Vasilli Silovic, Britt Beyer (Bild rbb, ARTE)
Die "24h Europe"-Regisseure Vasilli Silovic und Britt Beyer | Bild: rbb, ARTE

Interview mit den Regisseuren Britt Beyer und Vassili Silovic - Ein Marathon und ein Sprint zugleich

Britt Beyer und Vasilli Silovic haben bei "24h Europe" Regie geführt und sind selbst weit weniger durch Europa gereist, als sie anfangs dachten.

Frau Beyer, Berlin, Jerusalem, Bayern – Sie haben bisher an allen 24-Stunden-Projekten mitgearbeitet. Was ist das Besondere an "24h Europe“"?

Beyer: Wir erzählen nicht nur über eine Stadt oder ein Bundesland, sondern über einen ganzen Kontinent. Und wir erzählen von einer Generation.

Wie sind Sie vorgegangen, um das Projekt zu strukturieren?

Beyer: Als erstes – das war im Sommer 2017 – stand die Entscheidung, über das geografische Europa zu berichten, nicht nur über die Europäische Union. Also von Island bis nach Griechenland, von Russland bis nach Portugal. Um den Rahmen der Erzählung zu finden, haben wir analysiert, was sind die Megatrends, was sind die großen Themen
für die Generation: Mobilität, Ökologie, Neuer Feminismus, Urbanisierung, politische Radikalisierung, Jugendarbeitslosigkeit ...

Dann stellte sich die entscheidende Frage: Wie brechen wir das runter? Nehmen wir den demografischen Wandel und die Urbanisierung: Wie lässt sich das in einer Person an einem Tag beschreiben? Wir haben geschaut, wo der Urbanisierungsgrad besonders hoch ist. Europa schrumpft vor allem im Osten und an seinen Rändern. Zusammen ergab dies den Suchauftrag, den letzten Jugendlichen in einem Dorf zu finden. Und das war dann Valeri in Bulgarien.

Auf so ein Dorf muss man erst einmal stoßen, hundert Kilometer entfernt von Sofia.

Beyer: Zunächst haben wir die Länder festgelegt und die Themen über die Länder verteilt. Vor Ort haben wir dann die Rechercheure gesucht. Wichtig war uns dabei vor allem: Wer versteht die Vision des Projekts. Die Suche nach den Protagonisten dauerte mehrere Monate, bis kurz vor dem Drehtag im Juni 2018. Bei jungen Menschen kann sich immer alles ändern. Und zwar schnell.  

Herr Silovic, Sie leben in Paris, wie haben die Leute in Ihrem Umkreis in Frankreich reagiert, als Sie von Ihrem Vorhaben erzählt haben?

Silovic: Das Format erstaunt und fasziniert wegen seiner geographischen und zeitlichen Dimension. Ich glaube, die Leute freuen sich, ein Projekt über Europa zu sehen, das politische Fragen aufwirft, dabei unterhaltsam ist und nah an den Protagonisten. Und mehrere Freunde sind motiviert, ein privates 24h-Event steigen zu lassen.

Wie leitet man so viele Aufnahmeteams verstreut über den ganzen Kontinent?

Silovic: Teamarbeit steht bei einem solchen Projekt an erster Stelle. Es kommen ja 45 verschiedene Regisseure und Teams mit unterschiedlichen Arbeitsweisen zusammen. Die
einzelnen Regisseure arbeiten nach unseren Vorgaben mit Protagonisten, die wir gecastet haben.

Und auch am Ende sind sie im Schneideraum nicht dabei. Das geht nur mit viel Vertrauen unter Kollegen. Wie macht man das?

Silovic: Viel telefonieren, viele Gespräche. Begleiten ohne sich aufzudrängen – mit den Regisseuren und mit den Protagonisten. Und dann gab es im Mai 2018 einen Workshop
in Berlin. Das war sehr beeindruckend, weil da die meisten Teams aus ganz Europa zusammenkamen. Und das war gut für den Teamspirit.  

Was haben Sie den Aufnahmeteams vor Ort mitgegeben für den entscheidenden Drehtag?

Beyer: Es gab Vorgaben, wir nennen sie charmant die "Golden Rules". Das sind, offen gestanden, gar nicht wenige. Es gibt die goldenen Regeln für Regisseure, für Kameraleute, für die Aufnahmeleitung. Das ist ein richtiger Katalog.

Und was steht da drin?

Beyer: Den Protagonisten durch den Tag folgen, nicht inszenieren. Ohne Licht arbeiten. Nur Handkamera. Das ist auch eine Herausforderung an einem langen Drehtag. Außerdem
Impressionen zu filmen, die etwas über den Ort und seine Landschaft erzählen.

Silovic: Das Format erfordert eine spezielle Stilistik, weil es in Echtzeit erzählt. Zeitsprünge, wie sie in der Filmsprache üblich sind, sind bei uns nicht möglich. Der Weg, den ein Protagonist zwischen zwei Aktionen geht und die Zeit, die dabei vergeht, muss im Idealfall von der Kamera erfasst werden. Das gelingt natürlich nicht immer. Und dann ist der Schnitt
gefordert.

Nachdem Sie das Projekt ein Jahr lang vorbereitet haben: Wie haben Sie beide den Drehtag verbracht?

Silovic: Ich in Paris. Am Telefon. Nach und nach kamen die ersten Fotos von den Teams vor Ort, so dass sich schon erkennen ließ: Das wird. Das Ganze war ja vorher sehr abstrakt. Von der Idee, über das Casting bis zum Dreh. Aber dann sieht man, das wächst. Und es wächst zusammen.

Beyer: Ich war in Berlin. Ebenfalls am Telefon. Manche Teams haben noch bis spät in der Nacht angerufen, weil es Fragen gab, weil sie Unterstützung brauchten. Das ist aber auch
das Schöne, so ein Megaprojekt lässt sich nicht planen. Es passiert immer etwas Unvorhergesehenes. Es gab auch Extremsituationen: Ein Team hat in der Ukraine an der
Frontlinie gedreht und einen Angriff miterlebt. Ein anderes Team wurde auf Lesbos von der Grenzpolizei festgehalten, man dachte, sie seien Kundschafter für Schlepper.

Und am Tag danach heißt es, 24 Stunden schlafen?

Beyer: Den Tag danach gab es nicht. Es ging sofort weiter in die Postproduktion.

Wie kann man sich das vorstellen? Es ist ja unglaublich viel Material, hunderte Stunden Filmaufnahmen...

Beyer: Wir hatten ein tolles Team von Editoren. Im Sommer 2018 haben sie das Rohmaterial gesichtet, pro Protagonist entstand ein Rohschnitt von eineinhalb bis fünf Stunden.

Silovic: Wir arbeiten uns chronologisch vor, von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr morgens. Wir haben uns den Tag aufgeteilt, anfänglich im Halbstundentakt, später größere Abschnitte. Wir entwickeln gemeinsam die großen dramaturgischen Bögen und tauschen uns permanent aus.
 
Beyer: Das Verrückte an dem Projekt ist: Es ist ein Marathon und ein Sprint zur selben Zeit. Man muss die Aufgaben stetig in kleinere Abschnitte unterteilen, sonst ist das
erschlagend.

Wie behalten Sie die Übersicht, von welchem Protagonisten wann und was erzählt werden soll?

Beyer: Wir arbeiten mit Farbdiagrammen. Mit Karteikarten und Listen. Am Nachmittag sind die meisten unserer Protagonisten aktiv. Ab 20 Uhr wird es dann weniger und
ab 22 Uhr nochmal. Aber das ist die dramaturgische Herausforderung, die Zuschauer mit durch den ganzen Tag zu nehmen. Und dann auch durch die ganze Nacht.

24h-Europe-Team beim Drehstart (Bild: rbb Maurice Weiss)
24h-Europe-Team beim Drehstart (Bild: rbb Maurice Weiss)

Was war im Vergleich zu den anderen 24-Stunden-Projekten bei der Produktion anders?

Beyer: Wir haben in 26 Ländern gedreht, die Logistik für die Drehvorbereitung ist eine ganz andere. Auch die Postproduktion mit den Übersetzungen für Untertitel und voice over ist viel aufwändiger.

Nach so vielen Monaten Vorbereitung und Schnitt: Was haben Sie über Europa gelernt?

Beyer: Von außen auf Deutschland und die Europäische Union zu schauen – dieser Perspektivwechsel tut gut. Wir fühlen uns ja gern als der Mittelpunkt. Aber für den Stahlarbeiter in Magnitogorsk ist dieses institutionelle Europa weit weg und gar nicht erstrebenswert. Und es wird bewusster, wie brüchig Europa ist. Mitunter scheint es, es ist nicht die Frage, wann das Gebilde Europa zerfällt, sondern: Haben wir einen Plan für die Zeit danach?

Und was haben Sie über die Millennials erfahren?

Beyer: Für diese Generation ist Europa etwas Selbstverständliches. Die offenen Grenzen waren für die meisten schon immer da. Mobilität ist ein großes Thema, im äußeren wie im inneren ... alles ist fließend, alles ständig im Wandel.

Silovic: Wie sehr diese jungen Menschen engagiert sind. Nicht nur politisch. Sie haben viele Ideale und stehen dafür ein. Sie sind in der Lage, Vieles zu verändern.

Und was hat Sie am meisten überrascht?

Silovic: Von meinem Werdegang her fühle ich mich zutiefst als Europäer. Unser Projekt hat das bestätigt. Egal, ob in Magnitogorsk oder in Portugal oder Island, ich fühle mich überall zu Hause. Es gibt doch so etwas wie eine emotionale Verbundenheit unter Europäern. Ein europäisches Lebensgefühl, an das ich glaube und das unsere Arbeit widerspiegeln wird.

Das Interview führten Peter Riesbeck und Katrin Weber-Klüver.