Yangshuo mit schönem Li-Fluß; Quelle: Ingo Aurich
Yangshuo mit schönem Li-Fluß

Reisetagebuch Etappe 8, Teil 1 - Guangzhou - Wuhan (13.-20.02.2013)

Eindrucksvolle Kallksteinfelsen prägen die südchinesische Landschaft. Egal, wo wir hinkommen, immer sind schon gefühlte 100.000 Touristen vor uns dort. Bittere Kälte und Nebel geben dieser Etappe etwas Düsteres.

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Mandarinenhaine am Wegesrand; Quelle: Ingo Aurich

Da wir auf dem Weg nach Guilin überall Zitrusfrüchte wachsen sehen, beschließen wir einen Bauern aufzusuchen und ein bisschen zu befragen.
Wir drehen bei der Mandarinenernte in den Bergen. Die Erntehelfer waren schon äußerst fröhlich und mächtig aufgekratzt. Einer von ihnen sprach bereits mit sehr, sehr schwerer Zunge. Daraus ergab sich, dass ich jetzt weiß, wie es klingt, wenn jemand chinesisch lallt. Das war interessant... natürlich rein sprachwissenschaftlich gesehen.

Heute Nacht sind wir wieder in einem der feinen neuen Hotels untergebracht. Solche für chinesische Manager und Dienstreisende mit dem „proper dress requiered“-Schild in der Lobby. Und wieder einmal hatten wir Zimmer mit jener riesengroßen Glaswand im Raum, durch die man vom Bett aus in die Dusche sehen kann. Thomas sagt, das hätte innenarchitektonische Gründe von wegen Tageslichtdurchflutung und Raumempfinden. Ich glaube eher an Gründe erotischer Natur für solch teuren Einbauten. Und ich glaube auch nicht, dass Thomas glaubt, was er sagt. Er flunkert. Jedenfalls lösche ich jetzt das Licht in der leeren Dusche, es ist schon spät.

Blick aus dem Hotel auf Guilin; Quelle: Ingo Aurich

Samstag, den 16.02.2013 - Möglicherweise hat Thomas doch recht, denn das Klientel in diesem Hotel sind nicht, wie von mir vermutet, dienstreisende Herren mit Sekretärin, sondern Eltern mit ihren halbwüchsigen Kindern. Das zeigte sich im Frühstücksraum (genauer Frühstücksgroßraumhalle). Das Frühstück war übrigens ein glatter Reinfall, selbst wenn ich Chinese gewesen wäre. Thomas, Uli, Gregor und Ingo meinten unisono, das beste chinesische Essen gab`s in Thailand.

1197 Auf der Fahrt nach Changsha treffen wir auf Pampelmusen essende Schweine; Quelle: Ingo Aurich

Eigentlich wollten wir eine Fahrt nach Changsha machen, 450 km. Daraus wurde eine Fahrt nach Wuhan, 850 km. Problemlos, zügig, auf freier guter Autobahn. Ingo und Gregor, die die ganze Zeit am Steuer saßen, waren auch nach der Fahrt noch munter und guter Dinge. Die Fahrerei in China steht in keinem Vergleich zur Fahrerei in Vietnam, die Straßen natürlich auch nicht. Man darf vermuten, dass es in China Verkehrsregeln gibt, denn einige wenige davon scheinen den chinesischen Kraftfahrern bekannt zu sein. Diesen Eindruck hatte ich in Vietnam nicht.

Die chinesischen Autobahnen sind mit sehr vielen Mautstellen ausgestattet. Das führt mich zu einer Bemerkung über Ingo. Man muss wissen, dass das Fahr- und Drehteam ein Durchschnittsalter von Anfang / Mitte Dreißig hat. Der unverheiratete Ingo ist dabei der Sonnyboy des Teams. Er ist weder schüchtern noch sauertöpfig. Und er hat ein richtiges Chlorodont-Lächeln. Mit diesen Eigenschaften und mit einer grün-gelben Pudelmütze mit großer Bommel auf dem Kopf fährt er also jedes Mal in diese Mautstellen, die zumeist mit jungen Mädchen besetzt sind. Es funktioniert auch jedes Mal, ich sitze neben ihm, ich kann es bestätigen und habe es sogar fotografisch festgehalten. Und ich glaube, die kurzen Begegnungen mit Ingo sind auch noch einige Zeit danach Gesprächsthema bei den jungen Damen der Mautstellen.
Wuhan ist groß. Und hat Restaurantketten, die zwar amerikanisch sind, mir doch wenigstens einen Hauch von heimatlichem Frühstück bieten können. Mal sehen, was morgen wird.

Sonntag, den 17.02.2013 - Das Frühstück hatte ich zwar in einem Fast-Food-Laden, dennoch konnte ich mir vormachen, es wäre berlinisch: Ein Ei’chen, `ne Schrippe mit Käse und Schinken und eine Tasse (Pappbecher) Kaffe (nicht Kaffee). Heute ist „day off“.

Die erste Jangtse-Brücke, errichtet 1958; Quelle: Ingo Aurich

Jürgen und ich waren auf Recherche. Wir suchten die alte Brücke über dem Jangtse. Der Jangtse, der große Strom, teilt nämlich das Land in Nord- und Südchina. Und es gab lange Zeit keine Brücke, die die Teile verband. Wie war das wohl damals, wenn so ein junger nordchinesischer Wuhan-Mann seine Liebste im südchinesischen Wuhan jenseits des Flusses hatte?

Es wird spät, er muss die junge Dame zu ihren Eltern nach Haus geleiten. Dann aber steht der Liebhaber allein am Ufer, denn es fährt kein Dampfer mehr. Was tun? Übrigens, Mao Tse Tung ist auch einmal durch den Jangtse geschwommen. Aber nicht wegen seiner Liebsten sondern wegen der Macht. In den 50ern begannen die Sowjets mit dem Bau dieser Brücke. Dann aber verstritt sich Chruschtschow mit Mao und die Russen zogen ab (und nahmen, wie gemein, alle Konstruktionsunterlagen mit).

Die Jangtse-Brücke in Wuhan ganz nah; Quelle: Ingo Aurich

Auf vorzüglichste Art bauten die Chinesen die Brücke zu ende und so steht sie auch heute noch. Die Brücke lag also heute im Nebel und sieht von oben aus wie eine Brücke. Vom Ufer aus ist sie aber riesengroß, sehr hoch und zweistöckig. Unten die Eisenbahn, oben der Straßenverkehr. Morgen werden wir dort drehen.

Zum Abendbrot gab es heute mal Pizza für uns, bei einer amerikanischen Pizza-Kette. Nur für Jürgen nicht. Er sagt: „Ich fahr doch nicht nach China, um dort Pizza zu essen“. Recht hat er ja.

Montag, den 18.02.2013 - Wir sind leider nicht mehr in den chinesischen Tropen. Das merkte man heute ganz besonders. Es stürmt, es regnet, es ist bitterkalt und neblig. Und an und auf der Brücke pfiff der Wind umso mehr. Thomas, Uli und Gregor drehten, während wir, der Rest der Reisegesellschaft, uns in einem chinesischen Fischrestaurant versteckten. Das war aber auch eiskalt.

Das Dreh Dream-Team: Ulli, Ingo, Thomas und Gregor; Quelle: Ingo Aurich

Hier gleich ein Wort zu Gregor. Gregor ist der Jüngste des Teams, er ist sowas wie ein stiller Arbeiter im Weinberg des Herrn, er ist... wie soll man sagen? Er ist ganz einfach ein „feiner Mensch“, so vielleicht. Er fährt nicht nur den Teamwagen Nr.1 mit dem Equipment, er ist zudem noch der zweite Kameramann (in der Rangfolge eher umgekehrt). Ich beschreibe es mal militärisch: Er ist der Stoßtrupp, wenn Thomas die Hauptstreitmacht ist. Er wird allein mit der Kamera ins Unbekannte vorgeschickt, er bringt all die Bilder, die zur Vervollständigung einer Story gebraucht werden. Achten Sie mal drauf, später im Film. Das wäre für ihn der himmlische Lohn (um noch mal das biblische Gleichnis zu bemühen).

Wir trafen dann einen jungen Ingenieur an der Brücke, welcher uns prompt jemanden herbeitelefonierte, der diese Brücke mitkonstruierte, damals in den 50ern. Der alte Herr war so Mitte achtzig, aber sehr vital und gut drauf. Es war eine Freude, ihm zuzuhören.
Wir interviewten ihn in einer alten, verstaubten, ehemals pompösen Eingangshalle der Brücke, die offensichtlich jedoch vom Militär requiriert worden war. Die Brücke wird nämlich bewacht. Die Soldaten hatten gerade Wachablösung und rannten deshalb ständig ins Bild. Unser guter und hilfreicher Freund aus der Hauptstadt hielt aber mutig zu uns und legte sich dabei lautstark mit der Volksbefreiungsarmee an. So lange, bis ein Offizier auftauchte und seine Wächter zurückpfiff. Hat er gut gemacht, unser Mann aus Peking, alle Achtung!
Heute Nacht soll die Temperatur unter Null fallen. Ach, wo sind sie nur hin, unsere liebgewonnenen Sonnenstrände und Palmenhaine?!

Dienstag, den 19.02.2013 - Nachts hatte es wohl geschneit, morgens war nicht mehr viel davon übrig.
Ingo hat heute mal den Blues. Ist wohl das Wetter.
Mittagessen gab`s wieder in dem bereits erwähnten kalten Restaurant. Gegen die Kälte hat mir die Restaurantleitung eine Feuerschale voll glühender Holzkohle halb unter dem Stuhl geschoben. Man sagt, der Jangtse wäre die Heizgrenze Chinas. Nördlich des Flusses wird geheizt, südlich nicht. Das Restaurant steht nördlich des Flusses. Ich hoffe, diese Art Ofen ist auch im Norden eine Ausnahme.
Zurück zum Thema. Morgen verlassen wir Wuhan, vorher aber sollte unsere Wäsche noch aus der Wäscherei abgeholt werden.


Christian Klemke

Bildergalerie

14.02.2013 - Kalkfelsen um Huangyao; Quelle: Ingo Aurich

Etappe 8 - Von Guangzhou (China) bis nach Peking

Die Käte holt uns ein - das zeigen auch die Bilder: Vom - teils lebensgefährlichen - chinesischen Fahrstil, von kleinen, mega-durchtrainierten Shaolin-Schülern, ungewöhnlichen Gaumenfreuden und Open-Air-Küchen-Kunststücken.