- Unterwerfung

Halb Satire, halb Dystopie – die formal außergewöhnliche Verfilmung des kontrovers diskutierten Romanbestsellers von Michel Houellebecq.

Die islamische Republik Frankreich im Jahr 2022. Seit ein Bündnis von Sozialisten und bürgerlichen Parteien die Präsidentschaft der rechtsgerichteten Marine Le Pen und den Front National verhindern wollte, regiert der moderate Muslim Mohamed Ben Abbes das Land. Frauen tragen nun Kopftuch und verschwinden mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben. Männern hingegen winken goldene Zeiten. Frankreich hat sich der Scharia unterworfen, Polygamie ist nun erlaubt. Um in den vollen Genuss jener Vorteile zu kommen, müssen die Herren lediglich zum Islam konvertieren.

„Unterwerfung“ stellt den Protagonisten der Geschichte vor genau diese Entscheidung: François – beziehungsunfähig, Alkoholiker und ziemlich allein - hatte bislang mit Religion wenig im Sinn. Jahrelang nutzte er seine Position als Literaturwissenschaftler an der Uni, um seine Studentinnen ins Bett zu bekommen.

Doch das findet mit der Wandlung Frankreichs in eine islamische Republik ein jähes Ende. François verliert seine Anstellung und vereinsamt noch stärker. Seine ehemaligen Kollegen konvertieren scharenweise und lassen sich dafür von der Universität Sorbonne - inzwischen luxuriös finanziert von den Saudis - fürstlich entlohnen. Schließlich konfrontiert der charismatische Uni-Präsident Rediger den zusehends verlotternden François mit dem verlockenden Angebot: Er bekommt seine Lehrtätigkeit zurück – unter der Bedingung, dass auch er sich dem Islam zuwendet.

Die rbb Produktion „Unterwerfung“ verwebt den intensiven Bühnenmonolog des Erzählers François – fulminant dargestellt von Edgar Selge im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg – mit einzelnen Situationen als Filmhandlung im Paris einer nahen Zukunft. Grundlage ist zum einen Michel Houellebecqs umstrittener Romanbestseller „Unterwerfung“, der im Januar 2015 erschien – am Tage der mörderischen Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und dem jüdischen Supermarkt in Paris am 07. und 09. Januar 2015 – als auch die Theaterinszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg von Karin Beier.

Houellebecq zeichnet in seinem Roman ein so düsteres wie provokantes Szenario: das Bild einer europäischen Identitätskrise. Einer tief gespaltenen Gesellschaft und deren liberal-bürgerlicher Klasse, die arrogant und gleichgültig geworden, die Situation verdrängt, bei gutem Wein und Essen über die Verhältnisse räsonniert, ohne sich wirklich auseinanderzusetzen und schließlich ihre Freiheit verspielt. In Zeiten von Populismus und zunehmender gesellschaftlicher Spaltung zwingt er uns zu erkennen, dass unsere Freiheitswerte nicht selbstverständlich sind.

Der Autor und Regisseur des Films, Titus Selge, hat in diesem Jahr Aussicht auf einen „Grimme-Preis Spezial“ im Wettbewerb Fiktion. Für die kongeniale Verflechtung von Bühnen- und Filmszenen von „Unterwerfung“ wurde er für den 55. Grimme-Preis 2019 nominiert.

Unterwerfung
Fernsehfilm Deutschland 2017

Edgar Selge / François (Edgar Selge)
Rediger (Matthias Brandt)
Marie-Françoise Tanneur (Bettina Stucky)
Alain Tanneur (André Jung)
Myriam (Alina Levshin)
Aurélie (Catrin Striebeck)
Godefroy Lempereur (Florian Stetter)
Alice (Valerie Koch)
Steve (Jean-Yves Berteloot)
Anis (Walid Al-Atiyat)
Walter Zobel (Michael Wittenborn)
Karin Beier (Karin Beier) u.a.

Kamera: Martin Farkas
Buch: Titus Selge, Karin Beier und Michel Houellebecq
Regie: Titus Selge