Ankunft im subtropischen Gebiet; Quelle: Ingo Aurich
Ankunft im subtropischen Gebiet

Reisetagebuch Etappe 4, Teil 2 - Linxia - Lashio (16.-26.11.12)

Von Drehverboten, insbesondere wenn es um Tibet geht, von Ohrenschmerzen und einem Krankenhausbesuch und einem Volk, bei dem ausschließlich Frauen das Sagen haben.

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Manuela Jödicke führt Regie dieser Etappe, die uns von Linxia über Luguhu nach Lashio bringt. Eva Kemme, Produzentin von der BASISberlin, schreibt das Reisetagebuch mit.
Morgens ganz früh in Lanxia auf; Quelle: Ingo Aurich
Morgens ganz früh in Lanxia
Freitag bis Sonntag, den 16.11.- 18.11.2012 - Am Morgen des 16. brechen wir auf in Richtung Chengdu. Dies wird also ein "Fahrtag" ohne Kamera - durch eine sanft hüglige Region, die stark muslimisch geprägt ist. Von der Straße aus entdecken wir einen kleinen Viehmarkt - eine Frau zieht ihren widerwilligen Bullen gerade von der Straße herunter ins Dorf, unten stehen die Männer in kleinen Gruppen zwischen den Tieren zusammen.

Bunt gekleidete Frauen kommen uns entgegen - dann wieder eine Polizeikontrolle, die wir ungehindert passieren und wir sind in Hezuo, der Stadt, durch die wir gestern nicht fahren konnten.
Sehr sympathische Weggenossen; Quelle: Ingo Aurich
Sehr sympathische Weggenossen
Sie liegt im autonomen Bezirk Gannan der Tibeter. In einem kleinen Dorf, das zu normalen Zeiten offenbar von Touristen überlaufen ist, halten wir an zum Mittagessen. "Hostel" steht über der Tür eines der windschiefen Häuschen.

Ausgerechnet hier treffen wir die Japanerin "Erika" aus Berlin, die mit ihrem spanischen Freund auch nach Tokio fährt, mit dem Fahrrad. Ein Jahr sind sie schon unterwegs und fasziniert von China. Allerdings geht es ihnen so wie uns - Tibet ist für sie tabu.
Stau in einem unbelüfteten Tunnel etwa 70km vor Chengdus; Quelle: Ingo Aurich
Stau in einem unbelüfteten Tunnel etwa 70 Km vor Chengdu
Wir wollen kurz vor Chengdu übernachten, um keine Zeit im Verkehr dieser großen Stadt zu verlieren. Doch die Tücken lauern woanders. Gegen 22.00 Uhr stecken wir fest in einem Tunnel. Offenbar haben sich an einem der Ausgänge Fahrzeuge ineinander verkeilt. Viele schimpfen, niemand stellt seinen Motor ab.

Dicke Luft. Wir nehmen die Sauerstoff-Flaschen, die wir noch an Bord haben und wollen uns alle in ein Auto setzen. Kein gutes, ein sehr hilfloses Gefühl. Da endlich, nach einer Dreiviertelstunde, rollt der Verkehr wieder und wir sind in Dujiangyan.

Die Stadt ist 2008 von einem Erdbeben stark zerstört worden. Man sieht davon kaum noch etwas. Glitzernde Lichterketten leuchten in der Nacht, großzügige Promenaden und Glaspaläste, moderne Wohnblocks in schier endloser Zahl. Oft werden sie auf "Vorrat" gebaut und sind noch nicht bezogen. Ein Versuch, die vielen Menschen unterzubringen. Schwer vorzustellen, dass all dies in nur vier Jahren entstanden ist.
Diagnose Mittelohrentzündung bei Ton-Man Uli; Quelle: Ingo Aurich
Diagnose Mittelohrentzündung bei Ton-Mann Uli
Am nächsten Morgen fühlt sich Uli, unser Mann für den guten Ton, nicht wohl. Seit einigen Tagen hat er Ohrenschmerzen und hört manchmal gar nichts mehr. Wir wissen nicht, ob das vielleicht mit den ständigen Höhenunterschieden, die wir zu überwinden haben, zusammenhängt. Dujiangyan soll ein gutes Krankenhaus haben - Gregor und Ingo nehmen Uli in die Mitte und wir fahren hin. Zahlreiche Schwestern mit Häubchen kümmern sich um Uli, die Pressereferentin kümmert sich um uns.

Nach etwa einer Stunde die Diagnose: Mittelohrentzündung. Wir hoffen, dass es Uli mit den verschriebenen Medikamenten bald besser geht und fahren weiter, den ganzen Tag.
Schöne Gegend auf dem Weg nach Luguhu; Quelle: Ingo Aurich
Schöne Gegend auf dem Weg nach Luguhu
Nach 500 km sind wir am Abend in Xichang, um dort zu übernachten. Unser nächster "richtiger" Halt - und darauf sind wir schon sehr gespannt - ist der Lugu -See an den südöstlichen Ausläufern des Himalaya. Dort lebt das Volk der Mosuo im Matriarchat, heißt es.

Zumindest sollen die Frauen das Sagen haben. Die Jungs überlegen, wie sie das finden. Ingo schreibt auf facebook: "Wünscht uns Glück". Vorerst müssen wir noch etwa 250 Kilometer holperige Gebirgsstraßen überstehen. Und so ist der Sonntag wieder ein Fahrtag.
Luguhu; Quelle: Ingo Aurich
Luguhu - der Lugu-See
Montag bis Dienstag, den 19.11.2012 - 20.11.2012 - Der Süden ist zu spüren. Es sind 15 Grad plus - auf dem Lugu-See sind einzelne Boote unterwegs. Das Wasser ist spiegelglatt und die Berge wirken wie Filmkulissen. "Wollen wir nicht hierbleiben?" fragt Ingo und mit diesem Wunsch ist er nicht allein.
Hier verbringen die Chinesen ihren Urlaub, vor allem die Reichen.
Kulturreferentin von Luguhu, La Zu mit dem Sandmann; Quelle: Ingo Aurich
Kulturreferentin von Luguhu, La Zu mit dem Sandmann
Bei unserer Ankunft sind wir mit La Zu, der Kulturreferentin von Luguhu verabredet. Als unser chinesischer Begleiter ihr erzählt, dass wir jemanden aus dem Volk der Mosuo kennen lernen wollen, stutzt die überaus moderne attraktive junge Frau kurz und lädt uns zu sich nach Hause ein. Sie wohnt auf einem Bauernhof. Das flache Haupthaus ist 200 Jahre alt, links und rechts von neu gebauten dreistöckigen Gebäuden flankiert. Hinter dem Wohnhaus leben zehn Schweine, daneben ein Maisfeld.
Frühstück bei der Mosuo-Familie; Quelle: Ingo Aurich
Frühstück bei der Mosuo-Familie von La Zu
Feuer knistert behaglich, durch die Dachluke fällt etwas Licht in den fensterlosen Raum, in dem ständig der Rauch hängt. Wir sind im Haus von La Zus Mutter. Sie ist eine Mosuo und die Chefin hier, eine bedächtige 57jährige Frau mit warmer, dunkler Stimme. Sie stellt uns ihre beiden Brüder, zwei Schwestern, eine Cousine, den 12 jährigen Sohn vor - die Großfamilie.
La Zus Mutter regiert den Hof und die Großfamilie; Quelle: Ingo Aurich
La Zus Mutter regiert den Hof und die Großfamilie
Als wir wissen wollen, wie der Haushalt funktioniert, erklärt sie kurz und knapp: Die Entscheidungen treffe sie. Sie berate sich, aber das letzte Wort habe sie. Eine der großen Entscheidungen betraf die Verpachtung der neuen Gebäude. Sie hatte die Idee, an einen Hotelbetreiber zu vermieten und hat es nicht bereut.

Der etwa 55jährige Bruder nickt bekräftigend. Und wie kommt er damit klar, dass seine Schwester bestimmt? Die Tischgesellschaft bricht in Gelächter aus. "Wir sind daran gewöhnt" - meinen die beiden Männer in der Runde, "das ist schon immer so".
Der Hof von La Zus Mutter; Quelle: Ingo Aurich
Der Hof von La Zus Mutter
Bei den Mosuo leben die Verwandten der Großmutter unter einem Dach - ihre Kinder, Enkelkinder, Schwestern und Brüder. Eine Ehe gibt es nicht. Nach Einbruch der Dunkelheit kommen die Männer zu den Frauen und kehren am nächsten Morgen in ihren mütterlichen Haushalt zurück. Mehrere Partner sind sowohl für die Frauen als auch für die Männer im Laufe ihres Lebens normal, nicht jedoch zur gleichen Zeit.

Wenn Männerbesuch im Haus ist, hängt der nächtliche Gast draußen seinen Hut an den Haken - eine eindeutige Situation. Besuchsbeziehungen - ohne langwierige Scheidungs-Streitigkeiten.

Der Vater von La Zu ist schon tot. Hat ihre Mutter sich noch einmal umgesehen?
"Wenn es die richtige Liebe war, hält sie lange" sagt sie. Nein - sie habe nicht noch einmal geguckt.

Auf dem Hof hält ein Reisebus. Seit die im Tempelstil errichteten Nebengebäude als Hotel genutzt werden, lebt die Großfamilie nicht nur von der Landwirtschaft. 1992 haben die chinesischen Reiseagenturen den Ort in ihre Kataloge aufgenommen. Es ist nicht selten, dass Reisende die Lebensweise der Mosuo als Einladung zum Sextourismus betrachten, dennoch ist La Zu mit dem Tourismus einverstanden.
Im Innenhof von La Zus Mutter; Quelle. Ingo Aurich
Im Innenhof von La Zus Mutter
Für die Entwicklung des Ortes sei es gut.
Nur einmal war sie lange fort, als sie studierte. Sie hätte nicht zurückkommen müssen. Aber es zog sie zurück ins Haus ihrer Mutter an den Lugu- See. La Zu ist über zwanzig, aber noch keine 30 - eine taktvolle Umschreibung des "besten", des Heiratsalters. Da sie eine Arbeit hat, möchte sie heiraten - anders als die Frauen in ihrer Familie bisher und doch eine Mosuo bleiben.

Am Ufer des Lugu-Sees halten wir unsere Nasen noch ein wenig in den Wind, ein schönes Fleckchen Erde.

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