Mann kratzt sich am Unterarm, Quelle: dpa

Service - Chronischer Juckreiz

Chronischer Juckreiz – die quälende Symptomatik betrifft bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Es ist ein großes Problem, das bisher zu wenig ernst genommen wurde. Der psychische Druck ist für die Patienten enorm. Sie sind in einem Teufelskreis von Jucken und Kratzen gefangen.

Ursache sind häufig Hautkrankheiten. Doch auch Probleme der inneren Organe können zu chronischem Juckreiz führen und trockene Haut insbesondere bei älteren Patienten

Was ist Juckreiz im Innersten
Wenn es auf der Haut juckt, werden spezielle Nerven im Rückenmark aktiviert. Jeder dieser Zellen ist ein Hautareal zugeordnet. Erkennt die Zelle eine Information von der Haut, schickt sie an das Gehirn das Signal: Es juckt! Kratzen wir uns an der juckenden Stelle, wird das Signalmuster in der Nervenzelle verändert, die Information "Juckreiz" kommt dann nicht mehr im Gehirn an. Der Juckreiz setzt aus.

Wissenschaftler ermittelten, dass 30 Sekunden nach dem Kratzen die Nervenzellen in ihr altes Signalmuster zurückfallen. Der Juckreiz beginnt von Neuem und wird noch schlimmer. Zum einen juckt die aufgekratzte Haut, wenn sie heilt, noch zusätzlich. Zum anderen können Bakterien in die verletzte Haut eindringen und wenn sich die entzündet, dann juckt es erst recht: ein Teufelskreis.

Ursachen von chronischem Juckreiz
Ein chronischer Juckreiz (länger als 6 Wochen) ist nur in einem Drittel der Fälle Folge klassischer Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Nesselsucht – die gibt es praktisch nicht, ohne dass die Haut in Schüben juckt. Hierbei treten Hautveränderungen auf, die auch evident werden, wenn der Juckreiz durch Allergene, Lebensmittel, Pflanzen und Insektengifte freigesetzt wird. Die Symptomatik kann sich verschieden darstellen: Es kann zu strichförmigen Rötungen kommen, zu Krusten, Pusteln und Pickeln führen, zu einer großflächigen Pigmentierung durch Einlagerung von Melanin in die Haut. Die Haut kann sich verdicken und eine vergrößerte Felderzeichnung aufweisen oder eine brennende eitrige Entzündung.

Sieht man auf der Haut nichts, kann eine innere Erkrankung hinter dem Juckreiz stecken. Es gibt mehrere Gründe dafür, wie Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes, Neigung zu Allergien, Nervenschäden, Krebserkrankungen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Potenziell Juckreiz auslösende Medikamente sind ACE-Hemmer, blutfettsenkende Statine, Beta-Blocker und Gichtmittel (Allopurinol). Menschen mit Hepatitis C quält fast immer chronischer Juckreiz!

Oft ist es das Zusammenspiel mehrerer Störungen, das zum Juckreiz führt. In 50 Prozent der Fälle bleibt der Juckreiz ohne nachweisbare Ursache und ist häufig zurückzuführen auf einen Altersjuckreiz der sehr viel trockeneren Haut, was durch altersbedingte degenerative Hautveränderungen verursacht wird.

Psychische Belastungen
Der Teufelskreislauf aus Jucken und Kratzen ist schwer zu durchbrechen. Die Juckattacken stellen sich häufig in Schüben dar und haben z.T. etwas Manisches: der Patient ist dann nicht in der Lage, damit aufzuhören. Er muss sich kratzen - manchmal in Permanenz an allen möglichen Teilen des Körpers. Das führt gleichzeitig zu psychischem Druck und es ist für die Betroffenen enorm wichtig, dass die Umwelt und auch die Öffentlichkeit Verständnis für sie entwickelt. Denn kommt innerer Stress hinzu, ist das kontraproduktiv.

Es ist auffällig, dass gerade Juckreizpatienten durch die große Belastung und die Einschränkung ihrer Lebensqualität häufig an Depressionen leiden. Dazu kommt, dass sie Medikamente bekommen, die helfen können, jedoch in vielen Fällen für Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen, Pilze oder Epilepsie entwickelt wurden.

Perspektiven
Für viele Patienten ist es ein langer Weg, bis sie zu Spezialisten gelangen, z.B. in die Juckreizsprechstunde der Charite. Dort behandelt Martin Metz, Professor für Dermatologie und Allergologie. Er kann in 75 % der Fälle die Ursachen für den Juckreiz herausfinden. Doch wenn internistische Probleme eine Rolle spielen, lässt sich die Ursache wie beispielsweise eine Niereninsuffizienz nicht einfach behandeln. Umgekehrt: wenn die Ursache gut behandelt werden kann, verschwindet auch ein chronifizierter Juckreiz.

In vielen Fällen geht es beim Juckreiz um Linderung und weniger um Heilung. So soll der Zyklus aus Jucken und Kratzen durchbrochen werden. Dabei helfen in manchen Fällen Medikamente, die explizit gegen Juckreiz entwickelt wurden. In Studien werden dafür auch Produkte getestet, die zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt wurden, aber eben hilfreich sein können. Leider kehrt der Juckreiz zurück, wenn die medikamentöse Behandlung abgesetzt wird. Manche Patienten kommen auch mit einer Pflegecreme klar.

Tipps:
• Vermeiden Sie alles, was die Haut noch trockener macht, dazu zählen häufiges Duschen, ausgedehntes Baden und Hitze: Schweiß ist sauer, wäscht deshalb das restliche Hautfett aus, fördert so den Juckreiz.
• Machen Sie keine alkoholischen Umschläge – das trocknet aus. Alternative: Umschläge mit schwarzem Tee.
• Heißes und stark gewürztes Essen und Trinken, größere Mengen Alkohol sorgen durch weiter gestellte Gefäße für mehr juckreizauslösende Botenstoffe in der Haut.
• Die Haut gilt nicht umsonst als Spiegel der Seele. Versuchen Sie mit Stress entspannter umzugehen.
• Benutzen Sie milde medizinische Syndets und rückfettende Wasch- und Duschlotionen. Sie erkennen diese daran, dass auf der Liste der Inhaltsstoffe Öle ganz vorne auftauchen.
• Waschen Sie sich kalt oder höchstens lauwarm. Je kälter, desto mehr machen sich die Gefäße zu, desto weniger Juckreiz. Baden max. 20 Minuten mit rückfettendem Badeöl.
• Haut nach dem Duschen abtupfen, nicht abrubbeln – und immer sofort eincremen mit pflegenden, rückfettenden Cremes – am besten mit viel Harnstoffanteilen (Fachausdruck Urea) oder Glycerin. Kein Melkfett benutzen, es kleistert die Poren zu
• Tragen Sie weiche, luftige Kleidung, am besten aus Baumwolle, auch beim Sport.
• Bei akuten Juck-Reizattacken kann Urea-Creme oder -Lotion lindern oder ein apothekenpflichtiges Lokalanästhetikum (Polidocanol) und auch Gerbstoffe (Tannolact, aus Eichenrindenextrakten).

(Beitrag von Eva Wagner)