Ältere Dame am Telefon mit skeptischem Gesichtsausdruck, Quelle: colourbox

Service - Bei Anruf Abzocke

Tausende Deutsche erhalten täglich unerlaubte Anrufe. Mit nur einem Ziel: Geld zu ergaunern. Die neueste Masche: Die Angerufenen werden unter einem Vorwand dazu gedrängt, unbedingt "ja" zu sagen – und schon flattert die Rechnung ins Haus. Studiogast ist Michèle Scherer von der Verbraucherzentrale Brandenburg

Es ist eine perfide Masche: Betroffene berichten, dass sie am Telefon laut und deutlich "Ja" sagen sollten. Dazu stellen die Anrufer zum Beispiel Fragen wie: "Hören Sie mich?". Einige Tage später erhalten die Angerufenen Vertragsunterlagen oder Rechnungen. Der Absender behauptet, die Betroffenen hätten doch am Telefon zugestimmt. Im Extremfall wird das Telefonat so zusammengeschnitten, dass das "Ja" an der passenden Stelle gesagt wurde, um einen Vertrag abzuschließen. Dabei hat es tatsächlich nie einen Vertragsschluss gegeben. Die Verbraucherzentralen raten, in diesem Fall die Rechnung nicht zu bezahlen. Aber: Betroffene sollten sie auch nicht einfach ignorieren, sondern sich dagegen wehren. Dazu stellen die Verbraucherzentralen online verschiedene Musterbriefe kostenlos zur Verfügung, um eine unberechtigte Forderung (z.B. Zeitschriftenabo oder Inkasso-Büro) abwehren zu können.

Computer ausgespäht
Derzeit ebenfalls im Kommen: gefälschte Microsoft-Anrufe. Bis September 2016 wurden bereits mehr als 7500 Geschädigte in Deutschland ermittelt. Die Polizei vermutet aber weit mehr Fälle. Betrüger geben sich dabei als Service-Mitarbeiter aus. Der heimische Computer sei angeblich von Viren befallen, behaupten sie und bieten an, beim Säubern des PCs zu helfen. Was sich zunächst nach einem tollen Service anhört, ist in Wahrheit eine Betrugsmasche. Das Ziel: die Computernutzer zur Installation einer Fernwartungssoftware oder eines Trojaners zu bewegen. Damit können die Betrüger problemlos auf den Rechner zugreifen und Daten ausspähen. Die beste Reaktion: sofort auflegen. Wurde bereits Software installiert, sollte das Gerät schnellstmöglich vom Internet getrennt und von einem Experten geprüft werden. Und: Zugangsdaten und Passwörter, insbesondere für das Online-Banking, sofort ändern.

Die Verbraucherzentralen berichten außerdem vom sogenannten Erotik-Trick. Dabei werden Verbraucher am Telefon nach ihrer Adresse gefragt. Der Anrufer behauptet, dass man etwas bestellt hätte und nur noch mal die Adresse abgeglichen werden soll. Doch kurze Zeit später kommt eine Rechnung über Anrufe bei einer Erotik-Hotline. Dies ist vielen Betroffenen so peinlich, dass sie lieber bezahlen als sich Rat zu holen. Genau dieses Schamgefühl nutzen die Kriminellen aus.

Viele Beschwerden
Generell gilt: Möchte eine Firma zu Verkaufszwecken telefonisch Kontakt aufnehmen, ist dies nur erlaubt, wenn eine Einverständniserklärung vorliegt. Grundsätzlich kann eine solche Einwilligung auch durch Ankreuzen einer vom Unternehmen vorformulierten Erklärung erteilt werden. Allerdings muss diese Erklärung dann deutlich als solche erkennbar sein. Im Rahmen Allgemeiner Geschäftsbedingungen muss sie in einem gesonderten Textabschnitt ohne anderen Inhalt enthalten sein. 2013 beschlossen Bund und Länder ein Gesetzespaket gegen unseriöse Geschäftspraktiken, unter anderem mit höheren Bußgeldern für unerlaubte Telefonwerbung. Doch die Zahl der Fälle ist seitdem nicht gesunken, sondern gestiegen: Nach Angaben der Bundesnetzagentur gab es im Jahr 2016 fast 30.000 Beschwerden wegen unerlaubter Telefonwerbung; 2015 waren es nicht mal 25.000.

Neue Gesetzesinitiative
Die Gesetzeslage könnte sich aber bald ändern. Statt Abzocker am Telefon härter zu bestrafen, versucht der Gesetzgeber es nun auf anderem Weg: mit einem Angriff auf das Geschäftsmodell. Telefonisch geschlossene Verträge sollen künftig nur noch gelten, wenn der Kunde sie anschließend schriftlich bestätigt. So sieht es ein Gesetzentwurf vor, den das Land Baden-Württemberg jetzt vorgestellt hat. Eine Unterschrift bräuchte ein mündlich und per Telefon geschlossener Vertrag damit zwar immer noch nicht. Die Zustimmung des Kunden muss aber in Textform vorliegen, also etwa per SMS oder E-Mail. Bis jetzt gibt es eine solche Regelung nur für Gewinnspielverträge. Künftig soll sie aber auch für alles andere gelten, vom Handyvertrag bis zum Stromanbieterwechsel – allerdings nur dann, wenn der Kunde angerufen wurde und sich nicht selbst gemeldet hat.

Bis dahin gilt für alle bewusst am Telefon geschlossenen Verträge, dass sie grundsätzlich gültig sind. Da es aber schnell zu Missverständnissen kommen kann, raten die Verbraucherzentralen, sich den Vertrag stets noch mal zuschicken zu lassen, bevor man zustimmt. Und: Verträge, die während eines Telefonats geschlossen wurden, können in der Regel widerrufen werden. Sie sind dann nicht mehr an den Vertrag gebunden. Die Widerrufsfrist beträgt in diesen Fällen mindestens 14 Tage. Sie beginnt mit Vertragsschluss. Wurde allerdings nicht über das Widerrufsrecht informiert, so erlischt das Widerrufsrecht spätestens nach 12 Monaten und 14 Tagen.

Text von Christine Knospe