Gutshaus Herrenwiese
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Verschwundene Herrenhäuser - Ein Stück Schloss im Häuschen

Ein Schlosspark ohne Schloss, eine Herrenwiese ohne Herrenhaus. Oft sind es auch Straßennamen oder Parks  – Spuren, die darauf hinweisen, dass es dort an Herrschaftlichem einst mehr zu sehen gab als heute.


Am 9.September 1947 verfügte der Befehl 209 der Sowjetischen Militäradministration ein Neubauprogramm für die Landbevölkerung. Das Material dafür sollten Schlösser und Herrenhäuser liefern. Viele Gebäude sind im Verlauf des zweiten Weltkrieges zerstört worden. Vor allem Herrenhäuser sind dem Befehl 209 vom 9. September 1947 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration, der SMAD, zum Opfer gefallen. Durch ihn wurde verfügt, dass die Herrenhäuser für ein Neubauern-Bauprogramm abgerissen werden müssen.

Das Neubauern - Bauprogramm

Dieses Programm galt im Zuge der Bodenreform als Kernpunkt der SED-Agrarpolitik. Über 200 Guts- und Herrenhäuser wurden im Land Brandenburg dafür zerstört. Die Bauern hatten im Zuge der Bodenreform Ackerland und Grundstücke erhalten, aber keine Häuser und Ställe. Allein in Brandenburg sollten 10.000 Neubauernhäuser unter anderem mit den Materialien aus den Schlössern entstehen. Alles wurde verbaut, egal ob Parkmauer oder Schlosstreppe, es herrschte nach dem Krieg großer Mangel an Baumaterialien.

Für das Land Brandenburg wurde daraufhin am 7.10.1947 der Befehl Nummer 163 herausgegeben. In ihm wurde auf die Notwendigkeit verwiesen, für vormals landlose und vertriebene Bauern entsprechende Wohn  und Wirtschaftsbauten zu errichten, damit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert werden kann.

Reste von Schloss Guteborn, Quelle: rbb
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"Junkerland in Bauernhand"

Aber es ging nicht nur um die Bereitstellung von Baumaterial durch den Abriss vorn Schlössern und Herrenhäuser. "Junkerland in Bauernhand" verkündete Wilhelm Pieck am 2.9.1945 in seiner Rede zur Bodenreform. Es ging auch darum, die Symbole des Großgrundbesitzes und des Adels zu zerstören. "Bauernhöfe statt Rittergüter" hieß es in einem Referat von Edwin Hoernle, dem Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Land- und Forstwirtschaft.

In der Zeitschrift "Der Bauhelfer" wurden verschiedene Vorschläge zur Auflösung des Gutscharakters veröffentlicht. Beauftragte Architekten bekamen Auflagen nach denen sie sich richten mussten. Das dörfliche Umfeld sollte so gestaltet werden, dass die Erinnerung an die Vergangenheit getilgt und die neuen, sozialistischen Gemeinschaftsvorstellungen greifen konnten.

Das Programm verzögert sich

Zwischen 1948 – 52 gab es allerdings bei der Erfüllung des Neubauern-Bauprogramms  immer wieder Verzögerungen und Probleme. Der Abriss lief nicht so schnell und in dem Umfang wie es von der SMAD, der Parteiführung und der Landesregierung gewollt war. Die Zahl der zerstörten, oft auch kulturhistorisch wertvollen Gebäude ist groß. Gerade mal 136 Schlösser und Gutshäuser von 779 sollten stehen bleiben, weil sie als besonders wertvoll eingeschätzt wurden. Andere sollten als Schulen, für öffentliche Zwecke, als Kinderheime, Erholungsheime, Krankenhäuser oder für ein Museum genutzt werden.

Doch das wurde nicht überall einfach so hingenommen. Manche Dorfbewohner und Neubauern widersetzen sich dem Abrisswahn, auch weil sie Angst hatten, dass die Eigentümer eines Tages zurückkommen. Kreisverwaltungen erhoben Einspruch, Dörfer baten um Erhaltung der Gebäude, auch weil sie bereits genutzt wurden. Manchmal hatten auch noch die alten Verwalter oder Gutsbesitzer Einfluss im Ort. Aber auch staatliche Institutionen erhoben Einsprüche und regten so Diskussionen an, auch wenn sie am Ende kaum Einfluss nehmen konnten auf die Entscheidungen der zuständigen Stellen.Oft sind es Straßennamen, Parks, Stallungen – Spuren, die darauf hinweisen, dass es hier an Herrschaftlichem einst mehr zu sehen gab als heute.

Eine Auswahl von verschwundenen Schlössern und Herrenhäusern 1945-1949


Einsprüche aus Fachkreisen

Die Deutsche Verwaltung für Volksbildung versuchte, Vorschläge zum Schutz von Burgen, Schlössern und Herrenhäusern zu machen. Und zwar mit der Einbeziehung der Akademie der Wissenschaften. Sie wollten keine Generalisierung des Abrisses, sondern Einzelfallprüfungen, um weitere Einschnitte in die kulturelle Substanz zu vermeiden. Gutachten bestritten beispielsweise, dass viele Baumaterialen zu gewinnen seien, vor allem bei Gebäuden aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Deren Substanz - gestampfter Lehm – sahen sie als nicht wiederverwendbar an. Außerdem wiesen sie auf den benötigten Wohnraum für Flüchtlinge und Umsiedler hin. Die Akademie der Wissenschaften versuchte ab 1948 auf die kunsthistorisch wertvollen Werte hinzuweisen.

Das Amt für Denkmalpflege durfte zwar eine beratende Tätigkeit einnehmen aber keinerlei Entscheidungen treffen, auch wenn sich einzelne Persönlichkeiten gegen die Abrisse engagierten. Der Landeskonservator durfte nichts unter Schutz stellen. Im Februar 1948 wurde beispielsweis in einem Telegramm an den Rat des Kreises Osthavelland klargestellt: "Amt für Denkmalpflege nicht beachten. Minister des Innern allein zuständig für Erhaltung von Gebäuden."

Verloren gingen in dieser Zeit auch wertvolle Archive, Bibliotheken und kulturhistorisch bedeutsames Inventar. Und das, obwohl 1946 eine Zentralstelle zur Erfassung und Pflege von Kunstwerken eingerichtet worden war, die sich um zu sichernde Kulturgüter jeglicher Art kümmern sollte. Die Landesregierung Brandenburg gab hierzu extra Erlasse heraus. In der Realität aber gab es kaum einen Schutz der Kunst- und Kulturgüter, vielfach wurde geplündert.


Dokument mit Befehl 209 Quelle: rbb
Bild: rbb

Der Versuch, das Programm zu forcieren

Das gesamte Neubauern-Bauprogramm kam auch wegen schlechter Vorbereitungen und ungenügender Informationen ins Stocken. Deshalb fand im Mai 1948 auf Initiative der SED eine Bauaktivierungskonferenz statt. Es sollten in großen Gemeinschaftsaktionen mit verschiedenen politischen Organisationen der Abbruch der herrschaftlichen Gebäude organisiert und die Sammlung von Baumaterialien beschleunigt werden.

Alle politischen Parteien, wirtschaftliche und politische Körperschaften und sonstige Organisation in Stadt und Land wurden aktiviert, damit  mehr Wohn-, Wirtschaftsgebäude, ehemalige Güter, Schlösser und Herrenhäuser, Großviehställe und Scheunen abgebrochen werden konnten.
 
Am 30.Dezember 1948 wurde im Ministerium des Innern beschlossen, dass der Abriss 1949 forciert werden muss, da die Abrissquote viel zu gering war. Die Oberste "Bauleitung 209" der Landesregierung Brandenburg sandte noch im Jahr 1949 an die Räte der Kreise und kreisfreien Städte einen Runderlass, der anweist noch mehr Gebäude abzureißen.

Späteren offiziellen Angaben zufolge wurde das Bauprogramm mit 99prozentiger Erfüllung für Ende 1948 festgestellt. Doch der Abriss von Schlössern, Herrenhäusern, Gutshöfen und Kirchen setze sich bis in die 1980er Jahre fort.

Beitrag: Michael Lietz
Infotext: Sabine Horn

Quelle: Bernd Maether: Bradenburgs Schlösser und Herrenhäuser 1945-1952  

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