Harald Schäfer (Charly Hübner) spricht zu den DDR-Bürgern, die vor dem Schlagbaum die Ausreise fordern. © MDR/UFA FICTION/Nik Konietzny
Bild: MDR/HA Kommunikation

Interview mit Editor Jens Klüber - Bornholmer Straße - Eine Mauergeschichte

Der Film Bornholmer Straße von Christian Schwochow wurde von dem Editor Jens Klüber montiert. Mit ihm hat rbb Fernsehen online ein Gespräch über den Film geführt.

rbb Fernsehen online:

"Bornholmer Straße" ist nach "Der Turm" und "Westen" der dritte Film von Christian Schwochow, der sich mit DDR-Vergangenheit auseinandersetzt. In dem Film ist das wichtigste Ereignis aus der jüngeren deutschen Vergangenheit thematisiert: der 9. November 1989, der Tag der friedlichen Maueröffnung. Ein Tag, den jeder ehemalige DDR-Bürger niemals vergessen wird. Jeder und jede wird erzählen können, was er/sie an diesem Tag getan und gedacht hat.
Erinnern Sie sich auch noch an diesen denkwürdigen Tag?

Jens Klüber:

Ich erinnere mich daran, dass damals einige Freunde von mir nach Berlin gefahren sind - ich komme aus Rossdorf bei Darmstadt, Hessen - ich bereue es bis heute, dass ich nicht mitgefahren bin, so habe ich die Ereignisse nur im Fernsehen verfolgen können.

rbb Fernsehen online:

Der Film erzählt die Nacht des Mauerfalls aus der Perspektive des Grenzoffiziers Harald Schäfer, der eigenmächtig die Grenze an der Bornholmer Straße geöffnet hat. Schäfer ist ein überzeugter DDR-Bürger, ein Staatstreuer, einer der von Schabowskis Mitteilung "über die Reisefreiheit für DDR-Bürger mit sofortiger Wirkung" überfordert ist, der nach 100-fachem Nachfragen von seinen Vorgesetzten keine Antwort erhält, der erstmalig vielleicht wirklich selbst entscheiden muss.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Drehbuch gelesen haben? Ihr erster Gedanke über diesen Offizier, der in dem Moment seiner Entscheidung das Weltgeschehen bestimmt.

Jens Klüber:

Mein erster Gedanke war - großartiges Buch. Dann fragte ich mich, was nun Fiktion und was real war…. Als ich erfuhr, dass es diesen Mann wirklich gab, war ich überrascht. Ich war mir dessen nicht bewusst, dass es diesen konkreten Moment an der Grenze so gegeben hat.

rbb Fernsehen online:

Ein regimetreuer Soldat wird zum Helden, weil er dem Ansturm der Menschen auf die Grenze nicht mit Gewehrsalven begegnet, sondern weil er die Grenze öffnet und somit den Menschen ein Vertrauen entgegen bringt, wozu die DDR-Funktionäre nicht in der Lage waren, geschweige denn bereit waren.
Wie realistisch erschien Ihnen diese Geschichte?

Jens Klüber:

Naja, die Geschichte, die wir erzählen, ist ja etwas überzeichnet. Ein Film kann immer nur ein Abbild von der Wirklichkeit sein und niemals die Realität selbst.

rbb Fernsehen online:

Der Film ist eine Tragikomödie.
Was ist das eigentlich Tragische an diesem Film?

Jens Klüber:

Es gibt zwei große Tragödien, die verwehrte Freiheit und die Zerstörung eines Weltbildes, des Traumes von einer besseren Welt, der Abriss eines ganzen Lebens.

rbb Fernsehen online:

Der Grat zwischen Komik und Lächerlichkeit im Film und bei den Protagonisten ist schon sehr schmal. Zumal wenn ich an die Situation denke, als Schäfer nach Hause kommt und sagt, er habe die Grenze geöffnet und seine Frau antwortet: "Darüber macht man keine Witze".
Wie haben Sie es beim Montieren geschafft, die Darstellung des Ereignisses und die Protagonisten (vor allem die Grenzer, die ja einer gewissen Lächerlichkeit nicht entbehren) nicht als reine Lachnummer erscheinen zu lassen?

Jens Klüber:

Dies war sicherlich die größte Herausforderung an die Montage. Ich habe versucht, die Figuren immer ernst zu nehmen, versucht, die Reaktionen und das Tempo so zu wählen, dass es auch berührt. Die schwierigste Szene war für mich die Diskussion um das Gewehr. Es war brüllend komisch, dem großartigen Ensemble zuzusehen. Aber ich hatte durchaus auch im Kopf, dass es an der Grenze Tote gab, dass dies kein Spaß ist und dass diese Grenzer auch ihre Sicht der Welt verteidigen wollen. Diese Balance zu finden, fängt für mich bei der Auswahl der Takes an und geht dann natürlich in den einzelnen Takes weiter. Oftmals ist bei der Auswahl entscheidend, wer wann und wie schaut, was man in den Augen spüren kann, wie lange der Blick dauert, geht eine Augenbraue hoch oder nicht, gibt es ein Zucken der Mundwinkel oder nicht. Bei 25 Bildern in der Sekunde gibt es viele Möglichkeiten zu schneiden, oft kommt es nur auf zwei Felder mehr oder weniger an, die einen ganzen Dialog verändern. Die Haltung ist entscheidend, die man zu 'seiner' Szene hat. Aber das Ganze wird ja immer vorgegeben durch die Arbeit am Set, und Christian Schwochow macht eine herausragende Arbeit, es ist sein Film und seine Art zu erzählen.

rbb online:
Hat sich Ihre Sicht auf den Tag des Mauerfalls durch die Arbeit an diesem Film verändert?

Jens Klüber:
Ja, der Film und die ganzen Geschichten drum herum haben mir noch einmal deutlich gemacht, wie gefährlich es damals war und wie sehr es an ein Wunder grenzte, dass die Grenzöffnung gewaltfrei abgelaufen ist.

rbb online:
Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview: Beate Tembridis, rbb Fernsehen online