Susanne Jung
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- Abschied zu Hause

Früher war es üblich, Verstorbene noch eine Weile zuhause aufzubahren, um in Ruhe Abschied nehmen zu können. In einigen Regionen ist das bis heute so. Aber viele wissen gar nicht, dass auch hierzulande bis zu 36 Stunden nach dem Tod Hausaufbahrungen erlaubt sind – ganz gleich, wo die Angehörigen gestorben sind.

"Die Hausaufbahrungen sind im Allgemeinen nicht mehr präsent, erzählt die Bestatterin Susanne Jung. "Früher hat man das ja immer gemacht. Und wenn ich den Familien vorschlage, ihren Verstorbenen noch zuhause aufzubahren, dann entsteht erst mal so ein Befremden." Für viele Menschen ist es zum Tabu geworden, den Verstorbenen für eine Weile im Haus zu behalten. Ohnehin sterben heute die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Seniorenheimen. Was viele Menschen nicht wissen: auch wenn der Angehörige nicht zuhause verstorben ist, kann man ihn für 36 Stunden nach Hause holen.

Aber auch für Menschen, die den Verstorbenen nicht zu Hause aufbahren möchten oder können, bietet die Bestatterin Susanne Jung viele Möglichkeiten, den Abschied aktiv mitzugestalten. Eine große Herausforderung ist für viele Angehörige, die Waschung der Verstorbenen selber vorzunehmen. Es ist eine rituelle Handlung, erklärt Susanne Jung, denn die Toten sind ja in der Regel nicht schmutzig. Vielmehr sei die Geste, nochmal die Hände oder das Gesicht zu reinigen, etwas sehr Zärtliches, das die Würde auf beiden Seiten wahrt. Darauf kommt es der Bestatterin an. Darum wünscht sie sich, dass die Hinterbliebenen wieder sehr viel mehr selber machen. Wer alles an den Bestatter abgibt, entlastet sich zwar, verliert aber auch den Kontakt zum Verstorbenen und zum eigenen Trauerprozess.

Wer die Nähe jedoch zulässt, kann sogar Veränderungen beim Verstorbenen beobachten. Oft bildet sich beim gerade Verstorbenen noch die Anstrengung des Sterbeprozesses im Gesicht ab. Aber mit zunehmender Zeit verändert sich das Gesicht und es tritt eine große Entspannung ein. "Ich erlebe es immer wieder", sagt Susanne Jung, "dass wenn die Angehörigen kommen, nochmal eine große Entspannung kommt, bis hin, dass wir immer wieder ein Lächeln beobachten können. Das ist sehr, sehr schön, wenn man das sehen kann, und das ist für die Angehörigen ganz oft eine innere Entlastung. So als ob man sagen würde 'jetzt geht es meinem Verstorbenen auch wirklich gut'."

Beitrag von Torben Zimmermann

Buch-Tipp

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