Beispielhafter Smog: Dengfeng am Morgen; Quelle: Ingo Aurich
Beispielhafter Smog: Dengfeng am Morgen

Reisetagebuch Etappe 8, Teil 2 - Wuhan - Peking (21.02.-01.03.13)

Vom - teils lebensgefährlichen - chinesischen Fahrstil, von kleinen, mega-durchtrainierten Shaolin-Schülern, ungewöhnlichen Gaumenfreuden und Open-Air-Küchen-Kunststücken.

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Aufbruch nach Peking; Quelle: Ingo Aurich

Peking erreichten wir erst kurz vor Mitternacht. Ich weiß nicht, was ich bisher von der chinesischen Hauptstadt gesehen habe, wahrscheinlich waren es Außenbezirke. Auf den ersten Blick hatten diese Neubauriesen an den vielspurigen Hochstraßen nichts städtisch-wohnliches. Es schien mir, als wollten die chinesischen Städteplaner ihre zwanzig Millionen Bürger des Nachts einfach nur verwahren und tagsüber über die breiten Fahrbahnen zur Arbeit schleusen. Den Charme der Käfighaltung hat unser Hotel übrigens auch.

2049 Wir besichtigen bei verschlossenen Toren die verbotene Stadt. Menschenleer!; Quelle: Ingo Aurich

Montag, den 25.02.2013 - Bei Lichte besehen zeigt sich Peking doch etwas anders als gestern in der Nacht. Heute war wieder ein „day off“ und jeder ging seiner Wege. Wir trafen uns alle zufällig vor der Verbotenen Stadt, jenem Areal, auf dem der Kaiserpalast steht. Gemeinsam wurden wir durch mehrere Hintereingänge und Sonderwege in diese einmalige Kulturstätte geschleust und standen plötzlich mutterseelenallein auf dem Vorplatz vor dem Kaiserpalast. Genau dort, wo sich sonst tausende Touristen auf die Füße treten. Wir waren an einem Schließtag in die Verbotenen Stadt eingelassen worden. Kein Wächter, kein Pförtner, kein Eintrittskartenabreißer, niemand da. Selbst der Kaiser von China hat seinen Palast so nie gesehen. Es war mir ein beeindruckendes Erlebnis.

Der Sandkaiser von China; Quelle: Ingo Aurich

Doch es ging noch weiter: Dorthin, wo die Verbotene Stadt auch heute noch für die Öffentlichkeit verboten ist. In den ehemaligen Hofbeamtenhäusern des Palastes sind die Restauratorenwerkstätten untergebracht. In langen engen Gassen steht fensterlos Haus an Haus. Aber jedes Haus hat einem kleinen Innenhof, eigentlich ein Garten, dem man seine einstige Eleganz und Schönheit noch ansieht. Um den Hof ein Wandelgang mit roten hölzernen Säulen und grünen fein geschnitzten Brüstungen, Steintreppen führen in den Garten und mitten darin ein alter Baum. Die Häuser sind miteinander verbunden. Man geht innen von Haus zu Haus... fast endlos. Einige Häuser haben noch den mannshohen und reich verzierten Bronzekessel im Hof, die für das Löschwasser gedacht waren.

In einem Raum arbeitete eine Restauratorengruppe an einer Wandtäfelung. Auf heller Seide waren um ein Holzrelief herum, welches einen knorrigen Baumstamm darstellte, aberhunderte kleiner Baumblüten aus Jade zu ersetzen. Was für eine Pracht! Phantastisch! Aber was für eine Unmenge an Arbeit dort noch zu leisten sein wird. Ein day off tiefer Eindrücke.

Die neue Arbeitswoche startet mit einem Besuch bei der Pekinger Feuerwehr; Quelle: Ingo Aurich

Dienstag, den 26.02.2013 - Die Recherche gestern Vormittag war erfolgreich, denn heute morgen rollten unsere beiden Autos vor die Pekinger Feuerwache Nr.45 und wir wurden, statt sofort verjagt zu werden, willkommen geheißen. Hier war unser Drehort. Irgendeine geheime Macht hatte möglich gemacht, woran wir nie richtig geglaubt hatten. Dazu muss man wissen, die Feuerwehr hier ist Teil des chinesischen Militärs. Ich weiß nicht, welchem westlichen Fernsehteam schon mal ein Einblick in den Alltag der Pekinger Feuerwehr gestattet wurde, die chinesischen Verantwortlichen meinten: Keinem! Und nichts an diesem Drehtag war verkrampft. Man hatte sich schnell an uns gewöhnt und zeigte sich hilfsbereit in Allem.
Die ganze Feuerwache auf uns eingestellt. Nur nicht bei Alarm. Und den gab es zweimal. Einmal hatten wir es sogar geschafft, hinterher zu hetzen. Gregor war dabei der Alarmfahrer. Respekt, Gregor!

Ein Modell der Feuerwache; Quelle: Ingo Aurich

Eine Besonderheit ist in der Feuerwache: Ein sehr detailgetreuer Nachbau der Wache, mit kleinen Figürchen, die liebevoll aus Weidenkätzchen mit angeklebten Käfergliedmaßen gefertigt wurden.

Die Figuren der Modellfeuerwache; Quelle: Ingo Aurich

Vor der Feuerwache stand eine Wache. Militärisch stramm. Als ich den Eingang betrat, salutierte sie vor mir. Ich hab mich ein wenig erschrocken.
Natürlich wollte sich die Feuerwache von ihrer Schokoladenseite präsentieren. Deshalb hieß der Befehl an die Feuerwehrmänner zum Mittagessen: Seid leise, wenn die Kamera dabei ist! Was aber heißt „seid leise“ beim Militär? Es herrschte absolutes Schweigen in einem Speisesaal voller junger Soldaten. Nur leises Stäbchenklappern. Geradezu unwirklich. Aber Kameramann Thomas gefiel`s und Tonmeister Uli auch.

Erdbeben-Übung bei der Pekinger Feuerwehr; Quelle: Ingo Aurich

Wir drehen auch Einsatzübungen bei Erdbeben. Abends war es dann gar nicht mehr leise. Karaoke-Singen ist selbst bei der Feuerwehr der Hit. Aber in einer Lautstärke, die jede Alarmsirene übertönt hätte.
Morgen fahren wir wieder hin.

Die Crew von der Pekinger Feuerwache Nr.45; Quelle: Ingo Aurich

Mittwoch, den 27.02.2013 - Wir waren wieder dort. Die Feuerwehr hat ein, nennen wir es mal Entertainment-Auto, das heute einigen Pekinger Bürgern vorgeführt wurde. Das ist ein riesiger rot-bunter LKW, der zur Brandschutzaufklärung in Schulen oder Betriebe fährt und dort sein Innenleben ausbreitet. Dieses besteht zumeist aus begehbaren Videospielen. Man kann mit echtem Wasser ein virtuelles Feuer löschen oder zu Popmusik auf einer elektronischen Fußmatte so ein Feuer austanzen. Außerdem ließen sich Mutige aus dem Publikum vom LKW-Dach abseilen.
Als wir uns nach dem Dreh dann von den Feuerwehrleuten verabschiedeten, wollte man uns sogar noch einen Helm der Pekinger Feuerwehr als Erinnerung schenken, aber leider war der alleroberste Oberst aus der Verwaltung zugegen und verhinderte die freundliche Geste in letzter Sekunde. Schade, der Helm hätte sicher hübsch ausgesehen in einer RBB-Redaktionsstube. Es ist auf der Welt wohl überall gleich, die echten Profis sind nette und taffe Leute, aber die hochgestellten Verwalter... haben vor ihrem eigenen Schatten Angst.
Übrigens haben wir das Hotel gewechselt. Die Käfighaltung im letzten Hotel war länger kaum zu ertragen. Dieses Hotel ist vielleicht besser.

Taubenzüchter vor den Toren Pekings; Quelle: Ingo Kaution

Donnerstag, den 28.02.2013 - Im neuen Hotel kann man gut schlafen. Heute waren wir bei Taubenzüchtern. Danach gab`s ein Essen.
Wenn Sie schon mal chinesisch essen waren, verehrter Tagebuchleser, dann kennen Sie sicher die große Scheibe in der Tischmitte, die sich bei teureren Restaurants unentwegt und wie von Geisterhand dreht. Auf der Scheibe kommen dann die Gerichte an den Gästen vorbeigefahren. Ich schreibe darüber, weil Thomas heute erfahren musste, dass diese Art des Essens ähnlich dem Spiel „Reise nach Jerusalem“ ist. Ob man satt wird oder nicht, hängt von dem am runden Tisch gewählten Platz ab.

Es gab „Feuertopf“, auf chinesisch „huo guo“, ein lustiges Wort. Man wirft Fleischstücke in das kochende Wasser des kreisenden Feuertopfes und bei der nächsten Runde ist es dann gar gekocht und essbar. Thomas warf und warf und warf also ständig Fleischstücke, wenn dann aber der Feuertopf wieder bei ihm ankam, war er leergegessen. Es war wie verhext. Thomas saß neben mir. Zunächst war bei ihm ein gewisses Stirnrunzeln zu erkennen, dann fand er es aber doch komisch. Wir lernen daraus: Immer klug den Platz an einem chinesischen Huo-Guo-Tisch wählen!

Alles in traditionellem chinesischen Stil; Quelle: Ingo Aurich

 Vielleicht noch ein Wort zum derzeitigen Wetter. Pekinger Smog ist sehr unangenehm. Er liegt nicht nur auf der Stadt, sondern hat auch die Umgebung im Griff. Heute aber kam ein eiskalter Sturm dazu. Ein Sandsturm.

Jürgen sagte, der feine Sand käme aus der Gobi. Ich meinte, er käme von den trockenen Äckern neben dem Drehort. Gregor, Uli und Thomas jedoch äußerten sich dahingehend, dass es ihnen völlig Wurscht sei, woher der Sand stamme. Sand sei grundsätzlich nicht gut für hochempfindliche Videotechnik. Wenigstens ist der Smog jetzt weggeblasen worden. Sollen sich doch andere Städte damit rumärgern!

Freitag, den 01.03.2013 - Am Morgen war es eiskalt, aber sonnig. Der Wind kam wohl aus Sibirien. Der Tag heute war die letzte Gelegenheit, noch ein paar Stadtaufnahmen von Peking zu bekommen. Und Thomas mühte sich redlich. Doch die meiste Zeit ging verloren, weil wir uns durch den Pekinger Verkehr quälen mussten. Nichtsdestotrotz, wir waren erfolgreich.

Dreh auf einem Hochhausdach in einem Pekinger Wohnviertel; Quelle: Ingo Aurich

Unser chinesischer Begleiter hatte es sogar geschafft, uns von Hochhausdächern aus große Stadt-Totalen drehen zu lassen, obwohl alle Pekinger Hochhäuser wegen irgendwelcher politischer Veranstaltungen gesperrt waren. Die Polizei ist in besonders martialischem Outfit reichlich vertreten und nicht zu übersehen in diesen Tagen.
Nun ist der Teil 8 des fernOST-Projektes abgedreht. Ja, zugegeben, etwas Wehmut ist doch dabei. Wen oder was werde ich vermissen? China? Die Reiserei? Die beiden Autos? Auf jeden Fall meine, da gibt’s ein schönes altes Wort, Gefährten.

Heute Morgen landete das Flugzeug mit unserer lieben Kollegin Britta-Susann Lübke, die nun ihren Teil der Reise beginnt. Herzlich Willkommen, liebe Britta, viel Erfolg, bleib gesund, ich wünsche Dir eine Gute Reise!

Jetzt gehe ich zum Abendbrot, es gibt Peking-Ente als Willkommensgruß und dort werde dann den Stift für unser Reisetagebuch an Britta weitergeben.
Ich hoffe, liebe Tagebuchleser, Sie nicht allzu sehr gelangweilt zu haben und würde mich freuen, wenn Sie später auch den Film anschauen. Bis dahin grüßt Sie herzlich,
Ihr Christian Klemke

Bildergalerie

14.02.2013 - Kalkfelsen um Huangyao; Quelle: Ingo Aurich

Etappe 8 - Von Guangzhou (China) bis nach Peking

Die Käte holt uns ein - das zeigen auch die Bilder: Vom - teils lebensgefährlichen - chinesischen Fahrstil, von kleinen, mega-durchtrainierten Shaolin-Schülern, ungewöhnlichen Gaumenfreuden und Open-Air-Küchen-Kunststücken.