Erster Eindruck von Burma nachdem wir China hinter uns gelassen haben; Quelle: Ingo Aurich
Erster Eindruck von Burma nachdem wir China hinter uns gelassen haben

Reisetagebuch Etappe 5, Teil 1 - Lashio - Yangon (27.11.-07.12.12)

Vom feucht-tropischen und ländlichen Lashio geht es durch das Land  der 1000 Pagoden und lächelnden Burmesen bis in die alte Hauptstadt Rangun. Unsere Autorin Manuela Jödicke schreibt das Reisetagebuch.

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Weibliches Fingerspitzengefühl: Das Gold wird in Quadrate zugeschnitten und verkaufsfertig gemacht; Quelle: Ingo Aurich

Die Männer arbeiten für die 33jährige Chaw Su und ihre Familie. Die Geschäftsfrau sitzt mit einigen anderen Frauen im Nachbarraum und schneidet die Goldplättchen. Fast alle sind Familienangehörige. Seit einhundert Jahren ist das Unternehmen im Familienbesitz, erzählt sie uns. Chaw Su führt das Geschäft zusammen mit zwei Tanten und einer jüngeren Schwester. Sie alle sind Singles. Es hat sich so ergeben - und, so versichert sie uns, sie könnten das ganz gut.

Sie trägt den traditionellen Longhi, einen Batikstoff, rosabraun gemustert, dazu das passende Oberteil. Das wiederum ist mit einem dünnen pinkfarbenen Stoff kombiniert. Sie sieht schick aus mit ihren blau lackierten Fingernägeln und der goldenen Spange im Haar.

Beschenktes Geburtstagskind: Die Großmutter von Chaw Su wird 79!

Fünfzehn Familien gehören zum Clan. Sie alle leben und arbeiten unter einem Dach. In der fünften Etage ist die 79jährige Großmutter Zuhause, die wir gerade bei einer Zigarettenpause erwischen. Auch sie hat früher Goldplättchen geschnitten und ist ganz zufrieden damit, wie das Geschäft läuft. “Natürlich”, so meint die Enkelin, “gibt es hin und wieder Streit”, zum Beispiel, wenn der Goldpreis steigt, sie aber Bestellungen zum alten Wert hätten. Bislang haben sie es gut untereinander aushandeln können.

Die Hammerschläge sind verklungen, Lunchzeit für die Goldschläger. Po Toe ist 29 Jahre alt und arbeitet schon seit zwölf Jahren bei der Familie. Alle 30 Minuten macht er Pause, mehr als drei Stunden am Tag ist der kräftezehrende Job nicht zu machen. Er lächelt schüchtern - der Verdienst wäre ausreichend und er könnte das noch einige Jahre tun.

Kleine Burmesen sind überall – und gern gesehen!; Quelle: Ingo Aurich

Ein kleines Mädchen kommt die Treppe herunter. Am Eingang steht eine junge Frau mit Baby. Wir haben es aufgegeben, herauszufinden, wer zu wem gehört. Würde sich Chaw Su als erfolgreich bezeichnen? "Erfolg ist, wenn es Spaß macht", sagt sie. Und das macht es wohl.

Restaurantschiff auf dem Weg in die Hauptstadt

Sonntag bis Montag, den 02.12.2012 - 03.12.2012 - Die teuerste Stadt des Landes ist der nächste Ort auf unserer Route. Naypyidaw ist seit 2005 Regierungshauptstadt von Myanmar.
Auf halbem Weg sahen wir ein strahlend goldenes Schiff mit dem Kopf eines mystischen Vogels.

Blick vom Hotelzimmer in Nay Pyi Taw; Quelle: Ingo Aurich

Wir passieren den Ortseingang von Naypyidaw auf einer leeren sechsspurigen Straße, es hat etwas Unwirkliches. Im Mount Pleasant Hotel hat man uns zu Ehren die deutsche Flagge gehisst. Flache Villen am Berghang bilden die Hotelanlage, deren Hauptstraße an eine Autobahnzufahrt erinnert. Ein Liebespaar flaniert verloren, die meisten Gäste scheinen Geschäftsleute zu sein.

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse hoch über der Stadt und blicken auf ein funkelndes Lichtermeer. Das ist wirklich romantisch, ein lauer Wind weht. Naypyidaw soll die einzige Stadt in Myanmar ohne Stromprobleme sein. Alle Ministerien und Regierungsbehörden wurden von Yangon hierher verlegt. Ganz genau kann uns keiner erklären, warum.

Blick vom Mount Pleasant; Quelle: Ingo Aurich

Gerüchten zufolge soll der damalige Regierungschef den Prophezeihungen eines Wahrsagers gefolgt sein, andere meinen, die Führung hätte eine Invasion der Amerikaner vom Meer aus befürchtet. Auf jeden Fall ist Naypyidaw aus allen Landesteilen schnell erreichbar. Der Besitzer unseres Hotels stammt aus einer wohlhabenden Architektenfamilie, die an der neuen Regierungshauptstadt mitgebaut hat. Als wir ihn fragen, wie er die Entwicklung des Tourismus für die Stadt sieht, schüttelt er den Kopf. Naypyidaw soll vor allem Regierungssitz sein und wäre nicht für den Massentourismus gedacht.

Hier wohnen die Angestellten der Ministerien und der Regierung mit ihren Familien - zum Teil in Villen, mitunter in meist vierstöckigen Häusern. Als wir gegen Mittag unterwegs sind, ist kaum jemand zu sehen. Es ist Büro-Zeit. Auf freiem Feld verkündet ein schiefes Schild "Diplomatic Zone". In den nächsten drei Jahren sollen auf dem Areal Botschaften entstehen.

Vor dem Schild, unter einem kleinen Dach vor der Sonne notdürftig geschützt, verkauft eine Frau Wasser. Als wir sie fragen, wieviele Leute heute vorbei gekommen sind, sagt sie "Niemand". Es ist ihr erster Geschäftstag. Wir wünschen ihr alles Gute. Es gibt nicht viele Geschäfte, kleinere Ladenstraßen sind am Entstehen. Morgens und abends fährt ein Sandwich-Dreirad durch die Wohnblocks. Vor einem der beiden großen Warenhäuser halten Luxuslimousinen. Teuer gekleidete Frauen, schon mit vielen Einkaufstüten bewaffnet, steigen zum Shoppen aus. Wir bitten den Taxifahrer Nay Myo, uns Naypidaw zu zeigen. Der 48jährige kam vor zwei Jahren aus Yangon mit seiner Frau hierher und möchte bleiben.

Die Straßen sind breit, es gibt nur halb soviel Verkehr wie in Yangon und das wird auch so bleiben. Denn die Regierung hat den Zuzug begrenzt für die nächsten fünf Jahre. Hier sollen die Beamten wohnen. Nichts für Normalbürger, deren durchschnittliches Jahreseinkommen 200 Dollar nicht übersteigt. Der Taxifahrer bringt uns zum Haus der Lady, wie Aung San Suu Kyi respektvoll genannt wird. Ihre Sicherheitsleute beäugen uns von innen. Aber sie ist nicht da. In der Nähe von Mandalay streiken die Arbeiter der Kupferminen, da soll sie hingefahren sein.

Im September 2010 fanden in Myanmar das erste Mal seit über 20 Jahren Wahlen statt. Die USDP, die Partei des Militärs, hat die Mehrheit des 2011 gebildeten Parlaments, trotz des Wandels hin zur Demokratie.
Zwei Stunden sind wir mit Nay Myo in der Stadt mit den absurd großen Straßen und den Regierungsvillen unterwegs. Am Ende empfiehlt er uns, noch die weißen Elephanten an der Uppatasanti-Pagode zu besuchen. Das wären nicht nur einfach unter Elephanten, sondern Heilige. Sie zu sehen, bringt Glück. Und das können sie brauchen.

Verkehr in Yangon; Quelle: Ingo Aurich

Dienstag bis Donnerstag, den 04.12.2012 - 6.12.2012 - Man hatte uns vor dem Verkehr in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt, gewarnt. Und so sind wir auf lange Staus zu allen Tageszeiten gefasst. Ungeordnete Autoschlangen schieben sich hin und her. Das Lenkrad kann in Myanmar übrigens auf der rechten oder auf der linken Seite sein, beides ist erlaubt. Durch das hohe Verkehrsaufkommen in Yangon scheint dies ein gewisses Chaos zu fördern. Dennoch bleiben alle freundlich - und langsam begreifen wir das alte burmesische Sprichwort: "Wenn du jemanden ohne ein Lächeln siehst, gib ihm Deins".

Yeh Lwin (mit Hut) – bekanntester Songwriter Burmas; Quelle: Ingo Aurich

An unserem ersten Abend in der Stadt hat uns Daewe, unsere Begleiterin, zu einem Konzert gelotst. Festlich gekleidete Menschen warten in einem großen Restaurant, die meisten kennen sich - Neuigkeiten werden ausgetauscht, Witze erzählt. Und dann erleben wir Yeh Lwin, den bekanntesten Songwriter des Landes, mit seiner Band. Hut, langer weißer Bart, ein schmales Gesicht.

Yeh Lwin – bekanntester Songwriter Burmas; Quelle: Ingo Aurich

Der 65jährige ist ein virtuoser Gitarrenspieler und mitreißender Sänger. Liebe und Verzeihen, Miteinander - das ist sein Weg. Unter den Gästen sind befreundete Künstler und Oppositionelle. Viele von ihnen haben während der Diktatur im Gefängnis gesessen.

Erfolgreiche Geschäftsfrau; Quelle: Ingo Aurich

Der Maler, der an unserem Tisch sitzt, erzählt uns, dass sie noch vor zwei Jahren so hätten nicht zusammen sitzen können. Auch Yeh Lwin wurde 2007 nach den Protesten vor der Sula-Pagode verhaftet. Er genießt es, jetzt mit seiner Band relativ unbehindert auch auf den Straßen und in den Teashops spielen zu können.
Eine schöne Frau, hingerissen lauschend, ganz in Gelb, fällt uns auf. Sie war mit Yeh Lwin verheiratet. Vor zehn Jahren hat er sie gebeten, gehen zu dürfen, um frei zu sein. Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau im Möbelhandel. "Geschäft und Kunst, das geht selten zusammen gut", meint sie. Sie unterstützt ihn aus der Ferne. Und er? Meint, dass man die Welt mit Musik auch ein bißchen verändern kann, wenn man Liebe, Frieden und Harmonie teilen würde. Ein schöner Abend.

Vorführung eines Kurzfilms in der Yangon-Film-School mit Lindsay Morrison; Quelle: Ingo Aurich

Daewe ist in Yangon Zuhause. Die Dokumentarfilmerin ist Mitglied der Yangon Film School. Am nächsten Nachmittag ist sie dort verabredet, um über ihr neues Projekt zu reden und wir tauchen ein in die Welt der jungen Filmemacher von Myanmar. Lindsay Morrison hat die Schule 2005 gegründet. Die Anglo-Birmesin erzählt uns begeistert vom ersten unzensierten Dokumentarfilm, der in Myanmar entstanden ist.

Shin Daewe mit Kamerakollegen Thaddhi; Quelle: Ingo Aurich

In "Nargis" beschäftigten sich die Studenten mit einem Wirbelsturm, der die Menschen 2008 völlig unvorbereitet traf, weil die Regierung sie nicht gewarnt hatte. Der Film wurde weltweit auf 16 Festivals gezeigt, in Myanmar war er verboten. Erst in diesem Jahr durfte er aufgeführt werden. Jetzt, so sagt Lindsey, hat man der Schule mehr Möglichkeiten, um auszudrücken, was die Leute bewegt. Daewe will mit ihrem Kamerakollegen Thaddhi einen Film über den Automarkt machen. Der Titel könnte sein: "Ich will ein neues Auto kaufen".
Daewe ist klein und zierlich. Ihr sympathischer Pick Up hat die besten Zeiten hinter sich. Aber das eigentliche Problem ist, dass seine Lenkung an einen Traktor erinnert.


Manuela Jödicke
Eva Kemme

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