Geschäftsführer der Hamburg Energie GmbH, Michael Beckereit auf dem Dach des Kaischuppens im Hamburger Hafen. (Quelle: dpa)

Was Berlin von Hamburg lernen kann - "Der Vorsprung von Vattenfall wird kleiner"

In einem Volksentscheid stimmte eine knappe Mehrheit der Hansestädter für einen Rückkauf der Energienetze. Im Interview spricht der Geschäftsführer des städtischen Energieanbieters "Hamburg Energie", Michael Beckereit, über die Auswirkungen des Volksentscheids und was Berlin von Hamburg lernen kann.

Jedes Unternehmen - auch eine "Berlin Engerie" - muss seinen eigenen Weg finden. Das Wichtigste ist, dass sich das Unternehmen in der Bevölkerung verankert.

Michael Beckereit, Geschäftsführer des städtischen Energieanbieters "Hamburg Energie"

rbb online: Sie beliefern mittlerweile gut 80.000 Stromkunden. Wollen Sie irgendwann einmal ganz Hamburg mit erneuerbaren Energien versorgen?
Michael Beckereit: Wir hoffen, zusammen mit unseren rund 12.000 Gaskunden in diesem Jahr noch die 100.000 zu schaffen. Mittelfristig können wir uns bis zu 250.000 Kunden vorstellen. Aber alle Hamburger mit Energie zu versorgen ist in einem Markt mit weit über 100 Anbietern nicht realistisch. Genauso wie in Berlin hat Hamburg beim Strom mit Vattenfall einen Grundversorger. Beim Gas ist es E.ON. Beide haben noch einen sehr großen Vorsprung, der aber langsam kleiner wird. Die Kunden lernen langsam, dass es Wettbewerber gibt.

Sie werben mit dem Namen der Stadt. Wie wichtig ist das Label Hamburg?

Zuerst haben wir unter dem Label Ökostrom firmiert, inzwischen werben wir mehr für "Hamburg Energie". Es ist für uns einfach ein sehr guter Name. Denn in Hamburg - ich glaube, genauso wie in Berlin - hat man ein positives Verhältnis zu seiner Stadt und nimmt deshalb gerne ein Produkt, das diesen Namen trägt.

Windrad (Quelle: dpa)
Kein Kohlestrom, kein Atomstrom - das verspricht die "Hamburg Energie".

Ihr Ökostrom ist in der Regel teurer als herkömmlicher Strom. Wie überzeugen Sie die Kunden, zu "Hamburg Energie" zu wechseln?
Die Preisunterschiede zwischen den Ökostrom-Anbietern sind relativ gering. Alle Unternehmen orientieren sich beim Einkauf an den Börsenpreisen. Wir beziehen unseren Strom immer direkt, das heißt wir kaufen bei entsprechenden Herstellern wie Wasserkraftwerken ein. Darüber stellen wir sicher, dass der Kunde weiß, woher der Strom kommt und dass es keine Schwindeleien gibt. Das kostet den Kunden dann etwas mehr. Weitere Argumente für uns: Einmonatige Wechselfristen und unsere Investitionen in die Produktion. Wir wollen nicht reiner Stromlieferant sein.

Das heißt aber auch, dass Sie Energie einkaufen, um die Versorgung abzusichern.

Ja. Wenn Sie - wie bei uns passiert - ein Unternehmen im Mai neu gründen und im September an den Markt gehen, hat man keine Produktionsanlage - außer sie bekommen sie geschenkt, was bei uns nicht der Fall war. Deshalb mussten wir erst anfangen, Produktionsanlagen zu bauen. Doch wir haben uns von Anfang an vorgenommen, 50 Prozent des von uns gelieferten Stroms selber zu produzieren. Das werden wir 2015 erreichen. Dazu müssen wir Flächen für Solar- wie für Windkraftanlagen finden. Das braucht Zeit.

Aber der zugekaufte Strom ist definitiv kein Kohle- oder Atomstrom?

Definitiv. Das steht sogar in unserem Gesellschaftervertrag. Wir sind eine Gesellschaft, die zu 100 Prozent der Stadt Hamburg gehört. Und im Gesellschaftervertrag steht: Energiedienstleistungen und Stromlieferungen ohne Kohle- und Atomstrom.

Können Sie langfristig irgendwann den kompletten Strom selbst produzieren?
Wir werden immer dazukaufen. Wir halten das auch wirtschaftlich für vernünftig. Denn wenn wir nur auf die Eigenproduktion setzen würden, hätten wir Jahre, in denen wir günstiger, aber auch Jahre, in denen wir zu teuer wären. Und dann würden wir viele Kunden verlieren.

Wie viele eigene Ökostrom-Anlagen haben Sie denn bereits?

Wir haben über 50 Millionen Euro investiert, das meiste in ein großes Solaranlagen-Projekt. Wir haben Solaranlagen in einer Größenordnung von rund 250.000 Quadratmetern auf die Dächer Hamburgs und Umgebung gebracht. Außerdem haben wir Blockheizkraftwerke und vier Windkraftanlagen errichtet, weitere sind in der Vorbereitung.

Welche Pläne gibt es darüber hinaus?
Wir wollen weiter wachsen. Um die 50 Prozent Eigenproduktion zu gewährleisten, sind weitere Investitionen von knapp 100 Millionen geplant. Dieser Anteil der Eigenproduktion ist unseren Kunden wichtig. Wir werden nicht im Ausland investieren, sondern nur hier in der Region. Wir bauen Anlagen, zu denen unsere Kunden hingehen können. Die können sie besichtigen.

Welche Auswirkungen hat der Volksentscheid für ihr Unternehmen?
Bislang ist die Stadt Hamburg mit 25,1 Prozent an den Netzen beteiligt. Der Volksentscheid ist eine politische Entscheidung. Die Hamburger möchten, dass das Netz zu 100 Prozent erworben wird. Das wird die Stadt entsprechend umsetzen müssen. Für "Hamburg Energie" bringt es keine Veränderungen, wenn die Stadt das Netz betreibt. Wir sind eine städtische Gesellschaft, aber bleiben weiter einer von vielen Wettbewerbern.

Gehört die Stadt Hamburg zu Ihren Kunden?

Momentan versorgen wir die öffentlichen Gebäude in Hamburg mit Strom. Die Gasausschreibung haben wir hingegen verloren. Wir werden uns bei der nächsten Ausschreibung wieder darum bemühen. Davon abgesehen haben wir gerade den Flughafen gewonnen, der eine separate Ausschreibung gemacht hatte. Und wir versorgen ab nächstem Jahr die Hochbahn, das öffentliche Nahverkehrsunternehmen in Hamburg. Wir stehen immer im Wetbewerb, insofern gibt es keinen Automatismus, dass die Aufträge bei uns landen.

Und was könnte Berlin hinsichtlich der Energieversorgung von Hamburg lernen?

Ich glaube, Hamburg kann Berlin zeigen, dass es geht. Dass man so etwas machen kann. Jedes Unternehmen - auch eine "Berlin Energie" - muss seinen eigenen Weg finden. Das Wichtigste ist, dass sich das Unternehmen in der Bevölkerung verankert. So lassen sich langfristig Kunden gewinnen, nicht allein über den Preis.

Die Fragen stellten Dorit Knieling und Susanne Gugel.

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