Uckermärkische Bühnen von außen, Foto: Michel Nowak
Michel Nowak/rbb
Bild: Michel Nowak/rbb

Entdecke Brandenburg - Großes Theater in der Uckermark

Natur pur bieten die endlosen hügeligen Weiten der Uckermark und mittendrin ein Theater mit eigenem Ensemble, großem Haus und mehreren Bühnen. Das leistet sich seit 40 Jahren die 30.000 Einwohner zählende Stadt Schwedt. Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt (ubs) schreiben seit Jahren eine hart erkämpfte Erfolgsgeschichte, 2018 mit dem Rock-Musical "Tamara".

Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt (ubs) schreiben seit Jahren eine hart erkämpfte Erfolgsgeschichte. Jedes Jahr bringen die "ubs" mehr als zehn neue Inszenierungen zur Premiere mit selbst geschaffenen Bühnenbildern, Kostümen und eigenen Musik-Kompositionen. 2018 kommt das Rock-Musical "Tamara" auf die große Bühne.

Die Inszenierung "Tamara" ist eine Hommage an die Frontfrau der Rockband "Silly". Die Reporter sehen hinter die Kulissen des Rockmusicals und erfahren, was die "ubs" im Innersten zusammenhält und so unverzichtbar macht für die Region.

Wie funktioniert ein Theater so weit draußen im deutsch-polnischen Grenzland trotz Sparzwängen und permanentem Zeitdruck? Die Reportage geht der Frage nach und begleitet drei Akteure bei der Entstehung des Musicals "Tamara": die polnische Schauspielerin Katarzyna Kunicka, den Werkstattleiter Mathias Funk sowie den Intendanten und Regisseur Reinhard Simon.

Neues Musical erinnert an die DDR-Rockband "Silly" mit ihrer Frontfrau Tamara Danz

Aus den Lautsprechern neben der geräumigen Probenbühne tönt die prägnant klare Stimme der vielleicht schillerndsten Rocksängerin Ostdeutschlands. "Wo bist Du?" fragt Tamara Danz singend. Im Takt der Musik umkreisen sich die in schwarz gekleideten Schauspieler Katarzyna Kunicka und Michael Kuczynski auf dem dunklen Parkett. Sie umfassen ihr Gegenüber, wirbeln über den Boden, stoßen sich voneinander weg. Am Rand flüstern die beiden Zuschauer dieses dreiminütigen Spiels aus Nähe und Distanz miteinander.

Choreografin Eliza Hołubowska und Regisseur Reinhard Simon haben danach eine ziemlich konkrete Kritik: "Etwas mehr Erotik, etwas mehr Wollust in der Mimik könnte sein", sagt Simon zu Michael Kuczynski. Der 28-Jährige spielt im Stück den Mephisto. "Und als solcher willst Du Deine Tanzpartnerin anmachen", fährt Regisseur Simon fort. Die Tanzpartnerin wiederum solle mehr auf den Takt zu Beginn des Lieds achten. Katarzyna Kunicka, 26, mimt eine Bühnenbildnerin in dem von der Geschichte her doch recht gewagten Musical.

Intendant Simon wollte Musical schon seit längerem inszenieren

Ein Autorenteam begibt sich da auf die Spuren von Tamara Danz und ihrer Band Silly. Dabei erhalten sie Unterstützung aus der Hölle - von eben jenem Mephisto. Er nimmt die Autoren mit in die Vergangenheit und lässt Tamara Danz an verschiedenen Punkten ihrer Karriere täuschend echt erscheinen. Allerdings - wie es sich vorhersehbar für den Teufel gehört - nicht ohne Gegenleistung. Der Ausgangspunkt für eine Reihe von Verwicklungen ist so gelegt.

Die Rolle von Tamara Danz übernimmt Musical-Darstellerin Saskia Dreyer. Stimmlich sei sie dem Original gewachsen und verblüffend ähnlich sehe sie der Rock-Ikone auch gleich noch, freut sich Regisseur Reinhard Simon. Die Muscial-Produktion steht für ihn seit Jahren auf der Wunschliste. Die Band-Mitglieder von Silly haben jetzt ihre Zustimmung zu dem Projekt gegeben. "Dass die Inszenierung ausgerechnet zum 40. Geburtstag der Band gelingt, sehe ich als gutes Omen", sagt Simon. Genauso wie den gut laufenden Ticketverkauf für die 16 geplanten Vorstellungen.

Choreografin Eliza Hołubowska arbeitet weiter mit den beiden Schauspielern an der Tanzszene. Sie reden polnisch, eine Sprache, die an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt, gewöhnlich eher knapp als "ubs" bezeichnet, ziemlich häufig zu hören ist. Neben polnischen Ensemble-Mitgliedern sind regelmäßig Studierende der Musikakademie Gdańsk (ehemals Danzig) bei den Stücken eingebunden, so auch bei der aktuellen Inszenierung.

"Das ist Alltag", winkt Reinhard Simon ab, "wir haben schon 1991 erkannt, dass unsere Theaterwelt über die Oder hinaus mindestens bis Stettin geht." Die Verbindungen zu Theaterhäusern auf der polnischen Seite weiß Simon zu nutzen. Europäische Förderprogramme spülen Millionen-Summen in die Theaterkasse. "Die deutsch-polnische Zusammenarbeit ist existenziell - sowohl vom Geld als auch von der Kunst her gesehen", sagt Reinhard Simon.

Um die 140.000 Besucher kommen aktuell jährlich zum Theaterbesuch nach Schwedt, darunter auch ein nennenswerter Anteil aus dem Nachbarland. Der größte Saal hier umfasst allein 734 Plätze, mehr gibt es in Brandenburg nicht.

Der Intendant ist die prägende Figur an den "ubs"

Reinhard Simon ist mit Sicherheit die prägende Figur der "ubs". Wahrgenommen wird der gebürtige Rostocker dabei weniger als Regisseur von inzwischen rund 40 Inszenierungen. Simon ist seit fast drei Jahrzehnten Intendant des rund 100 Mitarbeiter starken Betriebs - und damit auch der mit Abstand dienstälteste Theater-Chef Brandenburgs.

Bereits in den 1980er Jahren war er als Schauspieler und Regisseur in der Oderstadt tätig. Als Gründungsintendant manövrierte der heute 67-Jährige das "ubs"-Schiff um unzählige Klippen. Seine wahrscheinlich größte Leistung: Er schaffte es, ausgerechnet in der schrumpfenden Stadt Schwedt an der Ostgrenze Brandenburgs, ein vergleichsweise großes Theater vor dem Untergang zu bewahren.

"Wir haben gestrampelt wie der Frosch im Butterfass und haben es geschafft", sagt Simon heute. Dabei hielt er sich auch noch selbst auf dem Posten an der Spitze. Theaterhäuser in größeren Städten, etwa in Brandenburg an der Havel oder in Frankfurt (Oder), sind hingegen längst verschwunden. In der südlich gelegenen Kleiststadt wird "Tamara" nun im nächsten Februar aufgeführt - als Gastspiel, wie viele Schwedter Inszenierungen.

Seine schwerste Prüfung hatte der Langzeit-Intendant aber erst vor drei Jahren. Die "ubs", ein Eigenbetrieb der Stadt Schwedt, gerieten mit Millionen-Schulden in eine tiefe Krise. Vorwürfe des Missmanagements standen im Raum. Reinhard Simon sieht das anders: "Wir waren unterfinanziert und niemand wollte hören, dass es Tarifsteigerungen geben würde." Statt in Rente zu gehen, kämpfte er erfolgreich um eine Vertragsverlängerung: "Ich gebe nie auf und ich wollte einen Abschied mit schwarzen Zahlen."

Den bekommt der Intendant voraussichtlich im nächsten Jahr. Das Sanierungsprogramm greift. Die "ubs" haben zudem den Status eines Brandenburger Landestheaters erhalten, der Haushalt ist gesichert. "Es ist fast unglaublich, wir sind nicht mehr das verarmte Loser-Theater", klingt Simon selbst erstaunt - und plant schon wieder die nächsten Aktionen. Eine Theater-Berufsakademie will er in Schwedt eröffnen, um Fachkräftemangel vorzubeugen. Eine Ausbildungsstätte für Requisiteure, Schlosser, Tischler und weitere Gewerke soll die Akademie sein.

Tatsächlich gehören alle diese Berufe zu den Uckermärkischen Bühnen. Von der Konzeption eines Stücks über das Kostüm-Design bis zu Bühnenausstattung und Musik werden bis zu einem Dutzend Inszenierungen jährlich im wahrsten Sinne des Wortes in Eigenregie gestemmt.

In der Theaterwerkstatt entstehen Unikate für die Bühne

So entstehen in der großen Theaterwerkstatt nahe des Schwedter Raffinerie-Geländes Unikate für die Bühne. Mit seinen acht Mitarbeitern hat Werkstattleiter Mathias Funk (35) gerade einen bühnentauglichen, beweglichen Barkas für das "Tamara"-Musical konzipiert. "Das war diesmal das schwierigste", sagt er, "das ganze soll ja so aussehen, dass der Zuschauer sagt: Da könnte die Band wirklich drin gesessen haben."

Seit neun Jahren arbeitet der gelernte Tischler an den "ubs", seit sechs Jahren ist er Werkstatt-Chef. In dieser Zeit sei es nie langweilig geworden. Die Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern und Regisseuren funktioniere. Aber oft müsse er doch knobeln und tricksen, sagt der gebürtige Uckermärker. "Wasser muss auch bergauf fließen können, so in etwa denken die Künstler manchmal. Und an uns ist es dann, das ganze umzusetzen."

Längst ist die Arbeit am Musical "Tamara" abgeschlossen. Die Theaterwerkstatt muss ihre "Produkte" möglichst frühzeitig abliefern. "Wenn die technische Einrichtung auf der Bühne beginnt, muss alles fertig sein", sagt Mathias Funk. Stört es den Geesower eigentlich, dass er selbst nie Beifall bekommt? "Nö, ich weiß ja, dass ich hinter den Kulissen arbeite. Das ist dann so."

Ganz anders ist dies bei Katarzyna Kunicka. Die 26-Jährige hat ihre Vormittagsprobe mit der Tanzszene abgeschlossen. Der Nachmittag ist frei oder auch zum Textlernen gedacht, von 19:00 bis 22:00 Uhr folgt dann der nächste Durchgang. Zwischendurch ist auch Zeit, für einen Spaziergang zu ihren Lieblingsorten, etwa den Oderwiesen südlich der Stadt. "Wasser macht mich ruhiger", lacht die meist Kasia genannte Polin.

Katarzyna Kunicka gehört zu den Pulikumslieblingen

Schon während ihres Schauspiel-Studiums im polnischen Gdynia kam sie nach Schwedt, zunächst als Tänzerin. "Reinhard Simon machte mir das Angebot, dass ich ein Engagement bekomme", erzählt sie auf deutsch, "vorausgesetzt, ich könne die Sprache. So eine Zusage während der Studienzeit war natürlich fantastisch."

Das Deutsch-Lernen fiel ihr alles andere als leicht. Rückblickend sei die Entscheidung, nach Schwedt umzuziehen, aber richtig gewesen - trotz langer Tage und Auftritten an den Wochenenden. "Die Leute hier sind wie eine Familie für mich", lobt Katarzyna Kunicka das Betriebsklima. Zuletzt wurde sie "ubs"-intern zur "Schauspielerin des Jahres" gekürt und spätestens seit ihrer Hauptrolle im Musical "Luther" gilt sie als einer der Publikumslieblinge.

Noch ein Jahr läuft ihr Vertrag an den Uckermärkischen Bühnen. Was danach passiert, ist noch nicht klar. "Vielleicht Film oder Fernsehen in Polen, vielleicht aber auch noch mal etwas ganz anderes", sagt sie.

Am Abend geht es für Katarzyna Kunicka und ihre Schauspielkollegen zurück auf die Probenbühne. Die Rolle der Bühnenbildnerin in "Tamara" will weiter ausgefeilt und die Tänze in größerer Gruppe trainiert werden. Auf der Bühne wartet da bereits das Barkas-Modell aus der Theaterwerkstatt gleich neben der neu angeschafften Drehscheibe auf seinen Einsatz.

In den "ubs" ist Bewegung. Nicht nur beim Musical "Tamara". Die nächsten Projekte stehen an, inklusive des Wechsels an der Spitze des Hauses im nächsten Jahr. André Nicke, aktuell Schauspieldirektor folgt dann auf Reinhard Simon.

Doch erst einmal heißt es nun: Vorhang auf für "Tamara", der neuesten Inszenierung eines großen Theaters in der östlichen Uckermark - übrigens präsentiert von Antenne Brandenburg.

Film von Riccardo Wittig & Michel Nowak
Text von Michel Nowak
Erstausstrahlung 13.10.2018/rbb

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