eine Frau hält einen Apfel und zeigt darauf, Quelle: rbb
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Von Glienicke nach Australien - Die Zofe und die Aborigines

1840 verlässt die Kammerzofe Friederike Meyer Schloss Glienicke und zieht nach Australien. Zusammen mit ihrem Mann sollte sie dort Aborigines missionieren.

Für die Mitarbeiter von Schloss Glienicke war es ein außergewöhnlicher Augenblick als die australischen Besucher – Vertreter der Ramindjeri, einer Ureinwohner-Gruppe der Aborigines das Schloss Glienicke besuchten. Sie waren gekommen, um den Geist von Friederike Meyer zu spüren. Die Kammerzofe und Kaffeeköchin war nach 11jähriger Tätigkeit bei Prinz Friedrich Carl von Preußen und Prinzessin Marie nach Südaustralien an die Encounter Bay gegangen. Die frisch vermählte Frau hatte ihren Mann, Heinrich August Eduard Meyer begleitet, um mit ihm die Ramindjeri zum Christentum zu bekehren. Diese verehren Friederike Meyer heute als Heilige, als "gute Mutter". Im weit entfernten Australien hat sie wichtige Spuren hinterlassen. 

Der Dokumentenschatz

Der Besuch auf Schloss Glienicke hat einen bedeutenden Hintergrund. Archive in Leipzig und Halle bewahren den regen Briefwechsel zwischen Frederike Meyers Mann und dem Dresdner Missionswerk, sowie diverse Unterlagen, welche die Reise, die Ankunft und die Zeit in Australien beschreiben. Außerdem finden sich ethnologische Bücher, die Heinrich August Eduard Meyer gemeinsam mit drei weiteren Missionaren verfasst hat und Wörterbücher zu Sprachen der Aborigines. Verwaltet werden die Dokumente vom heute noch aktiven Missionswerk Leipzig in den Franckeschen Stiftungen und dem Völkerkundemuseum Leipzig.

Menschengruppe vor einer Hütte, Quelle: rbb

Das schwere Leben der Zofe

Bis zu ihrem Aufbruch war Friederike Meyer gerade einmal bis nach Dresden gereist. Nach Australien dagegen war es ein langer beschwerlicher Weg. Allein fünf Monate brauchten die Meyers bis sie ihr Ziel erreichten. Dort erwartete sie ein entbehrungsreiches Leben bei den Ureinwohnern an der Encounter Bay. Die Familie lebte zunächst in einfachen Hütten, sie hungerte und es starben drei von sechs Kindern, die Frederike Meyer in Australien zur Welt gebracht hat. Auch ihr Mann starb früh. Dreißig Jahre hat sie ihn überlebt und sich immer nach Glienicke zurück gesehnt. Doch sie hatte es, bis an ihr Lebensende als ihre Pflicht angesehen, ihren Mann zu begleiten und der Mission so gut es geht zu dienen und zu helfen, wo sie gebraucht wird.

So verehren die Ramindjeri die einstige Kammerzofe für ihre menschliche Zuwendung, ihre bedingungslose Liebe und Hingabe bis heute. Selbst unter ärmlichen und widrigen Umständen lebend, hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann versucht, den Familien zu helfen, die unter der britischen Kolonialmacht litten. Sie erlebte die Ureinwohner als freundliche und zugewandte Menschen, die ihren eigenen Geistern folgten, aber neugierig waren. Sie leitete auch die Missionsstation, wenn ihr Mann unterwegs war. Um Geld für die Missionsarbeit zu haben, bauten die Meyers ein kleines Transportgeschäft auf. Der Missionar diente der Kolonialmacht wegen seiner exzellenten Sprachkenntnisse auch als Dolmetscher und Vermittler. Nach sechs Jahren verließen die Meyers Encounter Bay, da sich die Aborigines nicht missionieren ließen und auch von der Kolonialmacht immer weiter zurückgedrängt wurden. Heinrich August Eduard Meyer nahm eine Pfarrstelle in der Nähe von Adelaide an, auch dorthin begleitete ihn Frederike Meyer. Die Ureinwohner hielten danach den Kontakt zu ihr aufrecht - bis zu ihrem Tod im Jahr 1889 und danach zu ihrer Tochter.

Die besondere Mission

Es war eine besondere Mission in den Süden Australiens. Heinrich August Eduard Meyer war Seelsorger und wurde drei Jahre für den Einsatz in Australien in der Dresdner Missionsgesellschaft vorbereitet - heute das Evangelisch-Lutherische Missionswerk Leipzig e.V.. Mit fünf Seminaristen startete 1836 dort die erste Ausbildung. Meyer zählte also mit zu den ersten Seminaristen dieser lutherischen Ausbildungsstätte und beendete das Studium 1839. Zu der Zeit wurden in Preußen die Mitglieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche verfolgt, die Missionsarbeit in Australien war eine gute Fluchtmöglichkeit. Außerdem versprach sich die Kirche durch die Missionsarbeit ihren Bestand und ihre Erweiterung. Drei weitere Missionare waren in den 1840er Jahren in Südaustralien mit Meyer tätig und widmeten sich, wie er, der Aufzeichnung ihrer Beobachtungen zur Kultur und Lebensweise der Aborigines, sowie deren Sprache. In einer kleinen Schule boten sie Unterricht im Schreiben, Lesen und Rechnen an - sowohl in der Muttersprache als auch in Englisch. 1848 sollen die vier Missionare ihre Arbeit in die anglikanische Kirche eingliedern. Sie baten um ihre Entlassung, da dies einer segensreichen lutherischen Missionsarbeit den Boden entzogen hätte.

Der kulturelle Schatz

Frederike Meyer, ihr Mann und drei weitere Missionare konnten die Aborigines nicht für den christlichen Glauben gewinnen. Ihre Mission war im Prinzip gescheitert. Dennoch haben sie einen Schatz hinterlassen, der in der Kolonialzeit in Vergessenheit geriet. Erst 150 Jahre später, Ende der 1980er Jahre, suchen Nachfahren der Ureinwohner der Adelaine Planes, was es noch von ihrer Kultur und Sprache gibt. Dabei entdecken sie das Wörterbuch zu ihrer Sprache, das lange in amtlichen Archiven begraben lag. Sprachwissenschaftler waren überrascht über die Qualität und die Vielzahl der Sprachbeispiele und Worte. Und so beginnt eine Entdeckungsreise der Nachfahren, die einst von den Meyers bekehrt werden sollten. Sie finden die Spuren nach Glienicke. Aber nicht nur das. Sie initiieren den Unterricht ihrer uralten Sprache. Was für die vier Missionare ein Misserfolg war, stellt sich heute für die Ureinwohner als Segen dar. Mit den hinterlassenen Schriften können sie zu ihrer Identität zurückfinden und ihre Sprache zu neuem Leben erwecken.

Beitrag: Dagmar Lembke
Infotext: Sabine Horn

Zum Weiterlesen

lmw-mission.de - Leipziger Missionswerk

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