Folterlager im westbosnischen Prijedor 1992
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Bild: rbb

- Erinnerungen an Lager in Bosnien

Vor 25 Jahren hat im nordbosnischen Prijedor eines der größten Massaker des Balkankrieges stattgefunden. Tausende Menschen – die meisten muslimische Bosniaken - wurden in Lager gesteckt, gefoltert und ermordet. Zwei der Überlebenden, Vater und Sohn, konnten sich nach Berlin retten. Was sie erlebt haben, können sie kaum verarbeiten.  

Suvad und Elvedin Cehic stammen aus Prijedor. Vor 25 Jahren verwandelte sich ihre bosnische Heimatstadt vom kleinen Paradies in eine große Hölle. Alle Nicht-Serben mussten ihre Häuser mit weißen Flaggen markieren und weiße Bänder um ihre Oberarme binden, erzählt Vater Suvad. Wer das nicht gemacht hat und bei einer Kontrolle erwischt wurde, wurde sofort getötet.Sein Sohn Elvedin war damals noch ein Kind. Aber er erinnert sich an Explosionen: Da war die Moschee in die Luft gesprengt worden und die katholische Kirche.

Suvad und Elvedin Cehic sind Bosniaken und damit muslimisch. Suvad wurde damals mit vielen anderen Muslimen zum Bergwerk Omarska gebracht. Das war eigentlich sein Arbeitsplatz - jetzt war dort ein Folterlager. Folter, Vergewaltigungen und massenhafte Morde – allein in ihrer Stadt wurden mehr als 3000 Menschen getötet, tausende werden immer noch vermisst.

Auf Filmaufnahmen aus den Folterlagern entdeckt Suvad sich selbst. Suvad verlor im Lager 25kg. Das älteste Opfer des Genozides in dieser Stadt war eine 95-jährige Frau, das jüngste ein 2 Monate altes Baby. Um seine Traumata zu verarbeiten, fing Suvad an zu schreiben. Mittlerweile hat er 8 Bücher veröffentlicht, die an diese Geschichte des Krieges erinnern. Britische Journalisten hatten noch in den Lagern gefilmt. Kurz danach wurden sie aufgelöst, die Verbrechen vertuscht. Die Familie Ćehić wurde gezwungen ihre Stadt zu verlassen.

Sie schafften es über Kroatien nach Berlin. Hier wird mit dem Holocaust Mahnmal an die Ermordung von 6 Millionen Juden erinnert. So ein Gedenken wünschen sich Suvad und Elvedin auch für ihre Heimatstadt: „So wie die Deutschen dieses riesige Denkmal für Juden gebaut haben, so müssen wir auch einen Ort haben, an dem wir unseren Schmerz ausdrücken können. Und unser Mitgefühl mit unseren Toten ausdrücken können.“
Nachdem aber über 90 % der muslimischen Bevölkerung ermordet oder aus Prijedor vertrieben wurden, ist die Stadt heute von bosnischen Serben kontrolliert. Und die haben im ehemaligen Folterlager ein Denkmal nicht für die Opfer, sondern für die Täter errichtet.
Manchmal habe er Angst, dass das noch einmal passiert, sagt Elvedin. Er kam nach der Flucht aus Bosnien in eine Schule in Berlin. Dort habe niemand glauben können, was er und seine Familie erlebt hatten.

Doch trotz allem: Vater Suvad will nicht alle Serben zu Verbrechern erklären: „Verbrecher haben kein Land und keine Nation, Verbrecher haben einen Vor- und Nachnamen. Wir können kein Volk verurteilen für das, was passiert ist. Aber dieses Volk muss sich säubern von den Verbrechern, die das gemacht haben. Es muss die Verbrechen zugeben, damit wir vorankommen können. Ohne Wahrheit gibt es kein Weiterleben.“

Beitrag von Melina Borcak
 

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