Regine Sylvester © rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs
Bild: rbb/MDR/Hoferichter&Jacobs

Ein Beitrag zur Debatte von Regine Sylvester - Die Lust auf Erfahrung

Es gibt ein Foto, ungefähr von 1985. Ich stehe vor dem Fenster im Arbeitszimmer. An der Scheibe klebt ein lila Flyer, den eine Freundin mitgebracht hatte: "Ich will alles!" Drei Worte, ein Ausrufungszeichen. Das kam von Feministinnen im Westen.

Seite 1 von 3

Mich verband mit ihnen nicht viel. Etwas Missionarisches ging von ihnen aus. Sie sprachen über Männer wie über Gegner. Einmal war eine Bekannte aus Köln zu Besuch. Sie trug eine Kette. Der Anhänger - ein großer Ring mit einem schrägen, inneren Metallstück - sah aus wie eine kleine Guillotine. Sie nannte das Teil einen Schwanzabschneider. Sie hatte nicht vor, ihn zu benutzen, aber das Statement war mir unangenehm.

Dieser Frauenspruch dagegen "Ich will alles!" - der war gut. Er traf mein Gefühl: eine Mischung aus Bildungshunger, Lust auf Erfahrung und Aufmüpfigkeit. Er traf meine Ziele: Frau sein, schlau sein, kinderlieb und bindungsfähig. Dieses alte Foto hilft, mich an mich zu erinnern.

Niemals wollte ich abhängig sein von einem Mann

Ich arbeitete als Journalistin und liebte meine kleine Tochter. Ihr Vater hatte uns verlassen, wir waren nicht verheiratet. Ich war traurig, aber ich hasste nicht. Davor war ich mit einem anderen Mann verheiratet gewesen - das war auch schiefgegangen. Weil ich als Assistentin an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg etwas mehr als er verdiente, bezahlte ich die Kosten der Scheidung für den Mann und für mich - jeweils 70 Ostmark. Man musste in der DDR nicht zusammenbleiben, weil eine Scheidung zu teuer gewesen wäre.
 
Ich war etwa zwölf und horchte an der Tür, als Tante Anni aus München in unserer Küche weinte. Sie redete mit meiner Mutter - der Herbert wolle sich scheiden lassen, wegen einer jungen Frau. Tante Anni sagte: "Ich war immer Hausfrau und bin von ihm abhängig. Was soll ich bloß machen?" Das merkte ich mir. Niemals wollte ich abhängig sein von einem Mann.

Ich war allerdings oft verliebt

Verliebt zu sein ist auch ein Gefühl von Abhängigkeit, aber ein schönes. Man kann sich das Lächeln nicht aus dem Gesicht wischen. Gedanken, die sonst in alle Richtungen fliegen, richten sich auf einen Menschen wie Eisenspäne auf Magneten. Bei beiderseitigem Gefallen folgten Blicke, Worte, Küsse, Anfassen, Sex. Zwischen den Stationen mussten nicht Monate, Verlobungen oder Eheversprechen liegen. Manchmal ging das alles ganz schnell. Uneheliche Kinder trugen kein Stigma. Viele Studentinnen waren Mütter.
 
Ich erinnere mich an die öffentliche Lockerheit im Land. FKK, die Freikörperkultur, war eine Massenbewegung, eine gänzlich unorganisierte Szene, die bis an den letzten Tümpel reichte. 1987, zur 750-Jahr-Feier von Berlin, fuhr beim Festzug auch ein Wagen mit Nackten an Erich Honecker und anderen Politikern auf der Tribüne vorbei - man stelle sich das mal heute vor.