Hilde Zimche erlebte im Hachschara-Landwerk für jüdische Jugendliche Schutz vor dem zunehmenden Antisemitismus.
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Hilde Zimche erlebte im Hachschara-Landwerk für jüdische Jugendliche Schutz vor dem zunehmenden Antisemitismus. | Bild: rbb/Zimche

- Hachschara Ahrensdorf war wie ein Wunder

Eine Hachschara war eine Lehrstätte für jüdische Heranwachsende. Zu keiner Hachschara gibt es so viele Informationen, Dokumente und Fotos, wie zur Hachschara-Stätte Ahrensdorf. Herbert Fiedler aus Luckenwalde und seine mittlerweile verstorbene Frau haben über 30 Jahre geforscht. Ihre Sammlung liegt im Kreisarchiv Luckenwalde. Fast täglich kommen Anfragen aus der ganzen Welt zu dem Thema.

Unser Protagonist Herbert Fiedler erzählte, dass es wie ein Wunder gewesen sei, dass inmitten Nazideutschlands jüdische Kinder und Jugendliche hier ein Stück Normalität leben durften. Die Gestapo duldete die Ausbildung, die nach 1939 die einzige Möglichkeit für jüdische Jugendliche überhaupt war, einen Beruf zu erlernen. Bis zum Jahr 1941 war es für sie eine „schützende Insel“.

Durch Zufall entdeckt

Der Zufall führte den heute 92-Jährigen zu der Geschichte. Herbert Fiedler war bis zur Wende Direktor der Volkshochschule Luckenwalde. Im Sommer 1989 machte er sich mit Abiturienten auf die Suche nach Spuren jüdischer Familien. Dabei lernte er den Berliner Journalisten Werner Goldstein kennen, der von einem jüdischen „Lager“ in Ahrensdorf erzählte. Hachschara-Lager, fügte er hinzu, also für jüdische Jugendliche, die nach Palästina auswandern wollten. HACH-SCHA-RA - es war für uns ein unbekanntes Wort und der Anfang umfangreicher Forschungen. Der Ort, um den es sich handelte, war zu der Zeit ein Alters- und Pflegeheim. Nichts erinnerte an das Schicksal jüdischer Jugendlicher in DDR.

Der Mauerfall eröffnete alle Möglichkeiten. Und schnell fand das Ehepaar Fiedler Namen von Jugendlichen, die in Ahrensdorf waren und nach Israel ausgewandert waren. Elf Briefe - 3 kamen ungeöffnet zurück, sieben blieben ohne Antwort, aber eine Antwort machte sie mehr als glücklich: "Ich heiße Shlomo Tamir, in Ahrensdorf war mein Name Werner Treufeld". 

Förderverein Hachschara

Von ihm bekamen die Fiedlers fünf neue Namen. Alle schrieben sie an und bekamen neue Namen und es war ein Schneeballsystem, beschreibt Fiedler in der Dokumentation zur Suche nach der Geschichte der „Ahrensdorfer Hachschara“. Nach 1990 reiste er regelmäßig nach Israel von Kibbuz zu Kibbuz und fand über 100 ehemalige Ahrensdorfer. 1993 gründete er einen Förderverein Hachschara - Landwerk Ahrensdorf e.V.

So lernte Herbert Fiedler auch Hilde Zimche kennen. Die heute 93-Jahrige lebt seit 70 Jahren im Kibbuz Nezer Sereni bei Tel Aviv. Sie hat die gemeinschaftliche Siedlung deutsch-jüdischer Flüchtlinge mit aufgebaut.  Ihr Enkel Lior ist heute der Manager. Darauf ist sie besonders stolz. "Wir sind Freunde geworden", sagt Herbert Fiedler. "Hildes Schicksal ist etwas ganz Besonderes. Denn die meisten, die nach Ahrensdorf kamen, waren nicht von hier. Sie kamen von überall her, nur nicht aus der Region."

Das Schicksal der Hilde Zimche

Hilde kam aus einer Händlerfamilie und wohnte in Berlin mit Blick auf  das Berliner Schloss. Ihre Vater, ein polnischer Jude, wurde deportiert, ihre Mutter in Berlin eingesperrt. Sie wurde bei dem Versuch, falsche Papiere zu erwerben, festgenommen. Ahrensdorf wurde für Hilde die einzige Überlebenschance. Im Oktober 1940 kommt sie an - sie erlebt einen Kontrast wie Tag und Nacht.  "Das waren gute Erinnerungen. Warum habe ich mich da gut gefühlt? - Weil da junge Leute waren und ich nicht allein war im Haus und jedes mal Angst gehabt habe, dass jemand an die Tür klopft und mich abholt.“

Schon seit  den 1920er Jahren gab es etwa 30 Hachschara-Ausbildungswerke in Brandenburg. Junge Juden wie Hilde werden zu Bauern und Gärtnern ausgebildet. Ihr Ziel ist schon damals Palästina. 168 Jugendliche aus Ahrensdorf schaffen es bis 1941 mit dem Schiff nach Haifa Palästina. Mit der so genannten Endlösung bleibt für Hilde allerdings der letzte Ausweg versperrt. Sie kommt  schließlich ins Todeslager Auschwitz. Sie überlebt und sucht Freunde aus Ahrensdorf. Unterwegs trifft sie auch ihren späteren Mann - Piese. Die Entwurzelten wollen nur eines: ganz weit weg aus Deutschland. Illegal flüchten sie und schaffen den Neuanfang - 1948. Mt 15 Überlebenden des Holocaust bauen sie einen Kibbuz auf - die Gemeinschaft wird zur Familie. Nezer Sereni neue Heimat.

Jüdische Spuren in Brandenburg

Im Land Brandenburg gibt es kaum noch Spuren der HachscharaDas Landwerk Ahrensdorf verfällt zunehmend. Neuendorf im Sande machte jüngst Schlagzeilen, der Bund will es meistbietend verhökern. Es war die letzte Hachschara- Stätte, die später Zwangslager wurde. Soll nichts mehr an die Geschichte von Hilde und ihren Freunden erinnern? Im Kreisarchiv Luckenwalde liegt die umfangreichste Dokumentation mit Bildern, Fotos, Interviews. In der Grundschule Trebbin ist eine Ausstellung über das Schicksal der Jugendlichen zu sehen. Herbert Fiedler ist stolz auf die Arbeit, denn so bleibt diese besondere jüdische Geschichte lebendig.

Hunderte Schicksale hat Herbert Fiedler dokumentiert. Viele der Hachschara-Teilnehmer haben den Holocaust überlebt und in Israel, den USA oder Schweden eine neue Heimat gefunden.

Ein Beitrag von Dagmar Lembke.

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