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Heute hat jedes vierte Kind eine Mutter, die älter als 40 Jahre ist. Viele Frauen entscheiden sich ganz bewusst für eine relativ späte Schwangerschaft. Zu Freuden und Risiken hat zibb Prof. Henrich von der Charité befragt.
Was ist späte Mutterschaft
In Deutschland bekommen die Frauen im Schnitt ihr erstes Kind zwischen dem 30. und 31. Lebensjahr. In den 60er Jahren lag das Durchschnittsalter von Erstgebärenden bei 25 Jahren. Aus medizinischer Sicht gelten Frauen ab 35 Jahre als Spätgebärende und werden in diesem Alter automatisch als Risikoschwangere eingeordnet. Späte Mütter sind diejenigen, die in dem Zeitraum zwischen 36 und 42 Jahren ihr erstes Kind bekommen, weil nur ein ganz geringer Prozentsatz von Frauen, die älter sind als 42 Jahre, Kinder bekommen.
Frauenbiografien verändern sich
Die Menschen in den westlichen Industrieländern werden immer älter – das ist ein Grund für das spätere Elternwerden. Frauen wiederum planen so, dass sie sich erst um Ausbildung, Karriere, Partnerschaft, Geldverdienen und ausreichend Freizeitvergnügen und Genuss kümmern, bevor sie sich dann bewusst für ein Kind entscheiden. Die modernen Empfängnisverhütungsmethoden machen diese Art von Lebensplanung erst möglich.
Chancen später Mutterschaft
Es gibt viele Argumente für eine späte Mutterschaft. Die Frauen fühlen sich häufig finanziell abgesicherter als in früheren Jahren und psychisch stabiler. Auf einer Basis größerer Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ist die Begleitung eines Kindes leichter. Häufig wirken ältere Frauen gelassener auch im Umgang mit ihren Kleinkindern und in Erziehungsfragen. Frauen wollen durch ein Kind vielleicht jung und aktiv bleiben, vielleicht sogar das Älterwerden damit ausblenden. Ein heranwachsendes Kind fordert viel und eine Frau um die 50 Jahre hat dann nicht soviel Aufmerksamkeit für die Probleme des Alterns oder der Wechseljahre.
Schwierigkeiten später Mutterschaft
Problematisch an einer späten Mutterschaft sind zum einen die gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind, die ab dem Alter von 35 Jahren steigen. Da die Begleitung eines Kindes nicht mit 18 Jahren abgeschlossen ist und auch die Ausbildung dazu gehört , muss eine spät gebärende Frau noch bis Mitte 60 Sorge tragen für die Zukunft ihres Kindes. Eine Frau, die ihr Kind mit 50 entlässt, hat mitunter noch die Möglichkeit, sich ganz neu zu orientieren und sich mehr um sich zu kümmern, insbesondere auch in den Wechseljahren. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass Kinder von späten Müttern ihre Großeltern noch intensiv erleben können. Umgekehrt ist es so, dass späte Eltern häufig nicht mehr die Rolle von Großeltern einnehmen können. Das Fehlen dieser großfamiliären Strukturen ist gesellschaftlich gesehen schwierig.
Auch die Leistungsfähigkeit einer Frau über 40 Jahren ist anders als die Kraft einer 25jährigen. Sie nimmt mit zunehmendem Alter ab. Das ist allerdings in unserer Gesellschaft, in der Leistungsfähigkeit als Wert sehr groß geschrieben wird, als Tatsache nur schwer anzunehmen. Zudem fühlen sich viele Frauen um die 40 körperlich nicht alt. Das liegt am Lebensstil, der viel mit Jugendlichkeit, Sport und bewusstem Essverhalten zu tun hat, aber auch an einer Lebenserfahrung, dass alles möglich ist, wenn man es nur will.
Technik als Lösung später Familienplanung?
Die Haltung, dass alles klappt, wenn man es nur will, führt zum Thema Reproduktionsmedizin. Es gibt viele Methoden, um zu verbessern, was mit zunehmenden Alter abnimmt: die Fruchtbarkeit und die Zeugungsfähigkeit. Alles scheint möglich. Doch klar ist auch, dass die Wahrscheinlichkeit durch künstliche Hilfen schwanger zu werden, jenseits der 40 immer geringer wird. Trotzdem existieren diese Möglichkeiten wie eine künstliche Befruchtung oder sogar die in Deutschland verbotene Eizellenspende und ermöglichen vielleicht so manchem, die entscheidenden Weichenstellungen auf das Später zu verschieben. Am Ende steht jedoch für viele die ungewollte Kinderlosigkeit nach Jahren von Hoffnung und Leid in den verschiedensten reproduktionsmedizinischen Verfahren.
Beitrag von Eva Wagner
Experte bei zibb:
Prof. Dr. med. Wolfgang Henrich
Direktor der Geburtskliniken Charité Campus Virchow
Telefon: +49 30 450 564 072 oder +49 30 450 564 202









