Dunkle Ecken und Winkel (Quelle: rbb)
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- Die etwas anderen Reiseführer

Seitdem es Reiseliteratur gibt, existieren auch  recht seltsame Exemplare, die zu leicht anrüchigen oder aber auch mystischen Orten führen wollten.  Dunkle Ecken und Winkel, Gefängniszellen oder Schlaf- und Todesorte von Revoluzzern - all das wollten und wollen Menschen sehen, wenn es ihnen angeboten wird.

Tipp 1: Biergärten in Halensee.

Der  "Führer durch das intime Berlin" von 1903 richtete sich an Geschäftsreisende aus der Provinz. Sie sollten nicht länger - Zitat - "nervös, übellaunig und unzufrieden" durch die Stadt streifen. Deshalb führte sie der Führer zu Orten, an denen Mann Frau leicht aufreißen konnte. Angeblich. Zum Beispiel in den Biergärten in Halensee. Dort gebe es – Zitat - "eine Menge Radlerinnen, die in ihren  kurzen Röcken schnell noch ein Tänzchen machen, bevor sie zurück nach Berlin radeln." Aber: Lange brachte der "Intime Führer" seine heißen Tipps nicht unters Mannesvolk. Kurz nach Erscheinen wurde die gesamte Auflage beschlagnahmt.    

Dieser Führer führt zu tanzwütigen Frauen in Halensee.
Dieser Führer führt zu tanzwütigen Frauen in Halensee.Bild: rbb/Kreft

Tipp 2: Ein Mega-Staubsauger am Nollendorfplatz.

Der  "Hygienische Führer durch Berlin" von 1907 listete fein säuberlich sowie in deutsch, französisch und englisch Berliner Reinlichkeits-Highlights auf. Zum Beispiel das Neue Schauspielhaus am Nollendorfplatz mit seiner festeingebauten Entstaubungsanlage. Detailliert berichtet der Reisführer von Zentrifugalpumpen, Wasserstrahlluftsaugern und Bürstenmundstücken. Klingt anrüchig? Naja... Dieser Führer riet auch zum Besuch der exquisiten Berliner Rieselfelder in Blankenburg und Großbeeren.

Tipp 3: Dunkle Ecken und Winkel.

Die empfahl der Reiseführer  "Ich weiß Bescheid in Berlin" von 1908. Abenteuerlustige Hauptstadt-Touristen sollten unbedingt einen Abstecher zur Einkaufspassage Unter den Linden machen. Zum Koofen? Nee – zum Glotzen! Rund um die Passage könne man – Zitat –  "geschminkte und weibisch aussehende Jünglinge" sehen. Und wer dabei auf den Geschmack komme, solle unbedingt auch am Goethedenkmal im Tiergarten vorbeischauen. Dort gebe es junge Männer, die lächelnd und kichernd Freunde empfangen. 

Anleitung für Reisende durchs intime Berlin!Anleitung für Reisende durchs intime Berlin!

Tipp 4: Der Knast hinterm Hamburger Bahnhof

Der "Illustrierte Fremdenführer durch Berlin und Potsdam" von 1859 empfahl einen Besuch des Zellengefängnisses an der Lehrter Straße. Die Musteranstalt für m80 Gefangene sei "Höchstsehenswert". In jeder Zelle gäbe es eine Hängematte. Führungen unternahm Direktor Borrmann. Dass Berlin in Sachen Kriminalität viel zu bieten habe, bemerkte auch ein Schweizer Reiseführer von 1885. Er informierte präzise über die im Jahr zuvor aufgenommenen Diebstähle in Berlin (11.291), über aufgefundene Leichen (145) und Verhaftungen (43.392). Darunter 1.825 wegen Straßenunfugs, 7.583 wegen Unsittlichkeit und 8.025  wegen Trunkenheit.

Tipp 5: Schlaf- und Todesorte von Revoluzzern

"Berlin - ein Führer durch seine fortschrittlichen Traditionen" von 1956 verzeichnete, wann und wo Marx, Engels, Bebel und Lenin in Berlin übernachtet hatten. Lenin zum Beispiel in Moabit in der Flensburger Straße 12, Vorderhaus, zweiter Stock bei Frau Kurreick. Genaue Ortsangaben gibt es auch für die Todesorte von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Tiergarten. Richtig lange war der in einem Ostberliner Verlag veröffentlichte Revoluzzer-Führer aber nicht zu gebrauchen. Fünf Jahre nach Erscheinen wurde die Mauer gebaut, und die Zielgruppe des Reiseführers durfte gar nicht mehr hin.

Ein Beitrag von Heiko Kreft.

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