Von Golmud aus gehts 150 km weiter zu einem Pass auf 4800 Metern Höhe; Quelle: Ingo Aurich
Pass 150 km von Golmud entfernt mit Tibet-Bahn-Trasse in 4800 Meter Höhe

Reisetagebuch Etappe 4, Teil 1 - Golmud - Linxia (07.-15.11.12)

Von einem Gesundheitscheck beim „Pulsdoktor“, zwei kaputten Team-Wagen und dem höchsten Punkt unserer Reise.

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Unser Tag startete mit einem freundlichen Betongrau; Quelle: Ingo Aurich

Freitag, den 09.11.2012 - Nach einem herzhaften Frühstück mit Brühe und Pasteten, starten wir Richtung Chaka-Salzsee. 105 km² umfasst dieser typische Chlorid-Salzsee. Das Salz des Chaka wird in über 20 Provinzen und Städten, sogar nach Japan und Nepal verkauft. 440 Millionen Tonnen Salzreserven soll es hier geben.

Im Sommer können Touristen bei der Salzgewinnung zusehen. Aber wir haben 5 Grad Minus - der Betrieb hat Winterpause. Bedauernd werfen wir noch einen Blick auf die Salzstatuen, die im Sommer entstanden sind und fahren weiter. Wir bewegen uns in 3500 Meter Höhe und fahren vorsichtig über einen Gebirgspass. Endlos scheint die Schlange der Trucks, die uns in Schrittgeschwindigkeit entgegen schleichen.

Ein paar Interviews während des Staus; Quelle: Ingo Aurich

Dann sitzen wir fest. In einer Kurve vor uns ist ein Lkw abgerutscht. Neben uns, auf der Gegenspur, versucht ein Fahrer, seinen Sattelschlepper wieder flott zu machen.

"Hej Ihr, wenn Ihr aus Deutschland seid, dann guckt mal nach, was los ist" ruft der Nächste im Stau. "Schließlich fährt der da einen BMW, die gehen doch eigentlich nicht kaputt." Ringsum lacht alles. Von hinten kommt jemand mit Werkzeug für den Pannen-Lkw, es wird mit einer Art Flammenwerfer an der Achse gearbeitet und gehämmert. Inzwischen sitzen wir schon zwei Stunden fest.

Jürgen und Thomas haben gesehen, dass kleinere Wagen am liegengebliebenen Truck auf unserer Seite vorbeikämen, wenn die Gegenspur nur kurze Zeit frei wäre.

Wir sind froh, endlich weiter zu kommen, da wir noch eine langes Strecke vor uns haben; Quelle: Ingo Aurich

Schließlich beginnen sie, den Verkehr zu regeln und wir können weiterfahren. Was für eine Erleichterung, denn es hat angefangen zu schneien.

Langsam verändert sich die Landschaft. Kaum noch Berge, dafür weites Land, soweit man sieht und große Yak-Herden. Wir sind am Quinghai-See, dem größten See Chinas.

Dann liegt der riesige Qinghaisee vor uns; Quelle: Ingo Aurich

Im Sommer ist hier ein Vogelparadies, das von Touristen überrannt wird. Jetzt ist er an einigen Stellen schon zugefroren - die Sonne taucht ihn in kaltes Licht. Am Abend haben wir Xining erreicht und checken diesmal ohne Schwierigkeiten ein.

Schönen Sonntag aus Xining!; Quelle: Ingo Aurich

Samstag/ Sonntag/ Montag, den 10./ 11./12. 11.2012 - Unglücklicherweise fällt unsere Reise in die Zeit des 18. Parteitages der KP Chinas. Die Sicherheitsvorkehrungen sind immens und wir müssen bei jedem Interview unseren chinesischen Begleiter fragen.

Mehrere Selbstverbrennungen von Tibetern überschatten den Beginn des Parteitages. Im Kreis Tongren, hier in der Provinz Qinghai, hat sich am Mittwoch ein Mensch aus Protest gegen den Umgang mit der Minderheit angezündet. Das Frauenkloster, in dem wir drehen wollten, liegt in einem Gebiet, in dem Tibeter leben. Das ist der Grund für das Drehverbot. Wir sind ratlos - und hoffen, dass es nicht so weitergeht.

Unser Van „Maggi“ hat Probleme mit der Servolenkung; Quelle: Ingo Aurich

Für unsere beiden Fahrzeuge haben wir eine Werkstatt gefunden. "Vasco" braucht eine Reparatur an der Frontseite, die Servolenkung von "Maggi" hört sich nicht gut an.

Dann die Hiobsbotschaft: Die Hydraulikpumpe an der Lenkung ist defekt und muss aus Deutschland geliefert werden. Es ist Sonntag und Eva erreicht nur den Anrufbeantworter der Hotline von VW.

Der Markt von Xining; Quelle: Ingo Aurich

Thomas und Jürgen haben inzwischen einen Markt um die Ecke entdeckt. Wir bringen in Erfahrung, dass es der größte bäuerliche Großhandelsmarkt im Nordwesten Chinas ist. Vorerst wird uns erlaubt, zu drehen - doch da wir auf dem Markt nicht angemeldet sind, ohne Interviews.

Dann tauchen wir in das Gewirr von Händlern, dreirädrigen Motorkarren, hochbeladenen Trucks, durcheinander quirlenden Menschenströmen ein und wir sind fasziniert. Auf 16 000 Quadratmetern findet man, was das Herz begehrt: Kohl, Lauch, Rettich, Knoblauch, Rosenkohl, Tomaten, Gurken und viele Gemüse- und Obstsorten, die wir nicht kennen. Alles zu wesentlich niedrigeren Preisen als in den Supermärkten.

Mit einem kleinen Feuerchen hält man sich hier bei Laune; Quelle: Ingo Aurich

Dann endlich dürfen wir auch Interviews drehen. Es sind 10 Grad Minus. Um eine kleine Feuerstelle herum sitzen Händler und spielen Schach, nebenan tauschen drei Frauen kichernd Neuigkeiten aus.

Schöne Augen!; Quelle: Ingo Aurich

Am Fischstand heften wir uns an die Fersen eines Kochs, der gerade seinen Einkauf verhandelt. Ob wir da vielleicht am nächsten Tag in seinem Restaurant drehen können? Wir werden es versuchen. Und es klappt tatsächlich. Wir werden für Montag eingeladen.

Inzwischen wird die Zeit für unsere Strecke knapp. Eva telefoniert endlos - und muss damit klarkommen, dass wir einen Zeitunterschied von 7 Stunden haben. Montagmorgen um 8.00 Uhr chinesischer Zeit schläft in Berlin noch alles.

Aber wir haben in den nächsten zwölf Tagen 4.000 km vor uns und keine Autos. Am späten Nachmittag ein Anruf von VW - in einer Woche könnte das Ersatzteil da sein. Auch der Weltvertrieb von VW meldet sich und versucht, zu helfen. Jürgen hat noch eine andere Idee. Ein befreundeter Chinese kauft das Teil in Deutschland und fliegt am Mittwoch nach Peking. Alle sind erleichtert - vielleicht können wir Donnerstag weiterfahren.

Ein schmerzfreier Chilischredderer! Als Gregor und ich näher treten bleibt uns die Luft weg; Quelle: Ingo Aurich

Wir drehen eine Chillischredderei und uns stockt vor scharfer Luft der Atem.
Der Chef des Kochs, den wir kennen gelernt haben, hat uns tatsächlich eingeladen.

In der engen Küche des Restaurants fängt Thomas unglaubliche Bilder von lodernden Flammen in den Woks, brüllenden Köchen und exotischen Gerichten ein.

Schnäpschen mit dem Chef; Quelle: Ingo Aurich

Und zum Abschluss? Ein Hoch auf die Mannschaft und uns mit einem zwanzig Jahre alten Schnaps.

Da wir länger in der Stadt bleiben, musste heute morgen ein Hotelwechsel vollzogen werden. Im neuen Hotel gibt es dafür die schicke Skyline von Xining zu sehen; Quelle: Ingo Aurich

Dienstag/ Mittwoch, den 13.11. und 14.11.2012 - Da die Pumpe für die Servolenkung von " Maggi" noch nicht da ist, müssen wir unfreiwillig in Xining ausharren. Ein positiver Nebeneffekt: Wir haben Zeit, die Stadt ein bisschen zu erkunden. Dabei entdecken wir das "Greenhouse". Wenngleich uns die chinesischen Mahlzeiten oft überraschen und meistens schmecken, gegen einen richtigen Kaffee haben wir nichts einzuwenden.

Den bekommt man hier - das kleine Bistro ist so etwas wie ein chinesisches Starbucks und Treffpunkt für junge Leute, manchmal auch Ausländer wie wir.
Wir sitzen hier und überlegen, welche Geschichten wir erzählen. Wir könnten etwas über den chinesischen Raupenpilz machen, dem man verblüffende medizinische Wirkung nachsagt.

Aber da dieses Thema mit einer tibetischen Familie gedreht werden müsste, bekommen wir die Genehmigung nicht. Thomas hatte von der Straße aus einen Tempel in großer Höhe in den Felsgrotten ausgemacht. Es soll sich um einen daoistischen Tempel handeln.

Tulou-Baishan-Tempel; Quelle: Ingo Aurich

Wider Erwarten fährt unser Begleiter mit uns einfach hin. "Der Kaiser ist weit, der Himmel ist groß" - so sagt ein chinesisches Sprichwort. Wir sollen einfach drehen - nur keine Interviews, die vielleicht morgen - wenn wir eine Genehmigung haben.

Die Nachmittags-Sonne schimmert auf die blaugelben Holzverzierungen am Dach des Tempels. Die Silhouette der Stadt ist von hier durch den Smog von Xining kaum zu erkennen.

Anblick des Tempels; Quelle: Ingo Aurich

Der Tulou-Baishan-Tempel schmiegt sich mit seinen drei Etagen so in den Berg, als sei dies nie anders gewesen. Auf einer Terrasse genießen wir die laue Luft. Mit einer Zigarette im Mund schlurft eine Nonne heran. Die Falten ihres schlauen Gesichts verraten Witz.

Sie sei 84, verrät sie uns und schon 30 Jahre im Kloster. Dann krächzt sie munter, dass es für sie besser sei, jetzt zu verschwinden - sie habe schon ein bisschen was getrunken. Wir sollen sie um Gottes Willen nicht drehen, wird uns bedeutet. Am nächsten Tag erfahren wir, warum. Sie ist die Großtante des Abts.

Das Kloster liegt an einem Berghang mit einem schönen Blick auf die Stadt...wenn bloß der Dunst nicht wäre!; Quelle: Ingo Aurich

Am 14. November wird das Guijie-Fest begangen, an dem in China der toten Seelen gedacht wird. Wir haben Glück und erleben deshalb quirliges Leben am Tempel. Die Angehörigen kommen und bringen Obst und Kuchen, damit es den Seelen ihrer toten Verwandten gut gehen möge. Die Morgenandacht findet in einer so feierlichen Atmosphäre statt, dass es uns durch Mark und Bein geht.

Der Abt gibt uns ein Interview und redet über das Prinzip des Wuwei, das Prinzip der Zurückhaltung, nach dem alles ohne Einfluss von außen zu geschehen hat. Als wir glauben, das Interview sei zu Ende, schlägt er das "Buch des Lebens" auf und sagt nachdrücklich: "Hier steht das wichtigste Prinzip des Daoismus. Du sollst nicht gierig sein."
Er weiß, dass es schwierig ist.

Abends treffen wir uns mit einem Vertreter der VW-Werkstatt von Xining auf dem
Flughafen. Wir warten auf Jin, der das Ersatzteil für "Maggi" aus Deutschland bringt. Als er landet, sind wir alle glückliche Besitzer einer dreibeinigen Hydraulikpumpe.

Frühsport in der Werkstatt; Quelle: Ingo Aurich

Donnerstag, den 15.11.2012 - Am frühen Morgen fahren wir zur VW-Werkstatt am Rande der Stadt, um "Maggi" abzuholen. Gregor freut sich besonders auf sie, es war kein schönes Gefühl ohne fahrbaren Untersatz. Wir platzen mitten in den Appell der Mitarbeiter hinein. In fast militärischem Zeremoniell werden die Angestellten auf guten Kundenservice und mehr eingeschworen.

Wir sind sicher, dass wir die anschließende rhythmische Sportgymnastik nicht ohne weiteres überstehen würden. Die Mitarbeiter hier haben eine dreijährige Ausbildung hinter sich. Der Meister, der den Einbau der Pumpe organisiert, schwört auf VW - aber BMW wäre auch nicht schlecht

Maggi sah ein bißchen so aus, als hätte sie in unserer Abwesenheit geweint; Quelle: Ingo Aurich

Dann geht die Hebebühne herunter und die Lenkung ist wieder in Ordnung.
Gegen Mittag verlassen wir Xining. Die von den offiziellen Stellen genehmigte Route über Yushu führt 4000 Meter hoch ins Gebirge und ist wegen starker Schneefälle nicht befahrbar. Die alternative Strecke ist die nach Chengdu, aber sie ist nicht genehmigt. Wir haben keine Wahl.

Chengdu ist 970 Kilometer entfernt. Etwa 500 Kilometer wollen wir heute fahren. Wir hoffen, gegen 21 Uhr auf der Strecke Quartier zu finden. Im Nachmittagslicht schimmert neben uns der Gelbe Fluss - gar nicht gelb, manchmal grünlich oder türkis. Thomas ist fasziniert, klettert mit Uli auf ein Felsmassiv in der Straßenbiegung und dreht.

15.11.2012 Gelber Fluss; Quelle: Ingo Aurich

Dann halten wir alle einfach einen Moment inne, ein schöner Augenblick.
Nach nur 200 Kilometern kommen wir in eine Polizeikontrolle der Ortschaft Tongren. Wir werden aufgefordert, umzukehren. Man sagt uns, die Schneefälle wären zu stark.

Der wahre Grund ist ein anderer: Wir müssten durch die Stadt Hezuo fahren. Die aber ist hermetisch abgeriegelt, weil dort Tibeter leben. Jemand hatte gesehen, dass Thomas aus dem Auto drehte und es gemeldet.

Luftverschmutzung; Quelle: Ingo Aurich

Xu Shusheng, unserem chinesischen Begleiter, gelingt es schließlich, die Polizisten umzustimmen, aber wir sollen Tongren umfahren. Damit wir das auch tatsächlich tun, eskortiert uns die Chefin des Amtes für Öffentliche Sicherheit persönlich mit Blaulicht die nächsten 150 Kilometer. Es ist absurd.

Wir hatten nicht vor, hier eine Geschichte über die tibetische Minderheit zu drehen. Aber man will offenbar verhindern, dass wir überhaupt irgend etwas über sie erzählen. Dann verlässt uns die Eskorte. Vorsichtig fahren wir über vereiste Gebirgspässe in 3500 Metern Höhe bei völliger Dunkelheit. Gegen 22 Uhr kommen wir in Linxia an.

Bis Chengdu sind es noch 700 Kilometer. Xu Susheng ist die Situation peinlich. So etwas ist ihm noch nie passiert. Da die morgige Strecke nicht offiziell genehmigt ist, dürfen wir nicht drehen. Die Kameras müssen im Kofferraum bleiben und sollen auch nicht zu sehen sein.

Manuela Jödicke
Eva Kemme

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