Dunkle Regenwolken hängen über der Siegessäule und einer unbeleuchteten Straßenlaterne in Berlin.(Quelle: dpa)

Ist Berlin auf einen Blackout vorbereitet? - "Katastrophenschutz-Leuchttürme müssen im Dunkeln leuchten"

Durchschnittlich zwölf Minuten sind die Berliner pro Jahr ohne Strom. Das lässt sich verkraften. Bei Rotwein und Kerzenschein kann das sogar noch ganz romantisch sein. Doch was passiert bei einem mehrtägigen Blackout? Telefonnetze, Krankenhäuser, Wasserwerke, Supermärkte – für alles brauchen wir Strom. Benedikt Schweer von der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin warnt im rbb-Interview: Die Hauptstadt ist auf lange, großflächige Stromausfälle nicht ausreichend vorbereitet.

rbb: Welche Folgen hat ein mehrtägiger Stromausfall?

Benedikt Schweer: Das Licht geht aus. Die Kühlschränke tauen auf. Die Supermärkte sind nach wenigen Tagen leer, Lebensmittel können nicht neu geordert werden und unsere gesamte computergesteuerte Logistik bricht zusammen. Problematisch wird auch die Wasserversorgung sein. Diese wird nach cirka 24 Stunden ausfallen, wenn die Notstromaggregate der Wasserbetriebe auslaufen sollten. Bei Hochhäusern ist es noch dramatischer, da diese über Pumperhöhungsstationen verfügen. Alles was über dem dritten Stock liegt, wird überhaupt kein Wasser mehr haben. Da sieht man schon die ersten Auswirkungen auf lebenswichtige Bereiche. Gesunde Menschen können diese Probleme noch relativ gut überstehen, problematischer wird es aber etwa bei Personen in Altenheimen oder Dialysepatienten, die auf eine dauerhafte Stromversorgung angewiesen sind. Weiterer großer Problembereich ist die Kommunikation. Das Telefon, Internet und Handys werden nicht mehr funktionieren. Zwar sind die Mobilmasten mit Batterien gepuffert, aber auch diese werden nach etwa drei bis vier Stunden ausfallen. Die Folge wird sein, dass wir schon nach relativ kurzer Zeit auf unsere alltäglichen Telekommunikationsmöglichkeiten verzichten müssen. Das einzige was sicherlich noch geht, sind batteriebetriebene Radios.

Es ist fast unmöglich, sich auf jede Eventualität vorzubereiten.

Benedikt Schweer

Ist Berlin auf einen solchen Katastrophenfall, einen mehrtägigen Blackout vorbereitet?

Ein kurzer Stromausfall bis zu 24 Stunden wird, abgesehen vom finanziellen Schaden, sicherlich noch einigermaßen zu überwinden sein. Es gibt unter anderem  Einsatzpläne für einen Stromausfall bei der Feuerwehr, bei der Polizei und bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Kritisch ist ein langfristiger und großflächiger Stromausfall über mehrere Tage. Hierauf sind wir meiner Meinung nicht ausreichend vorbereitet. Dieses Problem ist bei den zuständigen Stellen sicherlich erkannt, jedoch ist ein derartiger Stromausfall in seiner Komplexität so unüberschaubar. Es ist fast unmöglich, sich auf jede Eventualität vorzubereiten. Jedoch können grundlegende Maßnahmen bereits im Vorfeld geplant und auch geübt werden. Leider gibt es in diesem Zusammenhang keine strukturierten Pläne, wie die Einsatzkräfte mit dem Bürger in einen dauerhaften Kontakt treten können. Weiterhin benötigen die Fahrzeuge der Feuerwehr und die weiteren Einsatzorganisationen insbesondere Treibstoff, um handlungsfähig zu bleiben. Jedoch gibt es zurzeit nur drei öffentliche Tankstellen, die mit Notstromaggregat ausgerüstet werden können. Auch die Treibstoffversorgung von Aggregaten in Einrichtungen der "Kritischen Infrastruktur“, zum Beispiel  in Krankenhäusern, stellt einen Schwachpunkt dar. Diese laufen nach 24 bis 48 Stunden aus, danach muss eine Wiederbefüllung organisiert und durchgeführt werden.

Benedikt Schweer von der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (Bild: rbb/Anne Demmer)
Benedikt Schweer will Katastrophenschutz-Leuchttürme in Berlin.

Kommunikation ist das grundlegendste Problem in einer solchen Situation. Sie arbeiten an einem Notfallplan, wie könnte der aussehen?

Die Zielsetzung unseres Forschungsprojektes ist es, über die gesamte Stadt verteilt öffentliche Gebäude, wie ein Bezirksamt oder auch Feuerwachen, als Anlaufstellen für die Bevölkerung einzurichten. Sogenannte Katastrophenschutz-Leuchttürme, die mit Notstrom ausgerüstet werden und die im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln leuchten. In diesen Leuchttürmen sollen zum einen Informationen weitergegeben werden, die normalerweise über Internet oder Fernsehen verbreitet würden. Hier kann der Bürger Verhaltenstipps bekommen oder über die aktuelle Lage informiert werden, auch über den Grund des Stromausfalles und die mögliche Dauer. Da auch der 112-Notruf nicht mehr funktionieren würde, könnten an diesen Leuchttürmen der Rettungsdienst oder die Feuerwehr gerufen werden. Aber hier soll auch Hilfe, die von den Bürgern angeboten wird, koordiniert werden. Personen, die helfen wollen, können sich hier absprechen und untereinander Aufgaben verteilen. Gerade diese spontanen Freiwilligen, werden zurzeit noch unzureichend im Katastrophenmanagement berücksichtigt.

Sie haben 800 Menschen in Berlin befragt, wie sie auf einen mehrtägigen Stromausfall vorbereitet sind. Was ist dabei herausgekommen?

Es hat sich gezeigt, dass die befragten Berliner so gut wie gar nicht auf ein derartiges Szenario vorbereitet sind. Nur 12,5 % haben Lebensmittel und nur 22,8 % haben Getränke für länger als sechs Tage vorrätig. Darüber hinaus hat sich herausgestellt, dass die Befragten sich am ehesten Hilfe von der Polizei versprechen und grundsätzlich an erster Stelle Informationen zur aktuellen Lage bekommen möchten, danach kommen erst Wasser, Medizin und Lebensmittel. Die Bereitschaft zu helfen ist groß. Die überwiegende Mehrheit ist bereit anderen zu helfen und zum Beispiel Verletzte ins Krankenhaus zu bringen. Rund 97 % der Befragten würden zudem mit Fremden ihre Güter teilen. Ein wenig problematischer sieht es aus, wenn man Fremde in der eigenen Wohnung unterbringen soll, hier zeigt sich, dass hierzu "nur" ungefähr die Hälfte bereit wäre. Das ist zwar immer noch ein guter Wert, aber man merkt deutlich, dass hier die Hemmschwelle bereits höher liegt.

Das Interview mit Benedikt Schweer führte Anne Demmer.