Berlin Oberschöneweide (Quelle: dpa)
Bild: dpa-Zentralbild

Chicago an der Spree - Oberschöneweide

Oberschöneweide hatte zu DDR‑Zeiten keinen guten Ruf. Das Areal stand für Schmutz und Dreck. Und doch wurde hier deutsche Industriegeschichte geschrieben. Innerhalb weniger Jahre entsteht eines der größten zusammenhängenden Industrieareale Europas mit etwa 25 kleinen und großen Werken.

Das Industrieareal von der Spreeseite aus. © rbb/Esther Schrade
Das Industrieareal von der Spreeseite aus.

Hier wurde deutsche Industriegeschichte geschrieben

Der Berliner kalauerte den Ort schon früh zu "Schweineöde". Und doch wurde hier deutsche Industriegeschichte geschrieben. Als der Industriepionier Emil Rathenau für die expandierende AEG neue Produktionsflächen sucht, stößt er auf die noch unbebauten Spreewiesen im Südosten Berlins. 1897 entsteht dort eines der ersten Drehstromkraftwerke Deutschlands. Kurz danach beginnt das Kabelwerk Oberspree zu produzieren. Innerhalb weniger Jahre entsteht eines der größten zusammenhängenden Industrieareale Europas mit etwa 25 kleinen und großen Werken.

Das ehemalige Werk für Fernsehsehelektronik (kurz WF) entworfen vom Architekten und Designer Peter Behrens © rbb/Esther Schrade
Das ehemalige Werk für Fernsehsehelektronik (kurz WF) entworfen vom Architekten und Designer Peter Behrens.

Das "Chicago" Berlins

Oberschöneweide wird zum boomenden Stadtquartier, zum "Chicago" Berlins, wie es damals hieß. Die Massenproduktion nach amerikanischem Vorbild zieht in Berlin ein und macht die Stadt zur aufstrebenden Industriemetropole Europas. Emil Rathenau entwickelt die AEG in wenigen Jahren zu einem Weltkonzern.

An der Außenseite des ehemaligen Transformatorenwerkes strahlt heute wieder das Logo der AEG, © rbb/Esther Schrade
An der Außenseite des ehemaligen Transformatorenwerkes strahlt heute wieder das Logo der AEG.

Oberschöneweide bündelt wie in einem Brennglas die jüngere deutsche Zeitgeschichte: Der Pioniergeist am Anfang des 20. Jahrhunderts, Rüstungsproduktion und massenhafter Einsatz von Zwangsarbeitern zur Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Krieg Enteignung und Demontagen. Die großen Betriebe, wie das Kabel und Transformatorenwerk werden sowjetische Aktiengesellschaften, die als Reparationsleistung für die Sieger des Krieges produzieren. Als Volkseigene Betriebe können sie an die Innovationskraft der AEG nicht anknüpfen, dennoch produzieren sie auch für den Export und bemühen sich in den Grenzen der Planwirtschaft um Qualität.

Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerk Oberspree befindet sich jetzt die Hochschule für Wirtschaft und Technik. © rbb/Esther Schrade
Auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerk Oberspree befindet sich jetzt die Hochschule für Wirtschaft und Technik.

Die Zeit nach der Wende

Die Wende erleben die Arbeiter von Oberschöneweide als ein Wechselbad zwischen Hoffnung und Resignation. Ein Betrieb nach dem anderen schließt. Als es 2006 gelingt, die Hochschule für Wirtschaft und Technik auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerkes anzusiedeln, bekommt das Areal einen Impuls für die weitere Entwicklung. Inzwischen hat sogar der kanadische Rocksänger Bryan Adams eine der Industriehallen gekauft, um dort Ateliers einzurichten und einen Ausstellungsort. Die große weite Welt interessiert sich wieder für das Industrieareal Oberschöneweide.

Film von Lutz Rentner und Frank Otto Sperlich

Erstausstrahlung am 30.09.2014/rbb

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