Auf dem Weg nach Turkmenabat; Quelle: Ingo Aurich
Auf dem Weg nach Turkmenabat

Etappe 2, Teil 2 - Mary - Samarkand (04.-14.10.12)

Vom zentralasiatischen Mary (Turkmenistan) bis in eine der ältesten Städte der Welt: Samarkand (Usbekistan). Von einem eigenwilligen Diktator, freundlich gelangweilten Einwohnern und einer einladenden Oase.

 
Auf der Fahrt nach Mary, Turkmenistan; Quelle: Ingo Aurich
Auf der Fahrt nach Mary
4. Oktober 2012 - Schon am Vormittag erreichen wir den Grenzort Sarahks. Auf der turkmenischen Seite soll Sergej auf uns warten, unser russischer Fernsehkollege und Freund, der schon bei vielen Produktionen dabei war.

Er ist vor zwei Wochen in Moskau gestartet und ist unsere geplante Route durch Turkmenistan, Usbekistan und Kirgistan aus entgegengesetzter Richtung abgefahren, insgesamt 7500 Kilometer - mit dem Auto, das uns vor zwei Jahren für die Produktion "Immer ostwärts" von Berlin nach Wladiwostok gebracht hat.

Dass wir Visa und eine Drehgenehmigung für Turkmenistan bekommen haben, grenzt an ein Wunder. Die deutsche Botschaft in Ashgabat hat sich sehr für uns eingesetzt. Die Weltöffentlichkeit weiß wenig über diese ehemalige Sowjetrepublik.

Nach der Unabhängigkeit wurde das Land von einem höchst eigenwilligen Diktator regiert, der eine Art eigene Bibel schrieb und sich sogar zum Propheten ausrufen ließ. In Sachen Pressefreiheit stand das Land lange Zeit auf dem drittletzten Platz, dahinter nur noch Eritrea und Nordkorea. Keine günstigen Vorzeichen, so scheint es.

Die Ausreiseformalitäten auf iranischer Seite dauern quälend lange, angeblich sind die Computer ausgefallen. Dieser Übergang wird fast nur von LKW Fahrern und turkmenischen Kleinhändlern genutzt. Dann freundlicher Abschied von unseren iranischen Begleitern.

Den ersten Grenzposten auf turkmenischer Seite passieren wir noch relativ problemlos. Doch am Hauptgebäude ist Schluss. Der Grenzoffizier, zu dem uns Soldaten führen, gibt uns zu verstehen: Die Angaben in unserer offiziellen Einladung stimmen nicht mit denen in unseren Pässen überein.

Die Einreise könne nicht erfolgen. Wir schauen ungläubig, später ratlos, dann verzweifelt. In den Iran können wir nicht zurück, wir sind dort mit Stempel ausgereist und unser Visum ist abgelaufen.

Zum Glück kommt Sergej begleitet von einem Wachposten in das Büro des Offiziers. Er kann auf russisch helfen. Es beginnen stundenlange Klärungen, Verhandlungen und Telefonate. Der Hintergrund: Die deutsche Botschaft hatte unsere Passdaten verwechselt. Am Ende kann das Problem im turkmenisch-russisch-deutschen Dreiecksgesprächen gelöst werden.

Nach rund 10 Stunden an der Grenze dürfen wir einreisen. Wir sind die letzten Fahrzeuge, die abgefertigt werden. Ein ganzes Heer von Wachsoldaten, Zöllnern und Inspekteuren kümmert sich um uns. Die Anzahl der nötigen Formulare und Stempel ist beachtlich.

Sergej ist in Begleitung eines Kollegen vom turkmenischen Fernsehen gekommen. Dieser hat bei der Einreise tatkräftig geholfen. Es ist zu vermuten, dass er in Wahrheit zum Geheimdienst gehört, so wie etliche freundliche Herren, die uns von nun an unauffällig begleiten.

Nach stundenlanger Fahrt über katastrophal schlechte Strassen mit unzähligen Huckeln und Schlaglöchern erreichen wir um 3Uhr in der Frühe die Provinzhauptstadt Mary. Das Hotel stammt noch aus sowjetischen Zeiten und ist seitdem offenbar auch nicht ernsthaft renoviert worden.
Trauertag zum Gedenken an die Erdbebenopfer 1948; Quelle: Ingo Aurich
Trauertag zum Gedenken an die Erdbebenopfer 1948
5. Oktober 2012 - Das Schöne an den Dreharbeiten für solche Roadmovies ist dies: Man kann am Abend über einen misslungenen Dreh, einen quälend langen Grenzübertritt oder ein schlechtes Hotel noch zutiefst deprimiert sein, am nächsten morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Die Provinzhauptstadt Mary präsentiert sich in Sonntagslaune. Heute beginnen die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag, die insgesamt drei Wochen dauern. Von der Hauptstrasse dröhnt Musik hinauf zum Hotel. Viele junge Leute proben offensichtlich einen Volkstanz. Mittags soll es eine große Zeremonie vor der Provinzregierung geben. Nach einigen Telefonaten gibt der Begleiter vom Geheimdienst grünes Licht. Wir dürfen das Fest drehen.

Aus allen Richtungen strömen in Trachten gekleidete Menschen zum Festplatz, die Männer teilweise mit Reiteruniformen und Fellmützen, die Frauen in leuchtend bunten Samtkleidern. Dazu überall Blumen und grüne turkmenische Fahnen. Auf der Bühne wechseln sich verschiedene Sänger, Musiker und Tanzformationen ab. Das Publikum sitzt und steht in Reih und Glied und winkt mit Kunststoffblumen und Fähnchen.

Die Teilnehmer der Veranstaltung wirken nicht euphorisch aber auch nicht lustlos, eher ein wenig freundlich gelangweilt. In der ersten Reihe sitzen bärtige, grauhaarige alte Männer mit Pelzmützen, an den Rändern viele Mädchen und Jungen, die offenbar schulfrei haben und zur Festveranstaltung beordert wurden. Unsere Anwesenheit löst Getuschel und Gekicher aus. Und über allem wacht, auf einem riesigen Gemälde, der neue Präsident Turkmenistans. Ganz offensichtlich nimmt er das Erbe seines Vorgängers, des "Vaters aller Turkmenen", äußerst ernst.
Bestaunen der ältesten Pferderzuchtrasse der Welt - Achal-Tekkiner; Quelle: Ingo Aurich
Bestaunen der ältesten Pferderzuchtrasse der Welt - Achal-Tekkiner
6. Oktober 2012 - Am Morgen laufen die Verhandlungen mit dem Geheimdienst, was wir auf unserer Strecke drehen dürfen. Das Ergebnis ist für uns mehr als ernüchternd. Erlaubt ist einzig der Besuch der staatlichen Rennbahn am Stadtrand von Mary.

Die Anlage gleich neben dem neuen Flughafen hat riesige Ausmaße, das Hauptgebäude mit den Tribünen strahlt in weißem Marmor - und über dem Eingang, wie nicht anders zu erwarten, ein Bild des neuen, großen Führers aller Turkmenen.

Den Präsidenten haben wir nun schon in den unterschiedlichsten Varianten im Großformat kennengelernt - als weit blickenden Staatsmann, als entschlossenen Oberbefehlshaber, als mutigen Reiter auf einem Schimmel sowie als weisen Arzt in weißem Kittel. Dazu muss man wissen, dass Präsident Berdymuchamedow der Leibzahnarzt seines Vorgängers, des großen "Turkmanbashi" gewesen ist. In seinem Land sorgt der neue Diktator als gelernter Dentist nun für aseptische Verhältnisse.

Immerhin: Wir dürfen die Lieblingssportart des großen Führers, den Pferdesport, drehen. Der Leiter der Zuchtstation erläutert uns die Bedeutung des Pferdesports für das Volk der Turkmenen, und fünf Achal-Tekkiner-Pferde samt Reitern in Tracht stehen für uns Spalier. Am Ende dürfen wir sogar ein kleines Rennen mit einem unserer Autos drehen. Die Achal-Tekkiner sind wirklich anmutige Pferde, die älteste Zuchtrasse überhaupt. Schon der antike Geschichtsschreiber Herodot hat sie beschrieben.

Mehr Zugeständnisse macht der Geheimdienst nicht. Keine weiteren Drehs. Wir fahren deshalb Richtung Turkmenabad im Osten. Mittagspause in einer lebendigen Raststätte mit einer freundlichen Wirtsfamilie. Endlich ein paar schöne Bilder.

Wir durchqueren auf schnurgerade Straße die Wüste Karakum. In der Hoffnung auf authentische Impressionen bitten wir darum, am Rande eines Naturschutzgebietes über Nacht campieren zu können. Dies wird ausnahmsweise gestattet. Es wird zumindest ein schöner Abend am Lagerfeuer. Kontaktaufnahmen zur Bevölkerung sind nicht erwünscht. Zudem ist jeglicher Telefonverkehr mit Deutschland unterbrochen. Kein Netz.
Der Präsident Turkmenistans in einer Hotel-Lobby; Quelle: Ingo Aurich
Bild des Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow in einer Hotel-Lobby
7. Oktober 2012 - Unser Aufenthalt in Turkmenistan nimmt immer groteskere Züge an. Der neue Begleiter vom Geheimdienst, der uns seit der Provinzgrenze von Turkmenabad beaufsichtigt, lässt keinerlei Dreharbeiten mehr zu.

Als wir im Hotel in Turkmenabad ankommen, begrüßt uns mit ernster Mine der Präsident über dem Eingang auf einem Gemälde. Das Hotel gehört einem Geschäftsmann, der mit Bildnissen des großen Führers ein Vermögen verdient hat.

Wir wollen in der Stadt Impressionen drehen, aber unser Aufpasser verbietet jegliche Drehs. Allein an der Statue des verstorbenen "Turkmenbashi" dürfen wir drehen. Allerdings nur die Nebenfiguren, nicht den Führer selbst. Denn die Skulptur ist noch nicht vergoldet. Deshalb keine Erlaubnis.

Die Stadt ist im Übrigen fast menschenleer. Angeblich befinden sich die meisten Bewohner bei der Baumwollernte. Am Nachmittag dürfen wir immerhin harmlose Bilder von einer Hochzeit im Park und zwei Backgammon-Spielern machen. Zutiefst frustriert kehren wir ins Hotel zurück. Dort will ich im Internet-Café versuchen, eine Mail nach Deutschland zu schicken. Doch das Internet-Café ist geschlossen. Die Mitarbeiterin ist angeblich auch bei der Baumwollernte.
Platz in Turkmenabat; Quelle: Ingo Aurich
Platz in Turkmenabat
 Wer die politische Situation in diesem Land kennenlernen will, sollte einfach mal eine Weile Fernsehen schauen. Im Hotelzimmer ist nun gut Zeit dafür. Ich schalte die Nachrichten des staatlichen turkmenischen Fernsehens ein. Hier der Ablauf der Sendung:


Der Präsident am Schreibtisch lenkt die Staatsgeschäfte (ein Schreiber stenografiert im Stehen eifrig mit)
Der Präsident beim Empfang eines Staatsgastes aus Aserbaidschan
Der Präsident in weißem Trainingsanzug auf einer Baustelle für einen Trimm-Pfad.
Der Präsident grüßt aus schwarzem Mercedes-Geländewagen
Der Präsident in weißem Trainingsanzug auf einem Schimmel reitend
Der Präsident bei Kabinettssitzung mit Ministern, die alle gesengten Hauptes mitschreiben
Der Präsident empfängt eine deutsche Wirtschaftsdelegation (Deutsche Bank)
Der Präsident empfängt eine russische Wirtschaftsdelegation
Der Präsident empfängt weiteren Staatsgast eines mir unbekannten Staates
Alle Empfänge jeweils in einem anderen Saal

Der Präsident empfängt einen Vertreter der Vereinten Nationen, diesmal der Saal mit dem Pferdebild (zwei Schimmel vor blauem Himmel)
Noch einmal der Präsident bei der Kabinettssitzung (alle Minister mit Laptop-Attrappe in den Nationalfarben), nach und nach müssen alle Minister Bericht erstatten
Zum Abschluss der einstündigen Sendung: Wachwechsel vor dem Präsidentenpalast
Danach eine weitere Nachrichtensendung. Sie beginnt mit Bildern vom Abflug des Präsidenten zu einer Auslandsreise…
An der usbekischen Grenze; Quelle: Ingo Aurich
An der usbekischen Grenze
8. Oktober 2012 - Abfahrt aus Turkmenabad. Wir können es kaum erwarten, dieses Land, das offenbar überwiegend aus Mitarbeitern des Geheimdienstes besteht, zu verlassen. Ab dem Ausgang der Stadt müssen wir einen Parkour von Kontrollposten bewältigen. Erst Brückenzoll, dann Vorweisen des Beleges usw.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an die Grenze. Der Abschied von unseren Begleitern ist kurz und kühl. Die Abfertigung kann aber noch nicht erfolgen, weil der turkmenische Zoll Mittagspause macht. Das gibt uns Zeit für ein kleines Picknick auf dem Vorplatz und einen Fußballkick mit einem Grenzer. Wie gesagt: Fußball ist völkerverbindend.

Aus- und Einreise verlaufen dann glücklicherweise ohne größere Probleme. Nach den Erfahrungen im Lande Turkmenbashis waren wir etwas angespannt. Während der Wartezeit erzählt Sergej noch eine Anekdote über den neuen Präsidenten. Vor einiger Zeit wurden angeblich alle Gemälde und Abbildungen des Staatsführers entfernt und sämtliche Schulbücher eingezogen.

Der Grund: Die Regierung hatte verfügt, dass nur noch Bildnisse des Präsidenten gezeigt werden dürfen, auf denen er volles, schwarz glänzendes Haar trägt. Über Nacht mussten nun alle Bilder nachkoloriert werden. Den Wahrheitsgehalt der Geschichte können wir nicht überprüfen. Undenkbar erscheint sie nicht.

Auf der anderen Seite der Grenze empfängt uns Larissa, unsere zukünftige Begleiterin, die uns das usbekische Reisebüro zur Seite gestellt hat. Auch gegenüber den usbekischen Stellen mussten wir unsere Reiseroute und die geplanten Themen anmelden. Dreharbeiten ohne Beaufsichtigung sind auch hier nicht erwünscht.

Dennoch empfängt uns das Land freundlich. Viele Menschen winken uns zu. Wir erreichen Buchara, als es schon dunkel ist. Larissa und ihr Fahrer lotsen uns zu einem unscheinbaren Haus am Rand der Altstadt. Ein Tor öffnet sich, und wir schauen in einen hell und freundlich gestalteten Innenhof mit Bäumen, einer Galerie und orientalisch geformten Fenstern. Die Wirtsleute begrüßen uns herzlich. Wir sind sicher: Im Gästehaus von Hassan und seiner Frau werden wir uns wohlfühlen.
Miri-Arab Koranschule, eine der größten von Buchara; Quelle: Ingo Aurich
Miri-Arab Medrese (Koranschule) in Buchara
9. Oktober 2012 - Buchara ist wirklich eine Oase. Hier können wir uns erholen. Das Team hat einen freien Tag. Hassan und seine Frau machen uns ein sehr schmackhaftes Frühstück, sogar mit Bohnenkaffee. Danach gehen Sergej und ich los, um die Stadt zu erkunden und mögliche Geschichten zu finden.

An der alten Festung mit ihren mächtigen Mauern vorbei schlendern wir in die Altstadt. Der Anblick ist wunderbar: eine orientalische Stadt, wie man sie sich als Filmkulisse vorstellt. Schlanke Minarette, prächtige Moscheen, blau leuchtende Iwane, mit Kuppeln überdachte Bazare, alte Karawansereien und mächtige Medresen. In der Blütezeit der Stadt an der Seidenstraße soll es hier allein 200 Koranschulen gegeben haben.

Im Zentrum der Altstadt liegt Labi Xauz, ein Platz mit einem großen Wasserbassin in der Mitte. Das Becken bildete das lebenswichtige Herzstück der Oasenstadt. Ein Kanal speiste den Speicher mit Trinkwasser. Wasserverkäufer trugen es auf Bestellung in alle Winkel der Stadt. In einer ehemaligen Karawanserei nebenan haben Künstler und Handwerker ihre kleinen Geschäfte eröffnet.
Bazar in Buchara; Quelle: Ingo Aurich
Bazar in Buchara
Einer von ihnen ist Davlat Savarov. Er gilt als der beste Maler und Kalligraf der Stadt. Wir bewundern seine kleinen Aquarelle und Zeichnungen mit orientalischen Motiven aus der Geschichte und verabreden uns für den nächsten Tag. Auf dem Rückweg kommen wir an der städtischen Tanz- und Musikschule vorbei. Auch dort wollen wir am nächsten Tag drehen.

In den unzähligen Shops und Souvenirläden gibt es viele schöne Dinge zu kaufen: Stickereien, Taschen, Seidentücher, Pelzmützen, Schmiedearbeiten sowie Gold- und Silberschmuck. Buchara hat längst den Tourismus entdeckt und lebt offenbar gut davon.

Am Abend führt uns Larissa, unsere usbekische Betreuerin, in ein schönes Restaurant mit Dachterrasse. Buchara ist wirklich eine Oase. 
Blick vom Minarett über Buchara ; Quelle: Ingo Aurich
Buchara vom Minarett aus
10. Oktober 2012 - Thomas und Ulli stehen heute morgen früh auf. Sie wollen von einem Wasserturm aus den Sonnenaufgang über Buchara filmen. Es werden fantastische Bilder....

Wir besuchen den Maler Davlad Savarov in der kleinen Karawanserei, die nun ein Kunstgewerbehof ist. Er zeigt uns seine gemalten Geschichten aus 1000 und 1 Nacht. Mit dabei sind auch seine Zwillingstöchter, die er in die Kunst der Kalligrafie eingewiesen hat. Davlad hat den beiden Mädchen klangvolle Namen gegeben: Die eine heißt Mohigul (Mondblume), die andere Mardzhona (Perle).

Davlad ist ein nachdenklicher Mann. Schon früh hat er sich entschieden, Maler zu werden. In Taschkent hat er an der Kunsthochschule studiert und ist dann nach Buchara gekommen, um die fast in Vergessenheit geratene orientalische Malkunst und Kalligrafie wieder aufleben zu lassen. Zu Sowjetzeiten passte sie nicht ins Bild.

Davlad gibt sich zudem als gläubiger Muslim zu erkennen. Er lese jeden Tag im Koran. Dies diene auch dazu, die für die Malerei so wichtige Sehkraft zu erhalten. Am Ende malt uns der Kalligraf aus Buchara noch einen Schriftzug auf ein Stück Papier: "Alles ist in Gottes Hand!"

Am Nachmittag drehen wir in der staatlichen Schule für Musik und Folklore. Junge Tänzerinnen proben für ihren Auftritt am Abend usbekische Volkstänze. Einige Musiker begleiten sie auf traditionellen Instrumenten. Die Tanzlehrerin, Salomat Rachmonowa, erzählt uns, wie beliebt usbekische Volksmusik auch bei jungen Menschen sei.
Sie wählt die Tänzerinnen für ihre Gruppe auf dem Konservatorium aus. Eine von ihnen ist Mechriniso Nasarowa. Die 19jährige beschreibt uns voller Freude, was ihr der Tanz bedeutet. Am Abend drehen wir das Ensemble bei einer Folkloreveranstaltung für Touristen. Sieht man davon ab, dass an diesem Abend auch Orientteppiche und Heizdecken verkauft werden könnten, ist es ein malerischer Anblick.
Abendessen bei Davlad Savarov; Quelle: Ingo Aurich
Abendessen bei Davlad Savarov
Danach wollen wir noch zu Davlad, dem Maler. Er hat uns zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Doch es kommt zum Eklat. Larissa, unsere offizielle usbekische Begleiterin, interveniert. Unser geplanter Besuch sei bei den zuständigen Stellen nicht angemeldet.

Das Ministerium würde den Dreh als unfreundlichen Akt werten. Wir überlegen eine Weile, wollen weder einen offenen Konflikt mit den Behörden riskieren noch unseren Gastgeber enttäuschen. Wir entscheiden, der Einladung zu folgen - allerdings ohne Kamera. Es wird ein höchst interessanter Abend.

Spät dann heißt es noch Abschied nehmen von Natalie Amiri, der geschätzten Kollegin, die uns sicher durch den Iran gelotst hat und uns allen zur Freundin geworden ist. Am frühen Morgen wird sie mit dem Zug nach Samarkand fahren und dann weiter mit dem Flieger nach Deutschland. Unsere Reise ist auch ein ständiges Kommen und Gehen....
Zwischenstop in Nurata; Quelle: Ingo Aurich
Zwischenstop in Nurata mit der heiligen Quelle Chashma
11. Oktober 2012 - Abschied von Buchara, der bislang schönsten Stadt auf unserer Reise. Doch der Konflikt mit Larissa vom Vorabend wirkt nach. Was werden wir auf unserer Fahrt durch das Land überhaupt drehen dürfen?

Die Erteilung der Visa und der Akkreditierung hat das usbekische Außenministerium an die Auflage gebunden, dass wir eine Reisebegleitung erhalten und ein eher touristisches Programm absolvieren sollen.

Was das konkret bedeutet, zeigt sich bei der Fahrt durchs Land. Wir dürfen weder die vielen Menschen bei der Baumwollernte am Straßenrand zeigen noch die langen Schlangen von Autos an den Tankstellen. Diesel und Benzin sind streng rationalisiert. Der Sprit wird dringend für die Erntefahrzeuge benötigt.

Drehen dürfen wir dann die Quellen von Nurota, ein Ort, den Alexander der Große gegründet hat. Hier wartete er zwei Jahre mit seinen Truppen, um die Stadt Samarkand einzunehmen. Dem Quellwasser werden heilende Kräfte nachgesagt. Die Einheimischen kommen mit großen Kanistern, um ihren Trinkwasserbedarf zu decken, und auch wir füllen unsere Vorräte auf.
Von Menschenhand gemachter See, der zusnehemd versalzt; Quelle: Ingo Aurich
Abendstimmung am Aydarko'l See
Danach geht es in die Wüste nördlich von Nurota. Die ausgedorrte, leicht wellige Steppenlandschaft bietet zunächst keine Überraschungen. Doch dann, hinter einer Hügelkette, wollen wir unseren Augen nicht trauen: Vor uns glitzert eine Wasseroberfläche bis zum Horizont. Keine Fata Morgana, sondern der Aydarko'l See, ein riesiges Gewässer mitten in der Wüste. Seine Existenz verdankt der Aydarko'l menschlicher Fehlplanung. Zu Sowjetzeiten konnte der riesige Tschardarja-Staudamm im heutigen Kasachstan die Fluten des Flusses Syrdaja nicht mehr aufhalten. Gigantische Wassermassen wurden in die Wüste geleitet. Dies ist der Ursprung des Sees.

Wir übernachten in einem Jurten-Camp unweit des Aydarko'l inmitten der Steppe. Der Himmel ist sternenklar.
Aufwachen im Jurtencamp, nahe des Aydarko'l Sees; Quelle: Ingo Aurich
Aufwachen im Jurtencamp in der Wüste
12. Oktober 2012 - Als wir am Morgen aus unseren Jurten krabbeln, steigt die Sonne über der Wüste auf. Einige Kamele warten auf Touristen und lassen sich die Höcker von den ersten Strahlen erwärmen.

In der Nähe des Camps haben wir am Vorabend eine kleine Lehmhütte entdeckt. Sie ist das Zuhause einer Hirtenfamilie. Askar Schulbajew und seine Frau Dona haben uns eingeladen, ihr Heim und ihren Alltag kennenzulernen. Sie gehören der kasachischen Minderheit in Usbekistan an. Die meisten Kasachen sind Nomaden und Viehhirten. Und so ist es auch mit den Schulbajews. Ihre beiden großen Kinder sind bei den Großeltern im Dorf, der kleine Mecherbek hier draußen in der Steppe. Askar präsentiert uns stolz seine 160 Schafe, Kühe und Ziegen. Dona backt für uns leckeres Fladenbrot. Ein schönes Frühstück mitten in der nordusbekischen Einsamkeit.

Die Stecke nach Samarkand führt entlang eines langgezogenen Gebirges durch karge Steppenlandschaft. Als wir der Stadt näherkommen, ändert sich die Vegetation. Es wird grün, die Felder werden bewirtschaftet. Wir starten noch einmal den Versuch, junge Landarbeiter bei der Baumwollernte zu drehen. Diesmal schreitet ein örtlicher Sicherheitsmann ein.

Am Stadtrand von Samarkand wollen wir tanken. Doch alle Tankstellen sind geschlossen. Larissas Fahrer telefoniert dezent mit seinem Handy. Dann lotst er uns zu einer Art Gewerbehof. Misstrauische Pförtner öffnen nach einigen Handzeichen das Tor. Dahinter ein großer Platz mit vielen Lastwagen - eine illegale Tankstelle. Auf dem freien Markt gibt es keinen Diesel. Einzige Rettung ist der Schwarzmarkt. An diesem Ort, so zeigt sich, wird nicht nur mit Treibstoff gehandelt, sondern auch mit Zigaretten und Alkohol. Und auch Frauen kann man hier stundenweise erwerben. Ich frage Larissa halb im Scherz, ob wir denn diese interessante Sehenswürdigkeit filmen dürften. Larissas Antwort ist ein eisiges Schweigen.
Am Abend erreichen wir Samarkand, die legendäre Stadt an der Seidenstraße. Auf den ersten Blick sieht sie nicht unbedingt orientalisch aus, vielmehr sowjetisch. Am nächsten Tag wollen wir sie erkunden, sofern dies Larissas gänzlich andere Reiseplanung überhaupt zulässt.
Chefwinzer Fjodor Fjodorow bei der Weinverkostung
Chefwinzer Fjodor Fjodorow bei der Weinverkostung
Sonnabend, 13. Oktober 2012 - Unseren Einstand in Samarkand haben wir uns eigentlich etwas anders vorgestellt. Gestern Nachmittag waren wir noch durch die Stadt gefahren und gerieten am Registon-Platz zufällig in eine Hochzeitsgesellschaft. Der stolze Bräutigam hatte uns zur Feier des Paares eingeladen. Im Gegenzug sollten wir ihm aus Deutschland drei Trikots von Bayern München schicken.

In der Hoffnung auf eine schöne Geschichte hatten wir zugesagt – aber die Rechnung ohne unsere Reiseleiterin gemacht. Larissa geriet außer sich. Wir könnten doch nicht einfach zu einer Hochzeit von wildfremden Menschen gehen. Dies sei nicht abgesprochen. Sie müsse leider das Ministerium informieren, und wir wären für die Konsequenzen verantwortlich.

Es folgte eine heftige Diskussion über Pressefreiheit und unsere Hoffnung, einen möglichst authentischen Film zu machen. Auch diesmal endet der Streit mit einem Kompromiss. Wir gehen nicht zu der Hochzeit, dafür verspricht uns Larissa, lebensnahe Themen anzubieten.

Am morgen überrascht sie uns mit der Offerte, wir könnten eine Weinprobe im berühmten Weinkeller von Samarkand drehen. Wir sind zunächst wenig begeistert, doch es wird ein lustiger und lehrreicher Dreh. Chefwinzer Fjodor Fjodorow führt uns nämlich in das allerheiligste seiner Anlage: den geheimen Weinkeller. Der hat eine ganz eigene Geschichte.
Edle Tropfen im versteckten Weinkeller; Quelle: Ingo Aurich
Edle Tropfen im versteckten Weinkeller
Zu Zarenzeiten kam ein reicher Graf namens Turgeniew nach Samarkand und wollte den Weinbau fördern. Er beauftragte einen Experten mit der Errichtung eines Weingutes. Dieser Herr Filatow ließ hinter dem eigentlichen Weinkeller eine kleine Grotte mauern.

Dort lagerten fortan die besten Flaschen der ganzen Gegend. Als einige Jahre später die roten Revolutionäre heranmarschierten, befahl Filatow, den unterirdischen Raum zuzumauern. Danach verschwand der gräfliche Winzer auf nimmer Wiedersehen.

Erst etliche Jahrzehnte später erinnerte sich ein Mann, der als Junge bei den Maurerarbeiten geholfen hatte, an den geheimen Weinkeller. Das Verließ wurde geöffnet, und zum Vorschein kamen die edlen Tropfen des Grafen Turgeniew. Und so liegen sie da bis heute.

Die letzte Einstellung unseres Drehs: Fjodor Fjodorow, der Chefwinzer, hat uns eine Flasche „Samarkand“-Cognac mitgegeben. Wir besorgen uns ein paar Gläser und stellen das Ensemble auf die Stufen der großen Koranschule am Registon. Samarkand im Sonnenuntergang. Teil 2 von fernOST ist abgedreht.
Auf dem Weg nach Taschkent; Quelle: Ingo Aurich
Auf dem Weg nach Taschkent
14. Oktober 2012 - Ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen. Als um 5.30 Uhr der Wecker klingelt, spüre ich, warum. Mein Magen-Darm-Trakt explodiert. Montezumas Rache reicht bis Usbekistan. Die Kollegen im Team sind auch angeschlagen, schwere Erkältung oder Magenprobleme, wahlweise oder gleichzeitig.

In der Morgendämmerung bringen mich Larissa und ihr Fahrer zum Flughafen von Samarkand. Unsere usbekische Reisebegleiterin ist zornig. Sie hätte uns ausdrücklich vor dem Besuch dieses Restaurants gewarnt. Eine halbe französische Reisegruppe sei ihr vor einiger Zeit dort vergiftet worden....

Die Jungs schlafen noch. Sie werden heute nach Taschkent weiterfahren. Dort soll Christian Klemke, einer unser erfahrensten Regisseure, für die dritte Etappe dazu stoßen. Es hat sich entschieden, dass unser Team eine neue Route nehmen muss. Die chinesischen Behörden haben einer Fahrt durch Tibet nach Nepal nicht zugestimmt. Die komplette Streckenplanung muss nun neu gemacht werden. Visa, Drehgenehmigungen, Flüge, Übernachtungsmöglichkeiten, Benzinkosten... Die Kollegen bei der BASIS haben alle Hände voll zu tun. Wer durch Asien reisen will, braucht gute Nerven.

Das Einchecken am Flughafen funktioniert problemlos - sieht man von dem Höllenfeuer in meinem Unterleib ab. Der Usbekistan Airways Flug nach Moskau hebt pünktlich ab. Die Jungs schlürfen vermutlich zeitgleich ihren Morgentee. Dann werden sie die Autos beladen und losfahren. Auf allerlei Wegen durch Asien. Richtung fernOST.


Johannes Unger

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