Verteilung der fernOST-T-Shirts in Agri am Abend; Quelle: Ingo Aurich

Erste Etappe, Teil 3 - Sivas - Dogubayazit (13.-18.09.12)

Von heilenden Doktorfischen, einer Moschee wie aus dem Märchen und einem meditativen Gottesdienst.

Auf der Fahrt nach Yozgat, Türkei, trifft das Sandmännchen auf eine Schildkröte; Quelle: Ingo Aurich
Schildkröte meets Sandmännchen
Donnerstag, 13. September 2012 - Auf der Fahrt von Hattuscha nach Yozgat überquert eine Schildkröte in aller Seelenruhe die Straße. Sie wird natürlich gedreht. Ulli rettet ihr das Leben und trägt sie auf die andere Straßenseite.

Kurz vor Sivas wollen wir in einer Köfteria direkt an der großen Straße Pause machen und essen.
Das Land wird Richtung Osten karger. Hier in den Bergen haben sich in der Vergangenheit immer wieder Rebellen der kurdischen PKK versteckt. In der Abenddämmerung erreichen wir Kangal.

Etwas außerhalb in einem Tal liegt Balikli Kaplica, ein bekannter türkischer Kurort. Im Wasser des Gebirgsbaches leben seltene Fische, die Hautkrankheiten kurieren sollen.
Wir kommen an, als der Muezzin zum Abendgebet ruft.
Freitag, 14. September 2012 - Balikli Kaplica ist eine Mischung aus Thomas Manns "Zauberberg" und einem FDGB-Ferienheim. Eher spartanisch als mondän.

Das Team hat heute frei. Wir können an diesem abgeschiedenen Ort etwas erholen. Warme Thermalquellen speisen hier einen Gebirgsbach. Und in dem Bach: Abertausende von kleinen Doktorfischen, die mit Vorliebe menschliche Haut abknabbern.
Nach dem Fussballspiel Dorfeinwohner gegen Berlin in Balikli Kaplica; Quelle: Ingo Aurich
Nach dem Fussballspiel Dorfeinwohner gegen Berlin
Aus diesem Grund kommen vor allem Patienten mit Schuppenflechte hierher und erhoffen sich Heilung. Wir springen todesmutig zu den anatolischen Piranjas aus der Familie der Saugbarben ins Wasser: Es kitzelt und zwickt, aber auf Dauer ist es angenehm. Ein komisches Gefühl, wenn unzählige Fischchen am ganzen Körper knabbern, anstubsen und beißen.

Am späten Nachmittag endet das Freundschaftsspiel der türkischen Nachwuchsnationalmannschaft gegen die Altherren-Truppe aus Berlin 10:10 unentschieden.
Fußpflege auf türkisch; Doktorfische in Balikli Kaplica; Quelle: Ingo Aurich
Fußpflege auf türkisch
Sonnabend, 15. September 2012 - Vor unserer Abfahrt Richtung Erzincan drehen wir noch das Team mit den Doktorfischen.

Am Mittag machen wir halt in Divrigi, eine uralte Oasenstadt. Über dem Tal thront eine Burgruine und direkt darunter auf einem Plateau Ulu Cami, die alte Moschee, ein wunderbares Bauwerk wie aus Tausendundeiner Nacht.

Beeindruckend sind vor allem die prächtig und kunstvoll verzierten Portale. Die Fahrt geht weiter durch immer massivere Gebirgsketten. Auf den kurvenreichen Straßen begegnen wir nur selten anderen Autos. Die Perspektiven sind atemberaubend.

Die anstrengende Fahrt auf unzähligen Serpentinen zieht sich bis in den Abend. Spät erreichen wir Erzincan.
Bei Akdag, Türkei; Quelle: Ingo Aurich
Bei Akdag
Sonntag, 16. September - Über einen Kontakt in Deutschland sind wir in ein Dorf nördlich von Erzincan eingeladen und bekommen Nachhilfeunterricht in türkischer Politik und Religion.

Der Ort weist zwei Besonderheiten auf: Erstens leben hier nur Menschen mit alevitischem Glauben und zweitens kommen die meisten Bewohner nur den Sommer über hierher, ansonsten arbeiten fast alle in Istanbul oder Deutschland, vor allem in Berlin.

Akdag liegt in einem Hochtal, das von einem kleinen Fluss durchzogen wird. Als wir ankommen, wird sofort deutlich: Das Dorf ist fein herausgeputzt, überall neue Dächer und freundliche Farben. Und: Die Bewohner, die wir sehen, sind alt. Die Jungen sind nur in den Sommerferien hier.

Der Muhtar (Dorfvorsteher) empfängt uns ganz aufgeregt: Er will, dass dieser Tag für uns und die Bewohner ein Erfolg wird. Sogar den Parlamentsabgeordneten von der Opposition hat er eingeladen.
Alevitischer Gottesdienst - das Cem-Fest in Akdag; Quelle: Ingo Aurich
Cem-Fest in Akdag
Am Nachmittag dürfen wir in einem Cem-Haus – das Gotteshaus der Aleviten- das Cem-Fest drehen. Zum Gottesdienst kommt das ganze Dorf, außerdem eine Musik- und Tanzgruppe aus Erzincan. Es wird eine tief beeindruckende Zeremonie, die etwas sehr Meditatives hat.

Der Oppositionsabgeordnete, selbst Alevit, erzählt uns, dass durch den Bürgerkrieg in Syrien die Spannungen zwischen Sunniten und Aleviten in der Türkei steigen würden. Und Mahmud, der alte Prediger und Dorfweise ("Dede") schüttelt besorgt den Kopf. Die Dinge würden sich nicht zum Guten wenden. Es wird ein herzlicher Abschied.

Am Abend die Nachricht: Ein PKK-Kommando hat in der Region südlich von Erzincan einen Armeebus in die Luft gesprengt. Acht türkische Soldaten sind dabei getötet worden.
Auf dem Weg nach Agri, Ostanatolien; Quelle: Ingo Aurich
Auf dem Weg nach Agri
Montag, 17. September - Gute Nachrichten am Morgen: Die BASIS, unsere Filmproduktionsfirma, aus Berlin meldet: Wir haben die Drehgenehmigung für Turkmenistan, das nach Iran folgt.
Es kann also weitergehen!

Eine ruhige Fahrt auf neu geteerten Fahrbahnen. Überall in der Türkei werden die Straßen erneuert und ausgebaut. Zeichen des Wirtschaftsbooms. Der Asian Highway, der hier E80 heisst, hat Priorität. Wir fahren stundenlang durch ein schönes Hochtal Richtung Osten.

Häufig begegnen wir Militärfahrzeugen. Nach den Anschlägen der vergangenen Tage ist die Lage offenbar angespannt.

Am Nachmittag drehen wir eine Baustelle. Die Fahrbahn wird verbreitert und asphaltiert. Der Vorarbeiter auf der Baustelle rät uns, bereits in Agri zu übernachten, damit wir mit den Autos nicht in die Dunkelheit geraten. Zurzeit sei es sehr unruhig in der Region. Kurdische Rebellen.

Im Abendrot kommen wir in der Provinzhauptstadt an. Agri heißt auf deutsch Schmerz und macht seinem Namen alle Ehre. Ein trostloser Ort.
Erster Unfall in Agri wird protokolliert in der Polizeistattion, Quelle: Ingo Aurich
Der erste Unfall in Agri wird protokolliert
Dienstag, 18. September 2012 - Der Abend gestern endete mit einer bösen Überraschung: Als wir gerade beim Essen waren, schlitterte offenbar ein junger Mann mit seinem Motorrad in unser Teamauto und flüchtete.

Nur Blechschaden, aber die BASIS bittet darum, dass die Polizei den Unfall aufnimmt, damit die Versicherung ordentlich informiert werden kann. Die türkischen Polizisten auf der Wache sind zunächst angesichts der Bagatelle etwas lustlos, dann aber sehr hilfsbereit. Am Ende gibts sogar Tee und ein Gruppenfoto für Facebook sowie das benötigte Protokoll.

Am Morgen die nächste schlechte Nachricht: Ein Reifen ist platt. Die Jungs wechseln die Räder in Windeseile, dann fahren wir zu einer kleinen, nicht sehr vertrauenserweckenden Werkstatt. Entgegen dem ersten Eindruck sind die Mechaniker sehr hilfsbereit und kundig.
Am Mittag geht es Richtung Grenze. In der Nacht hat es nicht weit entfernt schon wieder einen PKK-Anschlag gegeben. Sieben tote Soldaten.
Der Berg Ararat in Abendstimmung; Quelle: Ingo Aurich
Der Berg Ararat in Abendstimmung
Schon von Weitem ist er zu sehen, schneebedeckt, die Spitze in Wolken gehüllt - der heilige Berg Ararat. Über kaum ein Gebirgsmassiv gibt es so viele Mythen und Legenden.

Buntes Treiben in der Grenzstadt Dogubayazit. Mit unseren Kameras sind wir hier die Attraktion. Der Ort gilt als Hochburg der Schmuggler. Über die Berge zwischen der Türkei, dem Iran und dem Irak wird so ziemlich alles geschmuggelt, was man sich nur denken kann.
Vor allem Schnaps und Zigaretten. Der "kleine Grenzhandel" ist fest in der Hand kurdischer Clans. Das ganze Jahr über ziehen Karawanen von Pferden und Eseln übers Gebirge. Die Soldaten und Zöllner auf beiden Seiten verdienen oftmals mit. Die Schachtel Zigaretten kostet hier eine türkische Lira, also 50 Cent.

Am Nachmittag drehen wir den berühmten Ishak Pasha Palast, das "Neuschwanstein" Anatoliens. Die Führung übernehmen zwei türkische Teppichhändler, die lange in Deutschland gelebt haben und jetzt am Eingang des Palastes Touristen abfangen, um sie zu einem Tee in ihren Laden zu locken.
Am frühen Abend dann der schönste Moment: Wir drehen den majestätischen Ararat mit dem letzten Licht.
Die Nacht im gleichnamigen Hotel dagegen ist nicht der Rede wert.

Johannes Unger

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