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Am chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS) leiden etwa 300 000 Menschen in Deutschland. Unsere Expertin Prof. Carmen Scheibenbogen leitet die Immundefektsprechstunde der Charité, eine Anlaufstelle für Berliner CFS-Patienten und klärt über diese weit verbreitete Krankheit auf.
Expertin im Studio: Prof. Dr. med. Carmen Scheibenbogen
Für die meisten kommt es wie aus heiterem Himmel, eben nahmen sie noch aktiv am Leben teil und dann fühlen sie sich wie erschlagen, leiden unter grippeähnlichen Symptomen und einer unendlichen Müdigkeit. Diese Menschen haben CFS das chronische Erschöpfungssyndrom. Etwa 300.000 Betroffene gibt es in Deutschland. Der normale Alltag läuft an ihnen vorbei. Hilfe und Zuspruch bekommen CFS –Erkrankte seit 20 Jahren beim Verein Fatigatio. Auf seiner Tagung stellt der Verein jetzt neue Erkenntnisse vor.
Was bedeutet überhaupt die Abkürzung CFS?
Chronic Fatigue Syndrom – chronisches Erschöpfungssyndrom. Die Krankheit hat tatsächlich unterschiedliche Namen: Chronisches Fatigue Syndrom (CFS), Chronisches Fatigue und Immun Dysfunktionssyndrom (CFIDS), Myalgische Enzephalomyelitis (ME) bei einigen Patienten kommt es zu einer Gehirnentzündung. In Deutschland ist die Bezeichnung CFS am geläufigtsen.
Wie kann man CFS diagnostizieren?
Die Diagnose ist nach wie vor nicht einfach. An der Charité versuchen Forscher charakteristische Marker im Blut zu identifizieren, leider noch nicht fündig geworden Das ist ein Problem. Bei sehr vielen Patienten wird die Krankheit gar nicht erkannt, sowohl von ihnen selber nicht als auch von den Ärzten nicht. Häufig wird statt CFS eine psychische Erkrankung angenommen. Die Diagnose läuft nur im Ausschlußverfahren, also dass man andere Krankheiten ausschließt.
Was für eine Art von Krankheit ist CFS denn überhaupt?
Es ist eine Erkrankung des Nervensystems und des Immunsystems. In Deutschland wird CFS aber von vielen Ärzten als psychische Erkrankung angegeben. Dann wird oft auch eine Psychoanalyse empfohlen, das kann aber kontraproduktiv sein. Aber begleitende psychische Verhaltenstherapie ist erfolgversprechend, ohne dass es aber dabei heißt: ist sei eine primär psychische Erkrankung.
Was sind die Ursachen?
Man kennt den genauen Mechanismus nicht. Man weiß einiges über die Auslöser: Bei vielen ging es mit einem viralen Infekt los. Man vermutet, dass ein Virus dahintersteckt, das die Krankheit auslöst, das aber im weiteren Verlauf nicht mehr nachweisbar ist, das Immunsystem ist durcheinandergeraten.
Es hat sich leider bisher nicht bestätigt, dass es das eine Virus ist.
Auch physische Traumata, Schleudertrauma und Kopfverletzungen können Auslöser sein, ebenso psychische Traumata. Außerdem: Toxische Belastung durch diverse Umweltgifte und Chemikalien, sowie chronische Überforderung.
Welche Anzeichen für CFS gibt es?
Es sind bestimmte Punkte, wenn die erfüllt sind, kann man ziemlich sicher davon augehen, dass es CFS ist.
Z.B.: Die Krankheit muss seit mindestens 6 Monaten bestehen. Es besteht eine körperliche und geistige Erschöpfung, die der Patient so nicht von sich kennt. Der Zustand verschlechtert sich nach Anstrengung, Schlafstörungen, bzw. dass der Patient sich trotz Schlaf müde fühlt, Schmerzen, grippeähnliche Symptome, Konzentrationsstörungen usw. Bei etwa Zweidrittel diagnostizieren wir nach dem Krankheitsbild.
Es ist zum einen eine Ausschlussdiagnose. D.h. man muss zunächst einmal andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen ausschließen, wie z.B. Herz- und Hormonerkrankungen.
Wenn das Krankheitsbild typischerweise mit einem Infekt beginnt, sich daraus eine schwere Fatigue (also Erschöpfung ohne Grund) entwickelt mit anhaltenden Symptomen, die zur vorherigen Krankheit, also dem Infekt passen, dann ist die Diagnose eigentlich nicht schwer.
Schwieriger wird die Diagnose, wenn es sich um einen schleichenden Prozess handelt, über Jahre geht es den Menschen schleppend schlechter oder aber auch durch Traumata ausgelöst.
Wer sind die typischen Betroffenen?
Das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten und durch alle Altersgruppen, mehr Frauen als Männer. Und man kann beobachten, dass viele Leistungssportler und viele Menschen, die unter starker beruflicher Anspannung stehen betroffen sind, sie sind meist infektanfälliger und daraus entwickelt sich eine CFS.
Gibt es unterschiedliche Schweregrade von CFS?
Ja, einige können noch einer Arbeit nachgehen, andere schaffen zu hause noch gerade den Haushalt, andere können nur noch im Bett liegen, sind pflegebedürftig. Für viele Betroffene besonders schlimm: Die fehlende Anerkennung ihrer Krankheit, das Unverständnis, die Stigmatisierung. Es zerbrechen daran Familien und Freundschaften.
Welche Therapien gibt es?
Die Ärzte haben es schwer, es gibt nicht die eine Therapie oder das eine Medikament bei CFS. Es gibt keine zugelassenen Medikamente für CFS.
Verhaltenstherapie kann sehr gut sein.
Ist eine Entzündung oder Allergie da, kann man die gezielt behandeln. Ansonsten können wir sehr gut symptomorientiert behandeln: z.B. bei Schlafstörungen, Schmerzen, Konzentrationstörungen. Auch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel werden von einigen Betroffenen genommen.
An wen sollen sie sich wenden, wenn sie Verdacht haben?
Zunächst vom Hausarzt/Internisten gründlich untersuchen lassen, alles andere ausschließen, wie Blutzucker, Schilddrüsen. Wenn alles in Ordnung ist und es eine Infektion gegeben hat, kann es auch schon mal ein Viertel oder sogar ein halbes Jahr dauern, bis der Körper sich erholt hat. Passiert das nicht, sollt man sich an ein spezielles Zentrum wenden, das sich mit Immundefekten bzw. CFS auskennt. In Berlin ist das die Charité.
Welchen Ausblick in die Zukunft gibt es für Betroffene, können sie mit einem Medikament rechnen?
Die Forschungen dazu sind vielversprechend. In Norwegen hat man ein Immunmodulator entdeckt, eigentliche ein Rheumamittel und Mittel gegen Lymphdrüsenkrebs, auf das etwa 50 Prozent der CFS erkrankten sehr positiv ansprechen. Vielleicht muss das jetzt noch zwei Jahre erprobt werden, bevor es zugelassen wird.
Beitrag von Susanne Stein










