Fünf-Mark-Schein (Quelle: rbb)
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- Die Papierfabrik – erlesene Bögen auch für die Queen

Die preußische Staatsbank und sogar die Queen haben dort ihr Papier geordert. In der NS-Zeit wurde Falschgeld in der Fabrik produziert. Zu DDR-Zeiten bestellte auch die Partei- und Staatsführung das erlesene Büttenpapier. Seit 1994 verfallen die Gebäude am Finowkanal.  

Die alte Papierfabrik Wolfswinkel in Eberswalde Quelle: Fred Pilarski
Die alte Papierfabrik Wolfswinkel in Eberswalde Bild: Fred Pilarski

An den Backsteinbauten nagt der Zahn der Zeit, wie an so vielen alten Fabriken in Eberswalde. Die Wände sind innen und außen mit Graffiti-Kunst besprüht. Ein großer Wasserturm überragt, weit sichtbar, die alte Industrieanlage. Mehr als zwei Jahrhunderte lang kam aus der Fabrik Wolfswinkel Papier.

Von 1957 bis 1994 wurde dort das erlesene Spechthausener Büttenpapier geschöpft. Die berühmten Bögen waren zuvor in der Papierfabrik Spechthausen, heute ein Ortsteil von Eberswalde, entstanden. Die Produktion musste damals einer militärischen Nutzung durch die NVA weichen und kam so an den Finowkanal.

Bereits im 16. Jahrhundert war Eberswalde ein Standort zur Papierherstellung. Es gab dann später mehrere Papiermühlen am Finowkanal, der ja bereits in seinem ersten Verlauf von 1605 -1620 gebaut worden ist.

Für die Papierfabrik in Spechthausen kam der entscheidende Impuls von Friedrich II. Er brauchte für Akten und Gesetze in seiner neu aufgebauten Verwaltung viel Papier. Bis zu diesem Zeitpunkt war das preußische jedoch zu grob, so dass feineres Druck- und Schreibpapier teuer aus Frankreich und Holland importiert werden musste. Und so ließ der frankophile Herrscher 1781 unter französischer Anleitung in Spechthausen nahe Eberswalde eine Papiermanufaktur errichten. Der Berliner Papierhändler Johan Gottlieb Ebart übernahm den Betrieb und kümmerte sich ab 1792 um das neue Prestigeprojekt des Königs: Preußen sollte fälschungssicheres Papiergeld bekommen. Ebart ließ ein Drahtgeflecht in den Schöpfrahmen einarbeiten, welches ein einmaliges Wasserzeichen hinterlässt. Zusätzlich wurde ein farbiger Faserbrei in die Mischung eingespült - ein Vorgang, der nur in Spechthausen durchgeführt werden durfte.

Die hohe Qualität und die Nutzung durch die preußische Staatsbank verhalfen dem Papier zu überregionaler Bekanntheit. Bis weit in die Weimarer Republik hinein wurde für die Herstellung von Geldscheinen, Wertpapieren sowie Schecks und Aktien, nahezu ausschließlich Spechthausener Papier verwendet.

Überall an den Wänden finden sich Grafitti Quelle: rbbÜberall an den Wänden finden sich Grafitti

Während des zweiten Weltkrieges wollten die Nazis mit der "Aktion Bernhard" in Großbritannien eine Inflation herbeiführen. Dafür ließen sie im KZ-Sachsenhausen massenhaft Geld fälschen. In der Fabrik Spechthausen wurden neben den Geldscheinrohlingen für diese Aktion auch das Papier für gefälschte Pässe und andere offizielle Dokumente hergestellt. Dies war der bislang größte Geldfälschungsskandal der Geschichte.

Die zerfallene Produktionsstaätte der alten Papierfabrik Eberswalde Quelle: rbbDie zerfallene Produktionsstaätte der alten Papierfabrik Eberswalde

Nach dem Krieg ging das Werk als Reparationsleistung an die Sowjetunion. Danach wurde die Fabrik mühsam als Volkseigener Betrieb der DDR wieder Stück für Stück in alter Größe aufgebaut. Sie erlebt als eine der letzten Papiermanufakturen Europas eine ungeahnte Renaissance. Obwohl die Produktionsstätte 1957 von Spechthausen in die Papierfabrik Wolfswinkel verlegt wurde, hielt man an dem traditionsreiche Markennamen der "Spechthausener Bütte" fest. Trotz der horrenden Preise leisten sich hohe Funktionäre und DDR-Betriebe das erlesene und handgeschöpfte Papier mit individuellem Wasserzeichen - dem Specht. Zumal dieses in Europa einen ausgezeichneten Ruf genießt. Die wohl prominenteste Kundin ist - trotz Geldfälscheraktion der Nazis - die englische Queen.

Die große Papierfabrik Eberswalde Wasserseite Quelle: Fred PilarskiDie große Papierfabrik Eberswalde Wasserseite

1994 jedoch wird der Betrieb des Papierwerks Wolfswinkel nach 233 Jahren eingestellt. Die Maschinen werden nach Asien verschifft. Seitdem ist im Eberswalder Papierwerk die Zeit stehen geblieben.

Die alte Spechthausener Fabrik erfährt als Kulturfabrik heute eine Wiederbelebung. Sie ist für junge Leute, vor allem Studenten, ein beliebter Wohn-, Arbeits- und Kreativort. Gegenwärtig entstehen 45 Wohnungen in einem Mehrgenerationen-Haus. Das Projekt ist eine Vision von Bernhard Haselmaier, dem Eigentümer des Geländes, das fast fünf Hektar umfasst. Dies entspricht einer Größe von ungefähr zehn Fußballfeldern.

Beitrag: Heiko Kreft

Text: Malin Winter / Sabine Horn

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