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Noch vor nicht zu langer Zeit galten sie als Eigenbrödler, schrullig, verschroben. Denn es gibt sie noch gar nicht so lange, die Diagnose: Autismus. Allein in Berlin leben 30.000 Autisten. Sie alle sind in unterschiedlicher Ausprägung betroffen.
Die Hälfte ist geistig eingeschränkt, die andere Hälfte normal intelligent. Doch sie alle leiden an Einschränkungen in ihrer Wahrnehmung, Empathie und Kommunikationsfähigkeit. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen des Autismus, die unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst werden.
Unterscheidung der Krankheitsbilder
Grob lässt sich sagen, dass bei der Hälfte der Autisten die Erkrankung mit einer geistigen Behinderung einhergeht. Häufig lässt sich die Entwicklungsstörung dann im Kleinkindalter beobachten und die Diagnosen rund um das 5. Lebensjahr treffen. Diese Form des Autismus wurde über Jahrzehnte als frühkindlicher Autismus eingeordnet. Die andere Hälfte der Betroffenen ist normal intelligent und leidet unter dem so genannten Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus – so wurde das bisher beschrieben. Weil in der Praxis sich diese Unterscheidung als schwierig herausgestellt hat, fasst man die Erkrankung unter dem Begriff der Autismus-Spektrum-Störung zusammen.
Symptome
Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Deshalb wirken ihre Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen selten angemessen, und sie haben Schwierigkeiten, ihr Verhalten an eine soziale Situation anzupassen. Auch die Entwicklung des Sprachgebrauchs und des Sprachverständnisses ist betroffen: Autistischen Menschen fällt es schwer, etwa ihre Sprachmelodie oder ihre Tonlage an eine Situation anzupassen. Ebenso gebrauchen sie kaum Gestik, um den Sinn einer Aussage zu unterstreichen. Alltägliche Aufgaben führen Autisten meist starr und routiniert aus. Typisch sind sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Kinder beschäftigen sich beispielsweise gerne mit Fahrplänen oder anderen Datensammlungen. Veränderungen von Handlungsabläufen oder etwa der Wohnungseinrichtung können Autisten Probleme bereiten und für teils heftige Reaktionen sorgen.
Förderung beim frühkindlichen Autismus
Je frühzeitiger eine Therapie einsetzt, desto wirkungsvoller kann sie sein. Bei der Förderung zu Hause kommen Therapeuten dreimal in der Woche für mehrere Stunden. Dann wird Sprechen, Spielen und selbständiges Handeln geübt. In manchen Wochen lernte ein Kind nur ein Wort, in anderen auch mal mehrere. Mehr als zwanzig Übungen pro Nachmittag können so eine Förderung beinhalten. Die verschiedenen Therapien haben unterschiedliche Schwerpunkte: Erkennen von Gefühlen, sozialer Umgang, Sprechen lernen. Ärzte fordern noch weitere Studien, um die Wirkung der verschiedenen Therapien besser einschätzen zu können.
Damit sich ein Kind mit frühkindlichem Autismus entwickeln kann, ist die Mitarbeit des Umfeldes ausschlaggebend. Das Kind muss die neuen Verhaltensweisen
nicht nur in den Therapiestunden üben, sondern ebenso im Alltag zu Hause anwenden. Dazu bedarf es viel Einsatz und Geduld der Eltern. Für autistische Kinder ist es eine wichtige Erfahrung, dass sie vollständig integriert werden – bis zu dem Punkt, bis zu dem sie es selbst zulassen können. Die Umwelt sollte lernen, die Grenzen und Möglichkeiten der Menschen zu akzeptieren und damit umzugehen.
Späte Diagnosen bei leichterem Autismus
Gerade Menschen mit einer normalen Intelligenz und dem bis dato genannten „Asperger Syndrom“ erleben, dass sie erst in der Lebensmitte eine entsprechende Diagnose bekommen. In Psychotherapien können diese Betroffenen lernen, ihre Krankheit zu akzeptieren und damit leben zu lernen. Gleichzeitig erleben sie es als große Entlastung, eine Erklärung zu haben für ihre „zwanghaften“ Verhaltensweisen, die für andere irritierend waren und für sie selbst.. Das kann auch im nahen Umfeld zu mehr Verständnis führen. Auch erwachsene Autisten haben durch Training und Psychotherapie die Möglichkeit, ihre Wahrnehmung zu schulen, emotionale Strukturen ihrer Umwelt zu erlernen, zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, soziale Kompetenz und kommunikative Fertigkeiten zu entwickeln. Die Krankheit lässt sich nicht heilen, aber es lässt sich damit leben. Immerhin haben 50% der so genannten Asperger Patienten bereits Partnerschaftserfahrungen gemacht.
Experten bei zibb:
Dr. Isabel Dziobek, leitet die Autismus-Ambulanz an der Charité. Ihr Arbeitsbereich an der FU Berlin ist Emotionspsychologie und affektive Neurowissenschaften:
Tel.: 030-838 56638
Mutter des autistischen Kindes im zibb-Beitrag, ansprechbar für betroffene Eltern










