Der Sandmann vor dem Weltkulturerbe in Tabriz: dem Teppichbazar; Quelle: Ingo Aurich
Der Sandmann vor dem Teppichbazar in Tabriz

Erste Etappe, Teil 4 - Bazargan - Teheran (19.-24.09.12)

Vom “Parkplatz“ der Arche Noah, einem ausgetrockneten Salzsee und Felshöhlen-Hotels. Wir lassen die Türkei hinter uns und reisen in die islamische Republik Iran

ehemaliger Standort der Arche Noah; Quelle Ingo Aurich
Früherer Standort der Arche Noah
Mittwoch, 19. September 2012 -
Wir haben uns mit einem Bergführer verabredet. Auf dem Weg zur Grenze soll er uns die Stelle zeigen, von der behauptet wird, hier sei vor vielen tausend Jahren nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet.

Der Hilfe des jungen Guides hätte es nicht bedurft. Noahs Arche ist gut ausgeschildert. Wir fahren die Serpentinen hinauf, ein letztes Schild, dann ein Häuschen, das eigens eröffnete Museum.

Es begrüßt uns ein freundlicher, alter Herr - Haci Hasan Özer, der Wächter der Arche Noah. Er weist auf den Hang des Berges und zeichnet mit dem Zeigefinger die Umrisse eines Schiffes nach.

Mit viel Mühe und Fantasie glauben auch wir in den Felsen die Umrisse eines riesigen Bootes zu erkennen. Ob es denn sicher sei, dass es sich bei der Felsformation um die Überreste des biblischen Schiffes handele. Das sei wissenschaftlich bewiesen, meint der Alte ungerührt.
an der türkisch-iranischen Grenze: Team mit iran. Producerin Natali Amiri; Quelle: Ingo Aurich
Türkisch- Iranische Grenze, Bazargan
Am Mittag gelangen wir endlich an die Grenze. Auf der anderen Seite wartet unsere deutsch-iranische Producerin Natalie Amiri auf uns.

Die Formalitäten auf türkischer Seite dauern unendlich lange. Die Zollbeamten sind mit unserem Fall überfordert. Nach stundenlangem Warten endlich grünes Licht.

Vor uns am Grenzgebäude auf iranischer Seite ein riesiges Bild der Ayatollahs Khomeini und dessen Nachfolger und auf dem Berg eine riesige iranische Fahne.

Wir sind das erste westliche Fernsehteam seit Jahren, das eine Drehgenehmigung für den Iran bekommen hat. Natalie hat Monate darauf hin gearbeitet. Sie selbst hat lange für die ARD aus dem Land berichtet. Die meisten westlichen Medien mussten nach den Protesten und Unruhen zur letzten Präsidentschaftswahl 2009 das Land verlassen.

Im Schlepptau hat Natalie einen Mitarbeiter des Ministeriums für religiöse Fragen, das auch für die "Betreuung" der ausländischen Journalisten zuständig ist, sowie dessen Fahrer. Von nun an geht es im Konvoi und stets "freundlich begleitet" durch das uns fremde Land.
der ausgetrocktnete Salzsee Urumieh mit brachliegenden Schiffen; Quelle: Ingo Aurich
Urumieh-See: Der ehemals zweitgrößte Salzsee der Welt ist zu zwei Dritteln ausgetrocknet.
Donnerstag, 20. September 2012 - Am Morgen wollen wir unseren Augen nicht trauen: Schon wieder ein Boot auf dem Trockenen. Diesmal aber ein richtiges. Vom Balkon unseres Hotelzimmers blicken wir auf eine unendlich scheinende, glitzernde Ebene - den Urumieh-See. Aber für einen See fehlt der flirrenden Fläche etwas Entscheidendes - das Wasser.

Der ehemals zweitgrößte Salzsee der Welt ist zu zwei Dritteln ausgetrocknet. Deshalb haben die Ausflugsboote kein Wasser mehr unter dem Kiel und rosten vor sich hin. Eine gigantische Umweltkatastrophe.

Wir drehen mit Mahdieh Pourshad, einer mutigen Umweltaktivistin und Frauenrechtlerin, die eigens aus Teheran gekommen ist, um uns das Drama zu zeigen.

Für das Sterben des Urumieh gibt es mehrere Gründe - alle vom Menschen verursacht: Die Bauern der Region zweigen immer mehr Wasser für die Landwirtschaft ab, fast alle Zuflüsse wurden gestaut. Seitdem der islamische Staat wegen des Alkoholverbotes die Herstellung von Wein verboten hat, werden Äpfel und andere Früchte angebaut, die weit mehr Wasser brauchen.

Und der letztlich entscheidende Grund: Seit einigen Jahren durchzieht ein Straßendamm den See und teilt ihn in zwei Hälften. Diese massive Barriere hat das Gleichgewicht kippen lassen. Innerhalb von nur drei Jahren ist der See größtenteils ausgetrocknet.
Der frühere Kapitän des kleinen Ausflugsbootes klettert für uns das Wrack hinauf. Ein trauriges Bild. Und noch einer ist vom Sterben des Sees existentiell betroffen: der Betreiber des Luxushotels, in dem wir untergebracht worden sind: Kiamarz Kayhanfar ist ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann mit exzellenten Verbindungen in höchste Kreise.

Hier am Urumieh-See wollte er ein weiteres Erfolgsprojekt verwirklichen - das "Bari Holiday Resort", eine riesige Ferienanlage mit westlichem Standard. Jetzt, nur wenige Jahre nach der Eröffnung, ist die Millionen-Investition im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt.

Die Strandanlagen, die Promenade, die Bootsanleger - alles umsonst. Die Gäste bleiben aus. Der Geschäftsmann kämpft nun gemeinsam mit der Umweltschützerin Mahdieh Pourshad für die Rettung des Sees. Sein Plan: der Bau einer Wasser-Pipeline vom Kaspischen Meer zum Urumieh-See. Die Investoren hätte er schon…

Am Abend lädt er uns in seine Berghütte ein. Es wird eine höchst interessante Begegnung.
Höhlenhäuser in Kandovan; Quelle: Ingo Aurich
Kandovan: In die Hänge des Tuffstein-Gebirges haben Menschen schon vor Urzeiten Höhlen gehauen
Freitag, 21. September 2012 - Nach den interessanten Gesprächen des Vorabends hat uns Aghaye Kayhanfar zum Frühstück in seine Privatvilla eingeladen.

Er will uns zeigen, wie gastfreundlich die Menschen im Iran sind, und wie schön das Land sei. Dazu geladen sind auch die führenden Mitglieder der regionalen Handelskammer, deren Vorsitzender Mr. Kayhanfar ist.

Urumieh ist die Hauptstadt der Provinz West-Aserbaidschan, die mehrheitlich von türkischstämmigen Azari bewohnt wird. Sie bilden auch die einflussreiche Schicht der Händler und Kaufleute.

Freundlicher Meinungsaustausch am Frühstückstisch mit der berühmt-berüchtigten Lammkopf-Brühe, einer iranischen Spezialität.

Unser Gastgeber erzählt aus seinem bewegten Leben. Er war unter anderem Kampfpilot zu Zeiten des Schah und später Handelsvertreter für große westliche Konzerne. Zweimal habe man ihn ins Gefängnis gesteckt, einmal vor der islamischen Revolution und einmal danach. Aber er wolle nur eines: gute Geschäfte machen.

Wir verlassen Urumieh und überqueren den Straßendamm, der dem Salzsee den Todesstoß versetzt hat.

Am Nachmittag erreichen wir Kandovan, einen landesweit bekannten Ausflugsort. In die Hänge des Tuffstein-Gebirges haben Menschen schon vor Urzeiten Höhlen gehauen. Seit einigen Jahren gibt es für zahlungskräftige Touristen ein exklusives Höhlen-Hotel. Wir haben die Ehre, zu den wenigen Gästen zu zählen.
Samstag, 22. September 2012 - Am Morgen schaue ich eine zeitlang iranisches Fernsehen.

Die staatlich überwachten Sender bringen an diesem Tag folgende Auswahl: Übertragung einer Militärparade aus Teheran, Predigt des Revolutionsführers Khamenei, Nachrichten über die weltweiten Proteste von Muslimen gegen das antiislamische Video aus den USA sowie Filme über den großen vaterländischen Krieg gegen den Irak.

Der 22. September ist der Jahrestag des Beginns. Im ersten Golfkrieg von 1980 bis 1988 starben auf beiden Seiten mehr als eine halbe Millionen Soldaten. Die Erinnerung daran ist allgegenwärtig. Überall im Land erinnern Bilder, Plakate und Mahnmale an die "Märtyrer", die in der Auseinandersetzung mit dem arabischen Nachbarland ihr Leben ließen.

Wir fahren nach Tabriz, der größten Stadt im Nordwesten des Iran. Auch hier sind wir wieder in einem Luxushotel untergebracht. Morgen wollen wir den weltberühmten Bazar drehen. Natalie und ich nehmen ein Taxi zur Recherche und Vorbesichtigung. Der Bazar hat den Titel Weltkulturerbe allemal verdient - ein Ort wie aus tausendundeiner Nacht.

Zum Mittag sind wir bei einer Teppichhändler-Familie zum Essen eingeladen. Der Sohn will uns morgen in die Geheimnisse des Bazars einführen...
Dreh im Teppichbazar in Tabriz; Quelle: Ingo Aurich
Dreh im Teppichbazar in Tabriz
Sonntag, 23. September 2012 - Nachtrag: Am Abend erlebten wir einige Schrecksekunden: Gegen 22 Uhr gab es in kurzer Folge mehrere schwere Detonationen. Ich lief im achten Stock unseres Hotels zum Fenster und sah heftige Explosionen und große Feuerbälle. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei.

Natalie klärt mich per Telefon auf: In der Nähe ist ein Truppenübungsplatz. Offenbar proben die Revolutionsgarden den Ernstfall.

Durch den dichten Verkehr fahren wir morgens zum Bazar von Tabriz, einem der größten und schönsten weltweit. Hier schlägt das wirtschaftliche Herz des iranischen Nordwestens. Seit Jahrhunderten wird hier Handel getrieben, unabhängig davon, wer über das Land herrscht.
Der Bazar besteht aus unzähligen Gassen, überdachten Ladenstraßen, überkuppelten Höfen und Hallen sowie diversen alten Karawansereien. Tabriz war wichtige Station auf der legendären Seidenstraße.

Wir drehen das bunte Treiben in dem Labyrinth von Gassen und Querverbindungen, vor allem im berühmten Teppichbazar. Dies ist das Reich der Händler, Färber, Wäscher, Knüpfer, Fransenmacher und Exporteure.
Die schönsten Aufnahmen entstehen mit einem Teeboten, der seine Gassen mit Chai beliefert und Freund aller Händler ist.

Von Embargofolgen und wirtschaftlicher Krise ist hier nichts zu spüren. Überhaupt: Die Stadt Tabriz wirkt insgesamt wohlhabend und gepflegt. Doch in verschiedenen Gesprächen erfahren wir - vor allem, wenn die Kamera nicht läuft: Die wirtschaftliche Situation im Iran hat sich aufgrund der Sanktionen des Westens deutlich verschlechtert. Vor allem die Preise für Lebensmittel steigen drastisch.
Die blaue Kuppel von Soltaniyeh
Montag, 24. September 2012 - Wir verlassen Tabriz Richtung Teheran. Als wir auf der Strecke tanken wollen, gibt es Ärger. Der Strom an der Tankstelle ist ausgefallen.
Wir wollen das Betanken mit unseren Ersatzkanistern filmen. Den Tankstellenbesitzer bringt das in Rage: Wir wollten im deutschen Fernsehen nur zeigen, dass die Versorgungslage im Iran schlecht sei. Dabei habe er doch nur einen kurzen Stromausfall.

Irgendwo auf der Strecke entdecken wir eine Herde Kamele neben der Autobahn. Wir halten an und machen Bekanntschaft mit Ghareman Jamalzadeh, dem stolzen Besitzer. 32 Kamele darf er sein eigen nennen, 31 weibliche und ein männliches.

Die Tiere werden zu Kampfkamelen herangezüchtet. 1000 Euro kostet ein Exemplar. Thomas runzelt die Stirn, denn er weiß aus leidvoller Erfahrung: Kamele sind äusserst eigenwillig, und wenn ein Kameramann Kommandos gibt, dann machen sie am liebsten genau das Gegenteil.

Auf halber Strecke kommen wir an dem Ort Soltaniyeh vorbei. Schon von weitem ist sie zu erkennen: die leuchtend blaue Kuppel, die grösste ihrer Art in der Welt.
Seit vielen Jahren wird das imposante Bauwerk aufwendig restauriert. In schwindelerregender Höhe auf einem Gerüst arbeitet die Chefrestauratorin, Parwaneh Askari. Sie erläutert uns stolz die Wunder der islamischen Baukunst. Die blaue Kuppel hat fast 700 Jahre lang Kriegen und Erdbeben standgehalten.

Wie selbstverständlich gebe ich Parwaneh Askari zum Dank die Hand. Die Restauratoin schreckt zurück und schaut etwas betreten zu Boden.
Unser Begleiter vom Ministerium für islamische Erziehung klärt mich auf. In der Öffentlichkeit darf eine Frau einem fremden Mann nicht die Hand reichen. So bleibt es bei einem freundlichen Kopfnicken. Es ist bereits dunkel, als wir die Vororte von Teheran erreichen.

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