Arbeiter auf einem Strommast in Berlin-Lichtenberg (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 29.10.2013 | Beitrag von Jan Menzel

Widersprechende Gutachten - Was kostet das Berliner Stromnetz?

Beim Volksentscheid ging es um die Zukunft der Energieversorgung, aber auch ums Geschäft und um das Geld der Berlinerinnen und Berliner. Doch wie teuer würde es Berlin eigentlich zu stehen gekommen, wenn die Stadt das Stromnetz kaufen würde. Zwei Gutachten kommen da zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen. Von Jan Menzel

Zwei Männer, zwei Zahlen  - und dazwischen liegt gefühlt mindestens das gesamte Berliner Stromnetz mit einer Länge von mehr als 35.000 Kilometern. Helmar Rendez ist Chef des Stromnetzes bei Vattenfall. Michael Efler vertritt den Berliner Energietisch. Efler würde das Netz gerne übernehmen. Rendez möchte es behalten. Und für den Fall, dass er und Vattenfall das Netz doch abgegeben müssten, würde es richtig teuer werden, sagt der Manager: "Wir haben einen Gutachter damit beauftragt, neutral festzustellen: Was ist der Wert des Stromnetzes, wie es heute steht und liegt? Er hat eine Spannbreite zwischen 2,5 und 3 Milliarden Euro ermittelt."

Michael Efler und der Energietisch haben ebenfalls einen Gutacher beauftragt. Auch er hat gerechnet und ermittelt. Herausgekommen ist allerdings ein deutlich geringerer Kaufpreis. "Wir hatten bei der Kostenschätzung, die wir zu Beginn unserer Kampagne auf die Unterschriftenliste gesetzt haben, ein Gutachten vorliegen – und darin stand die Zahl 400 Millionen Euro."

400 Millionen Euro versus 3 Milliarden - der Vattenfall-Preis liegt um das Siebenfache über dem des Energietischs. Der Grund für den riesigen Unterschied sind zwei verschiedene Berechnungs-Methoden. Während Vattenfall jedes Stück Kabel, jeden Trafo, jeden Verteiler zählt und auflistet, was es kosten würden, all das neu zu installieren, geht der Energietisch vom so genannten Ertragswert aus. Nach dieser Methode darf der Kaufpreis nur so hoch sein, dass er in angemessener Zeit  aus den Netzgewinnen bezahlt werden kann.

Wissenschaftler stützt Berechnung des Energietischs

Der Energie-Management-Experte Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes hält nur diese Methode für zulässig. Denn nur so sei es überhaupt möglich, dass sich mehrere Bieter um das Netz bewerben könnten und ein echter Wettbewerb zustande komme. "Seit der Einführung der Netzentgeltregulierung im Jahr 2005 hat sich das Feld der möglichen Bewertungsansätze arg gelichtet", sagt Leprich. "Man kann sagen: Was in den nächsten Jahren über die Bundesnetzagentur an Entgelten zu erwarten ist, das kann sich auch im Kaufpreis ausdrücken."

Für die Berliner Steuerzahler ist das zumindest ein Fingerzeig, auch wenn Experten davon ausgehen, dass  bei einem möglichen Betreiberwechsel der Streit um den Kaufpreis für das Netz von den Gerichten entschieden werden muss.

Für die Stromkunden in Berlin lässt sich dagegen schon heute sagen: Auch ein Volksentscheid wird die Strompreise weder nennenswert steigen noch sinken lassen.

Beitrag von Jan Menzel