Theologe Helmut Gollwitzer (Juni 1983); Quelle: Imago epd
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Helmut Gollwitzer beim evangelischen Kirchentag im Juni 1983 in Hannover | Bild: Imago epd

Reportage - Der Pfaffe und die RAF - Helmut Gollwitzer

Es sind unauslöschliche Bilder: Die Erschießung Benno Ohnesorgs, die Rebellion der Studentenbewegung, der Terror der RAF. Kaum bekannt: Mittendrin wirkte der evangelische Pfarrer Helmut Gollwitzer. Wer war dieser Gollwitzer? Eine Spurensuche führt zu bisher unbekannten Briefen von Gollwitzer und RAF-Mitgliedern, aber auch zum Sohn des ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Zeit seines Lebens suchte er Kontakt zu jenen, die gegen Alt-Nazis, die Verdrängung der NS-Vergangenheit, aber auch für eine menschlichere Gesellschaft kämpften. Er war ein enger Freund Rudi Dutschkes und unterstützte die deutsche Studentenbewegung. Weil er als Pfarrer der Bekennenden Kirche Widerstand gegen Hitler geleistet hatte, wurde er als einer der wenigen Angehörigen der Kriegsgeneration von den rebellierenden Studenten respektiert. Als er später die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin im Gefängnis besuchte und sich Briefe mit ihnen schrieb, erklärte man ihn im aufgeheizten Klima der damaligen Zeit zum RAF-Sympathisanten. "Pfarrer, die dem Terror dienen" oder "Handgranaten im Talar" lauteten einige Schlagzeilen jener Zeit.

Franz-Josef Strauß erklärte Helmut Gollwitzer sogar für mitschuldig an den Taten der "terroristischen Bandenverbrecher". Aber auch von RAF-Mitgliedern wurde er beschimpft: So nannte Gudrun Ensslin ihn einen "Staatspfaffen". Dennoch hielt er eine der Trauerreden auf der Beerdigung von Ulrike Meinhof.

Fünf Tage nach der Schleyer-Entführung richtete er gemeinsam mit Heinrich Böll, Heinrich Albertz und Kurt Scharf einen öffentlichen Appell an die Entführer, um sie zur Freilassung des Arbeitgeberpräsidenten zu bewegen. Ein Sturm der Empörung brach los, weil er darin angeblich Verständnis für die Motive der Terroristen zum Ausdruck brachte.

Der Film begibt sich auf Spurensuche. Wer war Helmut Gollwitzer? Was war der innere Kompass dieses Mannes, der sich scheinbar unbeirrt zwischen allen Fronten bewegte? Wir sprechen mit Hanns-Eberhard Schleyer. Der älteste Sohn des von der RAF entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten war wie kein anderer unmittelbar betroffen von den damaligen Ereignissen. 33-jährig erlebte er traumatische Zeiten des Hoffens und Bangens. Über 43 Tage lang. Als Sprecher der Familie war er zugleich Ansprechpartner für die Bundesregierung, aber auch für die Entführer. Wie sieht er das Wirken Helmut Gollwitzers? Seine Einschätzung überrascht.

Zu Wort kommen unter anderem Hans-Christian Ströbele, der ehemalige Anwalt von RAF-Mitgliedern, dem ebenfalls Sympathisantentum vorgeworfen wurde sowie der Grimme-Preisträger und Schleyer-Biograf, Lutz Hachmeister. Und: wir decken auf. Worum ging es wirklich in den Gesprächen und Briefen zwischen Helmut Gollwitzer und den RAF-Mitgliedern Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin? Wir haben in Archiven recherchiert, die Briefe gelesen und ausgewertet.

Ein Film von Silke Meyer

Erstausstrahlung

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