Regine Sylvester © rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs
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Ein Beitrag zur Debatte von Regine Sylvester - Die Lust auf Erfahrung

Es gibt ein Foto, ungefähr von 1985. Ich stehe vor dem Fenster im Arbeitszimmer. An der Scheibe klebt ein lila Flyer, den eine Freundin mitgebracht hatte: "Ich will alles!" Drei Worte, ein Ausrufungszeichen. Das kam von Feministinnen im Westen.

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Eine Feier nur mit Frauen war eine Ausnahme

Meine Freundinnen und ich haben in Mann-Frau-Gemischen gearbeitet, getanzt und geschlafen. Die offiziellen Rituale zum Internationalen Frauentag waren zum Zeremoniell erstarrt. Erich Honecker saß im Staatsrat zwischen ausgewählten Frauen, die an diesem Tag die Clara-ZetkinMedaille bekamen.

Bis 1989 brachte das "Neue Deutschland" am nächsten Tag das immer gleiche Titelbild: Honecker als Zentralfigur, das gleiche Arrangement der Tische, das gleiche Ambiente mit der Thälmann-Statue. Es sah aus wie eines dieser Suchbilder: Finde den Unterschied!  Der Unterschied war die Jahreszahl auf dem Banner.

Dann feiern wir uns eben selber, dachten wir. So ist es zu diesen Festen in meiner Wohnung gekommen. Ich sorge mit einer gewissen Penetranz dafür, dass alle am Tisch bleiben und einander zuhören bis in die Nacht.

Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und Anerkennung

Unser Leben in der DDR war nie perfekt und nie wirklich gerecht. Viele Männer drückten sich vor Hausarbeiten. Frauen verdienten weniger als Männer, weil sie oft in den schlechter bezahlten Berufen arbeiteten. Aber Arbeit und selbstverdientes Geld führten zu einer besonderen Sozialisation: Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und Anerkennung. Viele von uns haben das verinnerlicht, gespeichert wie auf einer Festplatte.
 
Das öffentliche Bild der Frau war das einer Arbeiterin auf dem Kran, einer Bäuerin auf dem Traktor, einer Ärztin im weißen Kittel, einer Polizistin in Uniform. Es ging nicht um Schönheit, nicht um Alter.

Wir waren emanzipiert, ohne viel darüber zu reden

Artikel 7 der DDR-Verfassung von 1949 lautete: "Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben." So fing es an. Wir waren emanzipiert, ohne viel darüber zu reden.
 
Diese Haltung spiegelte sich im Film und in der Literatur, auch in der Fernsehdramatik. Oft bekamen Frauen große Rollen - hier nur wenige Beispiele: "Der geteilte Himmel", "Die besten Jahre", "Das Kaninchen bin ich", "Der Dritte", "Bis dass der Tod euch scheidet", "Rotfuchs", "Anlauf", "Die Legende von Paul und Paula", "Das Versteck", "Unser kurzes Leben", "Solo Sunny". Die Ähnlichkeit der Frauenrollen bestand in der Suche nach einer Liebe ohne Kompromisse. Ganz sein, intakt bleiben, lieben und geliebt werden. Und das gute Ende war nicht sicher.

Christa Wolf, Brigitte Reimann, Sarah Kirsch, Helga Königsdorf, Irmtraut Morgner oder Helga Schütz schrieben aus dieser Perspektive ihre Bücher. Die sozialistische Gesellschaftsordnung setzte Rahmen und Grenzen, aber das reichte eben doch nicht zum Glück.

Aufrührerisch, schonungslos, ohne Selbstmitleid

Maxie Wanders berühmtes Buch "Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband" erschien 1977 in der DDR, ein Jahr später in der Bundesrepublik. Sie hatte Gespräche mit neunzehn ganz verschiedenen Frauen geführt. Man sollte das Buch wieder lesen. Die Autorin führt durch einen weiblichen Kosmos. Wie interessant die alle waren, aufrührerisch und schonungslos und ohne Selbstmitleid. Maxie Wander ist bald nach Erscheinen des Buches mit 44 Jahren an Krebs gestorben. Sie hatte eine Fortsetzung der Gespräche geplant - mit Männern. Da hätte ich vielleicht einen männlichen Kosmos entdeckt.
 
Man redete in der DDR immerzu über "das Frauenbild", über das sich die Gesellschaft verständigen müsse. "Das Männerbild" ist kein Thema geworden. Damals nicht und heute auch nicht.

Die Autorin

Regine Sylvester wurde in Berlin-Mitte geboren und ist nie von dort fortgezogen. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Journalistin u.a. für die "Wochenpost", den "Stern", die "Berliner Zeitung", die "Süddeutsche Zeitung", "Brigitte Woman" und "DIE ZEIT".

Außerdem ist sie Film- und Fernsehautorin, zum Beispiel für "Die Alleinseglerin". Lesen kann man von ihr außerdem den Roman "Vorgeschriebene Flughöhe" und die Kolumnen-Sammlungen "Bis hierher. Und wie weiter?" und "Soll man so leben?".

Hier schreibt sie als Autorin für das Ostfrauen-Projekt von rbb und MDR.