AutoDreh in Istanbul 9.9.2012 (Quelle: rbb)
Dreh in Istanbul

Erste Etappe, Teil 2 - Istanbul - Sivas (06.-12.09.12)

Trotz Stau und Bürokratie - wir bekommen unsere Visa für den Iran. Eine bedrohliche Weissagung schüchtert uns ein - wir setzen unsere Reise dennoch fort, nach Ankara. Dort werden unsere Autos flottgemacht...

Über den Dächern von Istanbul Sonnenuntergang 8.9.2012 (Quelle: rbb)
Wir klettern die vielen Treppen hinauf und öffnen die Dachluke

Donnerstag, 6. September 2012 - Angeblich können wir heute die Visa für den Iran bekommen. Bis 12 Uhr müssen wir im iranischen Konsulat sein. Kein Problem, meint Coskun, unser türkischer Producer um 11 Uhr. Das Konsulat ist Luftlinie nicht weit entfernt – nur den Galata hinab, über die Brücke und dann nach Sultanahmet hinein. Um 11.40 Uhr stehen wir immer noch unterhalb der Brücke. Ich werde nervös. Nicht gut für Istanbul. Was man hier vor allem braucht, ist Gelassenheit.

Kurz vor zwölf sind wir doch im Konsulat. Natürlich bekommen wir die Visa nicht. Es heißt: Wir müssen 600 Euro bei einer benachbarten Bank einzahlen und neue Anträge ausfüllen.

Für 18 Uhr sind wir mit Mustafa Önder, dem Imam, und seiner Frau Sati verabredet. Sie sind sehr gastfreundlich – es gibt Börek und Tee. Am Abend noch ein schöner Moment: Ich habe mich mit dem Team auf dem Dach des Manzara-Hauses direkt am Galataturm verabredet. 

Dreharbeiten in Istanbul 7.9.2012 (Quelle: rbb)
Nachmittags am Goldenen Horn. Am Anleger ein kleiner Fischermarkt. Gewimmel, und Geschrei
Freitag, 7. September - Aufstehen im Dunkeln. Wir wollen das Morgengebet mit dem Imam Mustafa Önder drehen. Um 4.45 öffnet uns der Imam seine Moschee. Der Geistliche sieht aus wie ein typischer Türke aussehen muss: kräftige gedrungene Gestalt und einen Schnurrbart.

Mit der politischen Entwicklung ist er sehr zufrieden. Den Menschen gehe es wirtschaftlich besser, die Religion genieße wieder höheres Ansehen. Er erzählt auch, dass die neue Regierung endlich die finanzielle Situation für die Geistlichen verbessert habe. Die kemalistischen Regierungen früher hätten die Prediger finanziell sehr knapp gehalten. Die AKP habe das Gehalt für Imame verdreifacht.

Am Vormittag zweiter Versuch beim iranischen Konsulat. Wie durch ein Wunder klappt es diesmal in kurzer Zeit: Wir bekommen die nötigen Stempel für unsere Einreisevisa. Allah ist mächtig!

Ein großes Problem bleibt: Die Kollegen in Berlin haben die ganze Zeit gewirbelt, um auf dem Expressweg verstärkte Kupplungen zu bekommen. Aber wo und wann kurz vor dem Wochenende in Istanbul eine Werkstatt finden? Zwei Tage länger in Istanbul bleiben oder mit den defekten Autos Richtung Ankara aufbrechen? 
Abschiedsessen in Istanbul 8.9.2012 (Quelle: rbb)
Abschiedsessen in Istanbul
Dann das große Abschiedsessen auf dem Dach von Manzara. Fantastischer Blick auf das Goldene Horn, den Topkapi-Palast, die Hagia Sofia und die Moscheen auf der anderen Seite. Sati hat großartig gekocht. Es gibt Meze und Fisch, den wir auf dem Markt gekauft haben.
Sonntag, 9. September - Abfahrt am Mittag. Ein großer Augenblick: Wir überqueren im fließenden Verkehr und ohne Stau die Bosporus-Brücke. Welcome to Asia! Wir haben die erste Etappe unserer langen Reise geschafft.

Im asiatischen Teil von Istanbul sind wir in einem Hafen-Cafe mit Esmeray verabredet. Sie wurde in einem männlichen Körper geboren, spürte aber beim Erwachsenwerden, dass sie eigentlich eine Frau ist. Kurdisch, politisch links und transsexuell – das ist in der Türkei ein Mehrfachhandicap. Schon oft hat Esmeray mit ihren mutigen Äußerungen und Artikeln den Zorn der Behörden auf sich gezogen.

Um Politik soll es diesmal nicht gehen. Esmeray soll für uns in die Zukunft schauen und den Kaffeesatz lesen.
Kaffeesatzlesen; Quelle: rbb
Kaffeesatz

Sie weissagt uns Bedrohliches: Geldsorgen und Schwierigkeiten - Uniformierte könnten dabei eine Rolle spielen. Im Kaffeesatz sieht sie eine Fledermaus, eine Schlange und einen Frosch. Alles keine guten Vorzeichen. Einer von uns würde sich auf der Reise verlieben, und das ganze Team sei von dieser Veränderung betroffen. So düster hatten wir uns ihre Prophezeiungen nicht vorgestellt. Am Ende würde unser Vorhaben aber gelingen. Die Untertasse sei frei von Kaffeesatz, und dies bedeutete, dass wir weise von unserer Reise zurückkehren würden. Nach dem Dreh ist uns etwas mulmig. 

Montag, 10. September - Professor Dr. Naki Selmanpakoglu kommt zum Frühstück in unser Hotel. Er will uns mit der Bedeutung Atatürks vertraut machen. Atatürk baute nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches die Türkei zu einem modernen Nationalstaat nach europäischem Vorbild um – mit Strenge und militärischer Gewalt: lateinische Schrift, Kopftuchverbot, Gleichstellung der Frau, Bildung für alle.

Der Staatsgründer wurde über viele Jahrzehnte fast wie ein Gott verehrt. Mit der fortschreitenden Islamisierung verblasst das übermächtige Ansehen. Dr. Selmanpakoglu macht das traurig. Der Politik der islamisch-konservativen Regierung steht er – um es vorsichtig zu sagen – kritisch gegenüber.

Der Arzt und überzeugte Anhänger Atatürks führt uns in das Allerheiligste des Kemalismus: das Mausoleum für den Staatsgründer. Eine riesige Anlage im Herzen von Ankara mit dem Grabmal Atatürks. Ein freundlicher Offizier begleitet aufmerksam unseren Besuch. Wir dürfen sogar am Sarkophag in der großen Halle drehen, müssen allerdings eine Erklärung unterschreiben, dass wir die Werte der Türkei durch unsere Berichterstattung nicht verletzen.
Dienstag, 11. September - Die Autos sind repariert und abfahrbereit. Über Nacht haben die freundlichen Mechaniker von VW Ankara das nötige Ersatzteil aus Istanbul beschafft und sofort eingebaut.
Nächstes Ziel: Hattuscha, die sagenumwobene Hauptstadt der Hethiter. Wir fahren im Abendrot über die anatolische Hochebene. Spät erreichen wir das Dorf Bogazkale. Kaum zu glauben, dass dieser Ort einmal der Mittelpunkt eines Riesenreiches war, das von Anatolien bis Mesopotamien reichte.

Die Fahrt durch die anatolischen Berge wird zu einem beeindruckenden Erlebnis. Alles glüht in gelb, rot und braun. Hin und wieder durchziehen grüne Bänder die kargen Gebirgsmassive, immer dort, wo ein Bach oder Fluss Wasser spendet.
12.9.2012 Dreharbeiten in Anatolien II (Quelle: rbb)
Grabungsgelände Hattuscha
Mittwoch, 12. September  - Die Hethiter haben sich einen wunderschönen Platz für ihre Hauptstadt ausgesucht. Hattuscha - oder genauer gesagt: die Ruinen von Hattuscha - liegen am Hang einer felsigen Hügelkette mit Blick auf ein grünes Tal. Hier in der kargen Landschaft Mittelanatoliens entstand eine der ersten Hochkulturen des Altertums.

Wir frühstücken mit Professor Schachner und seinem Archäologenteam. Bilder und Interviews mit den Studenten. Dann Dreh auf dem Grabungsgelände am Berg innerhalb der alten Stadtmauern. Die Überreste der alten Tempel, des Königspalastes und der ehemals prächtigen Tore sind tief beeindruckend. Arbeiter aus dem Dorf rekonstruieren einen Teil der alten Stadtmauer, und sie machen das, Stein für Stein, wie einst die alten Hethiter - Schwerstarbeit.

Am Nachmittag Dreh mit einem alten Dorfbewohner und seiner Enkelin. Ahmed Demiralan hat sein ganzes Leben als Helfer der deutschen Archäologen in Hattuscha gearbeitet. Er führt seine Enkeltochter Aylin und uns sogar in das Allerheiligste der Hethiter, die Tempelanlage Yazilikaya mit der berühmten Darstellung der zwölf Götter.

Abends ein lustiger Zwischenfall: Die Jungs wollten noch Abendstimmung im Grabungsgelände drehen. Spät der Anruf: "Wir sind eingeschlossen!" Offenbar sind wir den Göttern doch zu nahe gekommen..... 

Johannes Unger

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