Regine Sylvester © rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs
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Ein Beitrag zur Debatte von Regine Sylvester - Die Lust auf Erfahrung

Es gibt ein Foto, ungefähr von 1985. Ich stehe vor dem Fenster im Arbeitszimmer. An der Scheibe klebt ein lila Flyer, den eine Freundin mitgebracht hatte: "Ich will alles!" Drei Worte, ein Ausrufungszeichen. Das kam von Feministinnen im Westen.

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Die DDR war in den Anfangsjahren moralisch durchaus kleinbürgerlich

Ich wäre 1966 fast von der Uni geflogen, weil ich nach der Arbeit beim Ernteeinsatz mit einem Studenten geduscht hatte. Es gab Zimmerkontrollen in Wohnheimen. Im Hotel beobachtete das Personal die Aufzüge und führte nichtangemeldete Männer und Frauen zurück ins Foyer. Später wurde der Staat toleranter, die Energie reichte nicht für Nebenschauplätze, man sah nicht mehr so genau hin.

Privat machten die Leute sowieso, was sie wollten. Wenn die repräsentative Umfrage des Hamburger Gewis-Instituts von 1990 stimmt, dann waren 80 Prozent der Ostdeutschen mit ihrem Sexualleben zufrieden - auch wenn sie noch kein Sexspielzeug oder andere Erregungshilfen benutzten.
 
Auf dem Gebiet waren wir seinerzeit - vor dem Zugang zum Reich von Beate Uhse - schüchtern. In einem Hotel an der Ostsee hing ein großer runder Spiegel über einem großen runden Bett. Das Zimmer hatte ich ahnungslos für ein Wochenende mit dem Vater meiner Tochter gebucht. Der wollte im ersten Impuls das Haus durch eine Hintertür verlassen. Er blieb dann doch. Aber wegen des Spiegels fand die Liebe im Dunkeln statt.

"Beim Start ins Sexualleben waren die ostdeutschen Frauen die eifrigsten"

Der Leipziger Sexualforscher Professor Kurt Starke sagte im Interview: "Beim Start ins Sexualleben waren die ostdeutschen Frauen die eifrigsten, schnellsten und agilsten. Dann kam eine Weile nichts. Ostdeutsche Jungen und westdeutsche Mädchen waren fast gleichauf. Dann kam wieder eine Weile nichts. Die trägsten, die spätesten waren die westdeutschen Männer. Sie hatten am ehesten Berührungs-, Versagens- und Prestigeängste. Das hat sich aber inzwischen angeglichen."

Professor Starke sagt auch, dass sich die Menschen heutzutage trennen, wenn die Liebe vergeht, und er fährt fort: "Das ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt."
 
In den Dimensionen der Menschheitsgeschichte mag das so sein, aber der einzelne kleine Mensch, gerade im Liebeskummerklumpen eingefroren, der verzweifelt - ohne einen einzigen Gedanken an Zivilisation und Fortschritt zu verlieren. Meistens wird man ja nicht einfach so verlassen. Auch Teilgeständnisse verschlimmern die Lage. Es gibt diesen Witz. Ein Ehepaar liegt im Bett, die Frau fragt in die Stille: "Woran denkst du?" Und der Mann antwortet: "Kennst du nicht."

Die DDR machte eine frauenfreundliche Sozialpolitik, sie musste das auch

Frauen waren zu über 80 Prozent berufstätig, ihre Arbeit wurde gebraucht. Die Betreuung der Kinder wie Krippe, Kindergarten, Schulspeise, Ferienlager kostete wenig Geld. Die Pille - in der DDR hieß sie zuerst "Wunschkindpille" und nicht "Antibabypille" wie im Westen - kostete gar nichts.

Der monatliche Haushaltstag wurde voll bezahlt. Frauen bestimmten über eigene Berufstätigkeit und ihr in die Ehe eingebrachtes Vermögen. Sie waren, anders als bis 1977 in der Bundesrepublik, nicht zur Führung des Haushalts verpflichtet. Sie erlebten Anerkennung auch außerhalb ihrer Familien. Wenn ich über Frauen von damals im Osten schreibe, falle ich ins "Wir" - ohne nachzudenken.

Vor etwa 35 Jahren habe ich angefangen, den Frauentag in meiner Wohnung zu feiern. Die Fotografin Sibylle Bergemann arrangierte ein Foto von uns und rannte auf ihren Platz, bevor der Selbstauslöser klickte. Seit Sibylles Tod im Jahr 2010 macht meine Tochter dieses jährliche Gruppenbild - auf dem ersten hatte sie noch eine Zahnlücke.