Immer wieder kommt es zu Protestaktionen gegen neue Tagebau. Vor diesem Hintergrund überrascht das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die dem rbb in Auszügen vorliegt: Die Mehrheit der Lausitzer ist demnach für die Braunkohleverstromung. Auftraggeber der Umfrage war die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Papier.

Umfrage unter rund 2.000 Lausitzern

Der Umfrage zufolge stimmten 67 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass "zur Sicherung der langfristigen zuverlässigen und kostengünstigen Versorgung mit Energie die Erweiterung des Braunkohletagebaus in der Lausitz notwendig" ist. Überraschend hoch fiel die Zustimmung bei den Anhängern der Linkspartei aus. Drei Viertel von ihnen plädierten für die Energiegewinnung aus dem fossilen Brennstoff. Sogar 34 Prozent der Grünen-Anhänger hätten dieser Aussage zugestimmt, hieß es.

Forsa hatte im Juni nach eigener Angabe mehr als 2.000 Lausitzer zur Energiewende und Energiepolitik befragt. Dabei sei auf einen repräsentativen Querschnitt geachtet worden.

Grüne weisen Umfrage als manipulativ zurück

Die Brandenburger Grünen haben das Ergebnis der Umfrage umgehend als falsch zurückgewiesen. "Hier wurde mit manipulativen Fragen versucht, Stimmung zu machen", sagte Wolfgang Renner, der grüne Bundestagskandidat in der Lausitz.

Laut einer Mitteilung auf Renners Internetseite habe es am Wochenende einen Sturm der Entrüstung innerhalb seiner Partei gegeben. "Mein Telefon stand nicht mehr still", so Renner. Er versicherte, dass die Bündnisgrünen weiterhin für einen mittelfristigen Braunkohleausstieg stehen. Der aber sei in der Umfrage nicht abgefragt worden, kritisiert Renner. "Stattdessen wurden nur einfache Ja- oder Nein-Fragen zugelassen."

Renner verwies auf die durch den Tagebau verursachte Verockerung der Spree. Es sei "dringend an der Zeit, einen Plan B für die Lausitz zu entwickeln".

Fragen, die Fragen aufwerfen

Laut einem Vorabbericht von Forsa, der rbb-online vorliegt, hatte das Institut die Umfrage zu Themen rund um die Energiewende mit wirtschaftliche und soziale Problemen verknüpft. So wollte Forsa unter anderem wissen, welches nach Ansicht der Teilnehmer "die größten Probleme in der Lausitz" seien. 56 Prozent gaben Arbeitslosigkeit an, die mit Abstand häufigste Antwort. Außerdem wurde nach einer Einschätzung des aktuellen Strompreises (81 Prozent sagten "zu hoch") und der Bedeutung der Strompreise "auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie" gefragt (laut 64 Prozent hat er einen "großen Einfluss").

Einige Fragen sind bei näherer Betrachtung durchaus kritikwürdig. So wollte Forsa nach Fragen zum Strompreis und sozialen Problemen in der Tagebauregion Lausitz weiter wissen, ob "alle Kohlekraftwerke abgeschafft" werden sollten - wobei eine teilweise oder phasenweise Abschaffung offenbar nicht zur Wahl stand, und lediglich "ja" und "nein" zulässige Antworten waren.

Besonders auffällig aber ist folgende Frage: So wollte Forsa wissen, ob "zur Sicherung der langfristigen zuverlässigen und kostengünstigen Versorgung mit Energie" Braunkohleabbau in der Lausitz notwendig sei. Durch die drei positiven Adjektive im Satz in Bezug auf Braunkohle könnte die Wortwahl durchaus als wertend ausgelegt werden.

Tagebau-Gegner in Umfrage kritisch gesehen

20 Prozent der Teilnehmer hatten angegeben, dass die Erschließung neuer Tagebaue "nicht zu verantworten" sei, "weil die Schäden für Umwelt und Natur zu groß sind". Die Frage, ob es richtig sei, nach den Kernkraftwerken auch noch die Kohlekraftwerke abzuschalten, beantworten hingegen fast neun von zehn Befragten mit nein.

Kritisch bewerteten die Befragten das Engagement der Braunkohle-Gegner. Diese verfolgten zumeist persönliche Interessen, sagten der Umfrage zufolge 75 Prozent der Lausitzer. "Gerade einmal 18 Prozent sind der Meinung, dass es den Kritikern der Braunkohle um die Zukunft der Region geht", erklärte Gewerkschaftssprecher Ralf Hermwapelhorst am Montag. Allerdings könnte auch diese Analyse durchaus kritisch betrachtet werden: Schließlich wollte Forsa eine Frage zuvor explizit wissen, ob nach Meinung der Umfrageteilnehmer "Kritiker, die in der Lausitz gegen die Braunkohle protestieren, überwiegend aus der Region kommen" - und damit die Herkunft der Tagebau-Gegner erst zum Thema gemacht.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wies das Ergebnis der Studie auch deshalb zurück. "Statt die Menschen mit Suggestivfragen am Telefon zu nerven, sollte die IG BCE sich der Realität stellen", sagte Brandenburgs BUND-Chef Axel Kruschat. Stattdessen werde es Zeit, dass sich die Bergbau-Gewerkschaft um eine wirtschaftliche Alternative für die Lausitz nach der Braunkohle kümmere.

Derzeit laufen Planverfahren zur umstrittenen Erweiterung der Gruben Welzow-Süd und Jänschwalde in Brandenburg sowie Nochten in Sachsen.

Beitrag von Sebastian Schöbel, mit Material von dpa

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