Tänzer während der Fotoprobe zur Revue THE ONE Grand Show im Friedrichstadt-Palast Berlin; Quelle: imago/Martin Müller
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Bild: imago/Martin Müller

Couture für die Chorus Line - Jean Paul Gaultier

Immer größer, immer aufregender: Mit spektakulären Bühnenshows hat der Berliner Friedrichstadt-Palast in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Im Herbst 2016 startete das Programm: "THE ONE Grand Show". Die Kostüme für das Spektakel hat Jean Paul Gaultier entworfen - ein Weltstar der Couture. Sehr schnell wurde er als Rebell gefeiert.

Der Stardesigner brachte die Outfits der Straße auf den Laufsteg und ließ sich von den verschiedensten Kulturen inspirieren. Er inszenierte Ethno-Shows mit arabischen oder asiatischen Elementen. Männer traten in Röcken auf, Frauen mit Piercings. Bis heute gehören erotische Spielereien zu seinen Schauen: extrem enge Korsetts, Latex, Leder. Der hautfarbene Kegel-BH, den er für Madonnas Bühnenshow in den 1990er Jahren entwarf, wurde zu einer Ikone in der Modewelt.

Hinter all der Opulenz und Verspieltheit seiner Kreationen stehen strenge klassische Schnitte und ein unbestechlicher Blick. Auf Mode wollte sich Jean Paul Gaultier aber nie beschränken: Er entwarf Kostüme für Filme von Pedro Almodóvar oder Luc Besson, Bühnenoutfits für Popstars wie Lady Gaga und Madonna. Insofern war seine Verpflichtung am Berliner Traditionshaus ein logischer Schritt: 60 verschiedene Kostüme für 300 Tänzer mussten entworfen werden, für eine gigantische Revue, die zwei Jahre lang laufen sollte.

"THE ONE Grand Show" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in ein altes Revuetheater verirrt und dort Träumen und Erinnerungen nachhängt. Für Jean Paul Gaultier wird mit dem Berliner Spektakel ein Traum war: Seit seiner Kindheit wollte er schon ein Revuetheater ausstatten. Im Friedrichstadt-Palast konnte er nun seine Vorliebe für freche Erotik, seinen Hang zur großen Inszenierung, zur Extravaganz und zur humorvollen Geste verwirklichen.

All das spiegelte sich in den Kostümen für die neue Show: Es gab Reisen durch verschiedene Epochen, abenteuerliche Entwürfe, die an Zirkus erinnerten, Berliner Graffiti und rotzige Punk-Ästhetik. Natürlich durften seine berühmten Kegel-BHs nicht fehlen, gleichzeitig war viel nackte Haut zu sehen - oder die Illusion davon. Ein Spiel mit Männlichkeit und Weiblichkeit und den schillernden Bereichen dazwischen. Über allen ästhetischen Ideen schwebt allerdings das Damoklesschwert der Revue-Wirklichkeit: Die Kostüme dürfen die Tänzer nicht am Tanzen hindern und mussten zweihundert Vorstellungen lang halten.

Die Regisseurin Hilka Sinning begleitete den Designer während seiner Arbeit im Friedrichstadt-Palast. Der Film gewährt dem Zuschauer einen neuen und intensiven Blick auf das Schaffen des Stardesigners.

Zugleich erzählt er von den Näherinnen und Gewandmeisterinnen, den Tänzern und Choreografen, die sich mit den komplexen Entwürfen des Ausnahmekünstlers auseinandersetzen und dabei oft an ihre Grenzen gehen.