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Di 22.05.12 18:30

Service

Gefährliche Pillen

Nicht jedes verordnete Medikament ist auch sinnvoll. Im Gegenteil: viele davon sind unnötig, wirkungslos und sogar schädlich mit gefährlichen Nebenwirkungen. Mehr dazu im zibb-Service.

Hunderttausende Patienten in Deutschland bekommen laut Experten Medikamente, die ihnen mehr schaden als nützen. Kinder und Jugendliche erhalten viel zu oft die "Allzweckwaffe" Antibiotika - auch wenn sie gar nicht helfen kann! Ältere dagegen bekommen zu häufig Schlaf- und Beruhigungsmittel - nicht selten ohne Diagnose aber mit Nebenwirkungen. Rund 250.000 Demenzkranke werden laut Studien mit Pillen ruhig gestellt, nicht selten ohne ihr Einverständnis.

 
Kinder und Jugendliche

Grundsätzlich zu viel Antibiotika
In Deutschland wird Kindern deutlich mehr Antibiotika verordnet als Erwachsenen. Jedes zweite Kind im Alter zwischen drei und sechs Jahren bekommt schon ein Antibiotikum verordnet. Besonders häufig wird ein solches Präparat bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe eingesetzt. Oft ist die Behandlung aber unnötig. Gerade bei Infektionen der oberen Atemwege und Mittelohrentzündungen bekommen etwa 80 Prozent der Kinder Antibiotika, obwohl diese Mittel bei den meist viral bedingten Infektionen gar nicht helfen können! Denn Antibiotika helfen nur gegen Bakterien.
 
Drohende gesundheitliche Folgen
Bei zu häufiger und unnötiger Einnahme von Antibiotika besteht die Gefahr, dass die Mittel keine Wirkung mehr zeigen, wenn sie wirklich notwendig sind. Bereits jetzt stellen gegen Antibiotika resistente, bakterielle Erreger in Krankenhäusern ein großes Problem dar. Dazu kommt, dass Antibiotika auch Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden und Allergien hervorrufen können. Weltweit sterben mehr Menschen wegen Resistenzen gegen Antibiotika als an Aids!
 
Alternativen zu Antibiotika
Bei Mittelohrentzündung sollten in den ersten beiden Tagen Ibuprofen-haltige Mittel gegeben werden, oftmals gehen die Symptome dann rasch zurück.

Die Stiftung Warentest hat Medikamentenhandbücher publiziert, die wissenschaftlich betreut werden. Auf der Homepage www.medikamente-im-test.de kann man recherchieren, wie Antibiotika wirken und wann sie in welcher Dosierung sinnvoll sind.
 
Was Eltern tun können
Das Problem liegt nicht nur bei den Ärzten, sondern oft auch bei den Eltern. Ist das Kind krank, wünschen sich Eltern umgehend Hilfe und fordern oft Antibiotika. Ärzte fühlen sich dann unter Druck und verschreiben Antibiotika. So ist das Antibiotikum nicht selten eine Art  "Beruhigungspille für die Eltern".

Eltern sollten auf jeden Fall die Kinder und Jugendärzte oder die Fachärzte aufsuchen. Denn die Statistik zeigt, dass Kinder weniger Antibiotika schlucken müssen, wenn sie von Kinder- und Jugendärzten behandelt werden als etwa von Hausärzten. In jedem Fall sollten Eltern für ihre Kinder einen Antibiotikapass führen, wo sie Mengen und Daten genau eintragen können.

Insgesamt spielt die Interaktion zwischen Eltern und Arzt eine wesentliche Rolle. Das Gespräch mit dem Arzt ist daher für die Eltern besonders wichtig, um herauszufinden, ob auch wirklich ein Antibiotikum nötig ist.

Senioren

Medikamente als Gefahrenquelle
80 Prozent aller Arzneimittel nehmen Menschen ein, die 65 Jahre und älter sind. Das Problem dabei: Medikamente werden aber grundsätzlich an jüngeren, überwiegend gesunden Probanden getestet. Die Folge: Medikamente wirken bei älteren Menschen oft anders, zumal sie häufig noch mit weiteren Arzneien kombiniert werden. Es kann verstärkt zu Nebenwirkungen, Unverträglichkeiten und sogar Abhängigkeiten kommen.

Zu viele Schlaf- und Beruhigungsmittel
Alarmierend sind die Folgen besonders bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Da die Über-65-Jährigen, besonders Frauen, häufig an Schlaflosigkeit leiden, werden rund die Hälfte aller Schlafmittel von dieser Altersgruppe eingenommen. Hier kommt es oft zur Überdosierung, bei Dauerkonsum auch zur Sucht.
 
Schlafmittel zur Ruhigstellung
Besorgniserregend ist, dass in Heimen oder in der häuslichen Pflege Patienten häufig Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben werden, nur um sie ruhig zu stellen und Pflegepersonal zu sparen. Experten sprechen hier bereits von "chemischer Gewalt", die aufgrund des Pflegenotstands in den nächsten Jahren noch zunehmen könnte. Skandalös: Laut einer Studie bekommt etwa jeder Dritte Demenzkranke starke Beruhigungsmittel, obwohl das Sterberisiko dadurch nachweislich steigt. Bei Demenzen kommen häufig sehr stark beruhigende Psychopharmaka, sog. Neuroleptika, zur Anwendung, die nur dann eingesetzt werden sollten, wenn die Menschen sich selber gefährden, z.B. durch einen überstarken Bewegungsdrang, oder wenn sie andere dadurch gefährden. Manche Menschen mit Demenz sind auch besonders aggressiv, auch dann könnten solche Mittel in Betracht kommen.
 
Nebenwirkungen - Abhängigkeit droht
Nahezu alle Schlafmittel führen nach vier bis sechs Wochen Daueranwendung zur Abhängigkeit. Daher sollten solche Mittel - die bekanntesten sind Mittel mit Zolpidem oder Zopiclon, oder auch mit Lormetazepam oder Temazepam - möglichst nicht länger als acht bis 14 Tage hintereinander eingenommen werden. Wenn man ohne Schlafmittel z.B. nach eine Einnahme von drei bis vier Wochen hintereinander schlechter schläft als zuvor, wenn man unruhig wird und nicht einschlafen kann, können dies die ersten Anzeichen dafür sein, dass man sich schon an diese Mittel gewöhnt hat.

Harmlose Medikamente gibt es grundsätzlich nicht, alle wirksamen Mittel haben auch unerwünschte (Neben-)Wirkungen. Man kann allerdings als Schlafmittel auch Produkte mit Baldrian-, Hopfen- oder Passionsblumenextrakt versuchen. Die Wirkung ist aber sicherlich weniger stark und stellt sich auch nicht sofort, sondern erst nach einigen Tagen ein.

Außerdem führen alle Schlaf- und Beruhigungsmittel gerade bei älteren Menschen zur Verschlechterung ihrer kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten - das Denken und Reden fällt schwerer und wird langsamer.

Immer den Arzt oder Apotheker fragen
Es gibt Ärztinnen und Ärzte, aber auch Apothekerinnen und Apotheker, die sich sehr mit Suchtproblemen beschäftigt haben. Fragen Sie daher bei der Verordnung oder beim Abholen des Arzneimittels nach, damit Sie gar nicht erst in die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung hineingeraten.

Beitrag von Michael Großmann

Dieser Text gibt den Sachstand vom 22.05.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Mehr Infos

Stiftung Warentest

Auf dieser Seite gibt es Informationen zu allen gängigen Medikamenten www.medikamente-im-test.de

Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen

Veröffentlichungen unseres Studiogastes Prof. Dr. Gerd Glaeske www.zes.uni-bremen.de

Arzneimittelreport 2011

Autor: Prof. Dr. Gerd Glaeske www.barmer-gek.de

Faktencheck Gesundheit

Alle Informationen zur Studie "Antibiotika bei Kindern" www.faktencheck-antibiotika.de

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/zibb/service/gesundheit/gefaehrliche_pillen.html

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