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Ein Beitrag zur Debatte von Anne Hähnig - Die Anpassungs-Weltmeisterinnen

Wie haben es ostdeutsche Frauen geschafft, von den Verlierern zu den Gewinnern der deutschen Einheit zu werden? Über ihre unsagbare Fähigkeit, sich mit allen Zumutungen des Lebens zu arrangieren.

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Eigentlich hätten Ostfrauen die Verlierer der Einheit werden müssen

Mir ist erst mit den Jahren klar geworden, wie groß die Zumutungen waren, die ostdeutsche Frauen in der DDR auszuhalten hatten. Viele, die ich kenne, hatten immer nur davon gesprochen, wie emanzipiert sie damals gewesen seien. Aber dass sie viermal so viel Zeit wie Männer alleine mit Hausarbeit verbrachten, dass sie im Grunde ständig überfordert waren damit, Vollzeit arbeiten zu gehen, Kinder großzuziehen, den Haushalt zu schmeißen, sich zu allem Überfluss noch irgendwo zu engagieren?

Mir hat das irgendwann in einem Interview Anna Kaminsky erzählt, die Geschäftsführerin der Stiftung Aufarbeitung, die ein Buch über das Thema geschrieben hat. "Ich glaube einfach nicht, dass die DDR zum großen Emanzipierungsvorbild taugt", sagte Kaminsky. "Ich will dieser Verklärung gerne etwas entgegensetzen." Irgendwann fand ich auch Studien, die zeigten, dass es Ostfrauen nach dem Mauerfall schwerer hatten als Männer. Sie wurden früher arbeitslos, hatten ein höheres Armutsrisiko. Eigentlich hätten sie die Verlierer der Einheit werden müssen. Hat man sie jemals jammern hören, sich beklagen?

Ostfrauen sind inzwischen besser gebildet als Ostmänner

Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Ostfrauen sind inzwischen, im statistischen Durchschnitt, besser gebildet als Ostmänner. Sie sind auch seltener arbeitslos. Sie waren in den Neunzigern viel eher als Männer bereit, ihre Heimat zu verlassen, in den alten Ländern ihr Glück zu suchen. Deswegen gibt es im Osten heute Orte, in denen kaum eine Frau mehr wohnt.  Die westdeutsche Welt, in die sie dann kamen, muss den Ostfrauen aber auch merkwürdig vorgekommen sein. In den alten Ländern gab es nach 1990 nicht genügend Kitas, dafür lauter bestens ausgebildete Mütter, die nach der Geburt ihrer Kinder zu Hausfrauen wurden. Wir leben heute in feministischen Zeiten, finde ich.

Viele jüngere Frauen fragen, warum sie in den Eliten des Landes unterrepräsentiert sind, in den Dax-Vorständen und Bürgermeister-Büros zum Beispiel. Warum ihre Karrieren meistens dann versiegen, wenn sie ein Kind zur Welt bringen. Solche Fragen wurden vor zehn Jahren kaum gestellt. Auch von ostdeutschen Frauen nicht. Dabei haben es einige von ihnen weit gebracht, wurden Bundeskanzlerin wie Angela Merkel, Familienministerin wie Manuela Schwesig, Linken-Chefin wie Katja Kipping oder Grünen-Fraktionschefin wie Katrin Göring-Eckardt.