Volker Heise (Bild: zero one)
Volker Heise, künstlerischer Leiter des Teams "24h" | Bild: zero one

Interview mit dem Erfinder - Volker Heise: Es geht in diesem Format um nichts anderes als den Augenblick

Volker Heise, der Erfinder des Formats "24h", hat Vergnügen daran, Fernsehformate zu sprengen und Erwartungen immer wieder zu unterlaufen.

Herr Heise, "24h Europe" ist die vierte Auflage dieses Formats nach "24 Stunden Berlin"
vor zehn Jahren, dann Jerusalem 2014 und zuletzt Bayern 2017. Wie ist die Idee seinerzeit entstanden?


Ich war am Hauptbahnhof in Berlin und las in der Zeitung eine Notiz: Englische Historiker bitten Briten aufzuschreiben, was sie im Laufe eines Tages machen, und zwar nicht das,
was außergewöhnlich ist, sondern das Gewöhnliche. Das fand ich klasse. Es wird immer überliefert, was Könige und Präsidenten machen, aber nicht, was 99 Prozent der Leute
machen. Dann bin ich vom Hauptbahnhof in unser Büro gegangen, das sind ungefähr 15 Minuten Fußweg.

Nach fünf Minuten dachte ich: Warum fragen die nicht nach Bildern? Nach zehn Minuten: Warum fragen wir das nicht einfach? Und nach einer Viertelstunde habe ich gedacht: Daraus machen wir einen Tag im Leben. Wir sprengen 24 Stunden aus
der Zeit heraus und flicken sie wieder zusammen. Und zwar in Echtzeit. 24 Stunden in 24 Stunden.

Wenn man vom Film kommt, denkt man in Filmeinheiten, also 90 Minuten. Aber Fernsehen ist ja ganz anders. Wenn man Fernsehen ernst nimmt, ist Fernsehen etwas, das ständig läuft. Ich dachte mir, man müsste einmal als Filmemacher dieses fließende Band beherrschen und es gleichzeitig als Basis der Erzählung nutzen. Daraus ergaben sich logische Konsequenzen.

Zum Beispiel?

Wir erzählen Geschichten nie zu Ende. Die gehen immer weiter und weiter und weiter. So wie das Fernsehprogramm und das Leben. Ich werde oft gefragt, worum bei dem
24-Stunden-Format geht. Dann sage ich: Es ist die Form für den Inhalt. Wir haben Fernsehen gesprengt. Und während wir es gesprengt haben, haben wir versucht, etwas zu erzählen, was sich nicht erzählen lässt. Zum Beispiel einen Tag in einer Stadt.

Jetzt gibt es mit Europa einen ganzen Kontinent, der sich noch weniger erzählen lässt.

Genau. Und ganz viele Dinge, die vorher gegolten haben, gelten da nicht mehr. In einer Stadt hat man die Einheit von Raum und Zeit. Egal wo ich bin, es ist immer Berlin, Jerusalem, sogar Bayern, und immer die gleiche Zeit. Bei Europa ist das anders. Man muss erst einmal in den einzelnen Ländern und ihren Zeitzonen ankommen.

Drehteam 24h, Gruppenfoto (Bild: rbb/Maurice Weiss/Ostkreuz/zero one 24)
Drehteam "24h"

Haben Sie je gedacht, Europa könnte zu groß sein für dieses Format?

Nein, dann hätten wir es nicht gemacht. Es geht immer wieder darum herauszufinden, was man erreichen kann. Ich hab zwar nach "24h Berlin" gesagt, das war‘s, wir haben bewiesen, dass es geht. Aber dann kam Jerusalem, das war etwas Neues. Berlin war eine funktionierende Stadt, Jerusalem war eine Stadt, die zwar technisch gesehen auch funktioniert, aber nicht als Stadtgesellschaft. Und bei Bayern war es interessant zu sehen, ob man mit so einem Format auch Fläche erzählen kann. Europa ist dann der nächste logische Schritt.

Waren die drei Vorgänger eine Vorbereitung auf "24h Europe"?

Jedes Projekt hat seine eigenen Schwierigkeiten, sowohl inhaltlicher als auch formaler Natur. Aber klar, wir haben die Sicherheit gewonnen, dass wir 24 Stunden erzählen können.

Was auch wichtig ist: Das Format hat Regeln, die habe nicht ich aufgestellt, die hat das Format aufgestellt. Am Anfang, bei "24h Berlin", haben wir lange experimentiert, um herauszufinden, was geht und was nicht geht. Es geht nicht: jumpcuts, Zeitlupe oder Zeitraffer, Rückblicke und Ausblicke. Das halbe Instrumentarium fällt weg, weil die Echtzeit regiert, der Augenblick.

Man darf nicht in der Zeit vor- oder zurückspringen, um etwas zu erklären oder spannend zu machen?

Heise: Nein, man muss sich penibel an die Zeitachse halten. Das ist das Versprechen an die Zuschauer: Wir gehen mit Euch mit. Auch die Filmzeit läuft so unerbittlich wie die Lebenszeit. Wir bleiben nie stehen. Ganz tief im Inneren des Formats tickt die Uhr. Sie sagt: Es geht weiter und weiter und weiter. Die Geschichte hört nicht auf zu fliegen.

Sie haben jetzt erstmals bei einer 24h-Dokumenation nicht selbst Regie geführt. Sie waren
an der Konzeption beteiligt und dann wieder im Schnitt. Welchen Eindruck hatten Sie vom
Material?

Man kriegt ja immer das, was man sucht. Und wir haben natürlich gesucht. Wir haben uns in der Konzeptionsphase überlegt: Welche großen Trends gibt es, von Migration bis Demographie, und wie wirken sie sich auf das Leben der Leute unter 30 aus.

Weil wir keinen Thesenfilm machen, haben wir nach Menschen gesucht, deren Alltag das erzählen kann. Als ich dann das Material gesehen habe, hat sich für mich noch mal manifester gezeigt: Europa ist heterogener, als man denkt. Es gibt grob gesehen den Osten, den Süden und, ich sag mal: Mittelnord. Mittelnord ist reich, der Süden kämpft,
im Osten schlagen autoritäre Muster durch.

Wenn man das Material dann genauer sieht, lösen sich wieder alle Klischees auf und man fragt sich, wie das alles zusammenpassen soll. Der Kontinent scheint im Moment eher auseinanderzudriften.

Das war eine ernüchternde Erkenntnis?

Heise: Nein. Europa ist nicht einfach, es ist Arbeit, es musste immer erkämpft werden. Jetzt ist die nächste Generation dran.

Die ja die Generation der Protagonisten in "24h Europe" ist. Haben Sie je überlegt, Menschen später noch einmal aufzusuchen und zu erzählen, wie ihre Geschichten weitergegangen sind?

Heise: Nein, denn es ist dem Format auch inhärent, dass es eine Momentaufnahme ist. Ich hatte nie das Bedürfnis, zu jemandem ein paar Jahre später noch mal hinzufahren. Es würde etwas vom Charme des Augenblicks nehmen, und es geht in dem Format um nichts anderes als den Augenblick.

Eine klassische Filmdramaturgie mit Anfang und Ende und mit einer Lehre oder Synthese am Schluss sucht man bei uns ja auch vergeblich. Wir blättern nur in jedem Moment eine neue Seite der unendlichen Geschichte auf. Ich mochte immer das Bild von einem riesigen Puzzle, das sich einen Tag lang auf die Suche nach seinen Einzelteilen macht. Es geht zwar nie auf, aber das Leben ist ja auch Flickwerk.

Ist "24h Europe" das Finale dieses Formats oder geht es weiter?

Ich träume noch von einem Tag auf dem Land in einer einzigen Einstellung.

Das Interview führte Katrin Weber-Klüver.