Radfahrer auf dem Oder-Neiße-Radweg, Bild: dpa/Patrick Pleul
Bild: dpa/Patrick Pleul

- Bilderbuch - Entlang der Oder zur Neiße

Eine filmische Reise entlang der Oder, über die Kleist-Stadt Frankfurt, durch das wildromantische Schlaubetal bis nach Guben, der Stadt an der Neiße.

Friedrich der Große ließ den Oderbruch trockenlegen

Die Besiedelung des Oderbruchs ist Friedrich II. zu verdanken. Im 18. Jahrhundert ließ er das Feuchtgebiet entwässern und einen Deich bauen. Preußen lockte mit Vergünstigungen – beispielsweise Religionsfreiheit – Siedler aus anderen Ländern, so dass ab 1753 die ersten Kolonisten ins trockengelegte Oderbuch kamen.

Noch heute lassen sich diese relativ jungen Kolonistendörfer an der Vorsilbe "Neu" in ihrem Namen erkennen, wie beispielsweise Neu-Wustrow oder Neuzelle. Der Deich und die einstigen Gleise der Oderbruchbahn bilden einen Teil des beliebten Oder-Neiße-Radweges.

Das Oderbruch im Winter

Die Winter im Oderbruch sind rau, Minus 20 Grad und noch kälter. In der Oder bildet sich Grundeis und so friert sie in fast jedem Winter zu, ein bizarrer Anblick – einzigartig in Europa. Im Frühjahr droht dem Oderbruch Hochwasser; die letzte Hochwasserkatastrophe war 1997 und ein extremes Hochwasser gab es 2010 wieder einmal.

Einige der Kolonisten, vor allem die aus dem Süden, hielten diese Winter nicht aus. Doch da sie sich verpflichtet hatten, für immer zu bleiben, blieb ihnen nur die Flucht. Wer dabei erwischt wurde, dem drohte unter Friedrich II. die Todesstrafe.

Der Bildhauer Werner Stötzer

lebte und arbeitete über 30 Jahre in Altlangsow. Auch im hohen Alter, arbeitete er am liebsten im Freien – jeden Tag, bei jedem Wetter: "In dem Wechsel des Lichtes zu arbeiten, das ist eben der große Spaß im Freien." Er liebte diese karge, weite Landschaft, die ihn nicht ablenkte von seiner Arbeit. Im Frühjahr 2010 verstarb der bekannte Bildhauer.

Der Schauspieler Thomas Rühmann

– bekannt als Arzt aus der ARD-Fernsehserie "In aller Freundschaft" – verliebte sich vor zehn Jahren in den Oderbruch.

Er begleitete die Dreharbeiten zu diesem "Bilderbuch: Entlang der Oder zur Neiße" und erzählt darin: "Eine sehr charaktervolle Landschaft: flach und mit sechs Siebentel Himmel, einem Deich und einem Fluss, der die Atmosphäre bestimmt. Man ist dem Wetter ausgesetzt – im Sommer besonders grün, im Winter besonders karg. Hier gibt es unvergleichliche Sonnenuntergänge und nachts hat man Sterne über sich."

Er kam in das 50-Seelen-Dorf Zollbrücke und gründete mit dem Akkordeonspieler Tobias Morgenstern das erfolgreiche "Theater am Rand" – ein Musik-Theater, für das die Besucher gern eine lange Reise auf sich nehmen.

Neulietzegöricke

Nur zwei Kilometer von Zollbrücke entfernt liegt Neulietzegöricke, das älteste von 43 Kolonistendörfern. Hier ist noch alles so erhalten, wie es Friedrich II. einst plante: ein lang gestrecktes Straßendorf, in deren Mitte der Wasserabzugsgraben angelegt ist. Auch die Kirche steht mitten im Dorf, zwischen den beiden Straßen.

Etwa ein Drittel der größtenteils sanierten Häuser sind im Fachwerkstil erbaut. Die Dorfkneipe, der "Feuchte Willi", ist mittlerweile 100 Jahre alt. Das gesamte Dorfensemble steht heute unter Denkmalschutz.
Hauptportal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) (dpa-Bild)
Viadrina in Frankfurt (Oder)

Die Stadt Frankfurt (Oder)

Die Oder war noch in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts einer der meist befahrenen Flüsse Deutschlands. Dampfschlepper schoben die tonnenschweren Kräne von Stettin nach Breslau – vorbei an Frankfurt. Die alte Hanse- und spätere Garnisonsstadt hatte als Hafenmetropole keine Bedeutung, vielmehr galt sie bis zum II. Weltkrieg als Drehscheibe des Ost-West-Handels auf dem Landweg.

Während des Krieges wurde die Stadt zu 97 Prozent zerstört. Der neu aufgebauten Stadt bietet die 1991 wiedereröffnete Traditions-Universität "Viadrina" mit einem sehr großen Anteil ausländischer Studenten ein weltläufiges Flair.

Knapp ein Viertel der Studenten kommt aus Polen, nicht zuletzt weil von Frankfurt die Brücke über die Oder ins polnische Nachbarstädtchen Slubice führt.

Eisenhüttenstadt

Etwa 25 Kilometer südlich von Frankfurt liegt Eisenhüttenstadt. Die ehemalige Wohnstadt und das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) wurden 1950 zwischen der ehemaligen Stadt Fürstenberg (Oder) und der Gemeinde Schönfließ errichtet, die heute ebenfalls zu Eisenhüttenstadt gehören.

Die neu errichtete Siedlung bekam 1953 den Namen Stalinstadt und wurde 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt. Die auf dem Reißbrett enstandene Stadt gilt aufgrund ihrer einzigartigen Architekturgeschichte als Flächendenkmal, das derzeit aufwändig saniert wird.

Da in dem heutigen Hüttenwerk, ein luxemburgisch-britisches Unternehmen, nur noch 2.700 Leute – statt 12.000 wie noch 1990 – arbeiten, leidet Eisenhüttenstadt unter starkem Bevölkerungsrückgang, allein in den vergangenen 20 Jahren verließen 20.000 Menschen die Stadt. Das bedeutet, dass ein Teil der noch jungen Stadt abgerissen wird, ein so genannter Rückbau.

Kloster Neuzelle [Rautenberg]
Kloster Neuzelle

Kloster Neuzelle

Unweit von Eisenhüttenstadt befindet sich die größte noch erhaltende Barockanlage Brandenburgs: Kloster Neuzelle. Als Ausgründung vom Mutterkloster Altzella in Sachsen wurde es 1268 gestiftet. Die dreischiffige Hallenkirche der Abtei wurde – mangels Steinbrüchen in der Region – in der ortsüblichen Backsteinweise gebaut.

Die Reformation überstand das Kloster lange als katholische Insel in einer rein protestantischen Umgebung. Erst 1817 mussten die Mönche aufgeben und ausziehen. Das Kloster wurde preußischer Staatsbesitz; heute gehört es als Stiftung dem Land Brandenburg.

Die prunkvolle katholische Pfarrkirche des 18. Jahrhunderts, gestaltet von italienischen und böhmischen Künstlern, gilt mit 13 Altären und 650 Figuren als "Barockwunder". Der Klostergarten wurde im französischen Stil angelegt, der nach der Säkularisierung, 1842 als Sportplatz genutzt wurde. Erst 2004 wurden der Garten und die Orangerie wieder restauriert.

Das Schlaubetal

Kloster Neuzelle liegt am Rande des Schlaubetals, einem der größten und schönsten Naturschutzgebiete Brandenburgs: ausgedehnte Wälder mit Kiefern, Buchen und Eichen sowie eine Seenkette. Sieben Seen der Kette werden vom Fluss Schlaube durchzogen und auch so manchem Mühlenteich.

 

Die Mühlen wurden einst von den Zisterziensermönchen betrieben. Heute sind sie technische Denkmäler, nicht zuletzt deshalb, weil die Schlaube in den vergangenen Jahren stark an Wasser verloren hat.

"Gubener Hüte - weltbekannt durch ihre Güte"

An einem Nebenfluss der Oder, an der Neiße, liegt die Stadt Guben. Durch das Potsdamer Abkommen 1945 wurde die Stadt geteilt, so dass ein Teil auf der polnischen Seite ist, jenseits des Flusses, die Stadt Gubin.

In Guben wurden erstmals Filzhüte aus Hasenhaar gefertigt, allein 11 Hutfabriken gab es in Guben. "Hüte von weltbekannter Güte". Auch Erich Honecker ließ hier fertigen. Maßgeschneidert, da sein Kopf zu groß für die Einheitsgrößen war. Als vor zehn Jahren die Hutproduktion aufgegeben werden musste, arbeiteten dort nur noch zehn Hutmacher von einst 7000.

Die Zukunft der Stadt liegt im Zusammenwachsen der geteilten Stadt. So werden die gotische Hauptkirche oder das Stadttheater gemeinsam aufgebaut.

Film von Marina Farschid

Erstausstrahlung 14.06.2009/ARD/rbb

Das Oderbruch