Plastikkügelchen auf einer Fingerkuppe (Quelle: Stephan Glinka/BUND)

Eingriff ins ökologische Gleichgewicht - Gefährliches Mikroplastik?

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich Kosmetika ohne Mikroplastik - zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Doch was ist Mikroplastik eigentlich, und welchen Schaden kann es anrichten? 

In vielen Kosmetika finden sich kleine Plastikpartikel – zum Beispiel in Gesichtspeeling, aber auch in Duschgel und Shampoo. Diese Plastikkügelchen gelangen über das Abwasser in Flüsse, Seen und Meere. Dort nehmen Tiere sie wieder auf. Wie zum Beispiel Wasserflöhe.

Saskia Rehse mit einer Wasserflasche (Quelle: rbb/Schütze)

Welche Folgen Mikroplastik für diese winzigen Wasserlebewesen haben kann, erforscht Saskia Rehse vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Sie untersucht Wasserflöhe im Berliner Müggelsee und will herausfinden, was passiert, wenn die Tiere Plastikpartikel fressen. „Wir interessieren uns für die Wasserflöhe, weil sie eine wichtige Rolle einnehmen in den Seen“, so Rehse. „Sie sind zum einen Primärkonsumenten von kleinen Algen, das heißt, die Wasserflöhe fressen sehr viele von diesen Algen und tragen dann dazu bei, dass die Algenblüten abnehmen. Sie sind aber selbst auch wichtig als Fischfutter, sie sind zum Beispiel für Jungfische eine gute Beute.“

Für das Gleichgewicht in einem See haben Wasserflöhe eine große Bedeutung. Im Experiment hat Doktorandin Saskia Rehse Wasserflöhe einer hohen Konzentration an Mikroplastik ausgesetzt – so wie diese etwa an einem Klärwerksabfluss vorkommen würde. „Wir möchten herausfinden, ob Mikroplastikpartikel an sich – ohne chemische Eigenschaften, einfach nur physikalisch schon negativen Einfluss nimmt auf die Wasserflöhe.“

Plastik gelangt über die Nahrungskette auch zu uns

Laut Umweltbundesamt gibt es für Mikroplastik unterschiedliche Definitionen. Landläufig versteht man unter Mikroplastik feste Kunststoffpartikel mit einer Größe von unter fünf Millimetern. Der Begriff sollte aber weiter gefasst werden als viele Hersteller das machen und auch für flüssige, wachs- und gelartige Kunststoffe verwendet werden, fordert Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack.

Nach Angaben von Greenpeace enthalten die meisten konventionellen Kosmetika feste, flüssige oder wachsartige Kunststoffe. Diese gelangten über den Abfluss ungefiltert ins Abwasser und weiter in Flüsse und Meere. Da Plastik biologisch nicht abbaubar sei, zerfalle es in immer kleinere Teilchen. "Im Wasser binden sich an die Partikel Schadstoffe in teils hoher Konzentration, die über die Nahrungskette auch auf unseren Tellern landen", erläutert Maack.

Ein Wasserfloh unter dem Mikroskop (Quelle: rbb/Schütze)

Mikroplastik lähmt Wasserflöhe

Am Anfang der Nahrungskette in Gewässern stehen Kleinstlebewesen wie Wasserflöhe. Saskia Rehse lässt für ihr Experiment Wasserflöhe vier Tage lang Mikroplastik fressen. Jeden Tag betrachtet sie dazu die Wasserflöhe genau unter dem Mikroskop. „Wir konnten beobachten, dass die Tiere sich in den ersten zwei Tagen noch normal verhalten haben – obwohl der Darm schon weiß war von der Mikroplastik“, so Rehse. „Allerdings nach drei oder vier Tagen konnten wir eine vermehrte Lähmung der Tiere beobachten – das ist angestiegen mit der Konzentration der Mikroplastik.“

Die Mikroplastikpartikel führen also dazu, dass die Wasserflöhe gelähmt werden. Gelähmte Tiere pflanzen sich nicht mehr fort. Das hätte fatale Folgen für Seen. Da Wasserflöhe Algen fressen, die sich vor allem im Sommer vermehren, könnten Algenblüten im Sommer eine Folge ihres Fehlens sein. Aber auch Jungfische, die auf Wasserflöhe als Nahrungsquelle angewiesen sind, sind betroffen. Sie finden weniger Nahrung. Das Gleichgewicht in einem Gewässer wird gestört – durch Plastikpartikel, die so klein sind, dass man sie mit dem bloßen Auge kaum erkennen kann.

Selbstverpflichtung der Industrie wirkungslos?

Die Mitglieder des europäischen Kosmetik-Verbands Cosmetics Europe hatten sich im Oktober 2015 dazu verpflichtet, die Verwendung von Mikroplastik in ihren Produkten bis 2020 zu unterlassen. Diese freiwillige Erklärung ist einer Untersuchung der Verbraucherplattform Codecheck zufolge bislang jedoch weitgehend wirkungslos. Mikroplastik aus Polyethylen etwa sei nach wie vor in fast jedem dritten Gesichtspeeling enthalten.

Das Umweltbundesamt hält eine Aussage zur Umsetzung der Selbsterklärung noch nicht für möglich. Es könne bis zu zwei Jahre dauern, bis die Produktion umgestellt sei und die neuen Kosmetika ins Supermarktregal kämen.