Hörbuch Cover zu Nicht Chicago, Nicht Hier
Bild: Jumbo Verlag

jumboverlag.de - Nicht Chicago, nicht hier

Mal in der Schule gehänselt werden, das kennt wohl fast jeder und jede von Euch. Etwas anderes ist es, wenn man von einem Klassenkameraden regelrecht körperlich und psychisch terrorisiert wird. Neudeutsch nennt man das Mobbing.

Zum 13-jährigen Niklas kommt ein neuer Junge in die Klasse. Er heißt Karl und verhält sich von Anfang an seltsam. In der Klasse weigert er sich, sich selbst vorzustellen und stiert nur in die Gegend. Als Niklas und Karl, die im selben Ort wohnen, Bus fahren, weigert sich Karl grundlos einer Mitfahrerin, die aussteigen will, Platz zu machen. Zusammen finden Niklas und Karl überhaupt nur deshalb, weil ihre Lehrerin die Beiden mehr oder weniger zwingt, ein Geschichtsreferat gemeinsam zu machen. Als Karl dann bei Niklas vorbei kommt, um gemeinsam am Referat zu arbeiten, nötigt Karl Niklas für Musik zu sorgen und klaut eine CD aus dem Bestand von Niklas Schwester. Die CD gibt er natürlich nicht zurück. Damit beginnt eine verhängnisvolle Spirale. Niklas ist irgendwie fasziniert von Karl, obwohl der ihn von Anfang an herablassend behandelt, ihn andererseits aber auch lockt. Zum Beispiel verfügt Karl über einen eigenen PC mit Internetzugang.


Wie sich die Handlung weiterentwickelt, soll hier nicht verraten werden. Natürlich bleibt es nicht beim Diebstahl einer CD, sondern schaukelt sich schrittweise immer weiter hoch. Das Buch wird in zwei Zeitebenen erzählt. Eine aus der Sicht von Niklas Vater, in der die Lage bereits zum Höhepunkt eskaliert ist und eine zweite aus der Sicht von Niklas, die die Handlung von hinten aufrollt.
Niklas Perspektive ist weitgehend überzeugend, seine Nöte größtenteils nachvollziehbar. Trotzdem kommen beim Hören so einige Fragen auf: Warum zum Beispiel hat Niklas keine anderen Freunde oder wenigstens irgendwelche anderen Verwandten oder Vertrauten, an die er sich wenden kann? Oma, Opa, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, einfach irgendwen! Da ist absolut niemand. Das wirkt doch seltsam. Es entsteht der Eindruck, als hätte Kirsten Boie auf Kosten von Logik und Tiefe an Figuren gespart.


Auch die Erzählebene aus Sicht von Niklas Vater hat Schwächen. Niklas Eltern brauchen schon sehr lange, bis sie sich mal dazu aufraffen, ihrem offensichtlich verzweifelten Sohn zu glauben, und stattdessen seine Aussagen relativieren oder ihm sogar vorzuwerfen, dass er schlicht lüge. Auch Niklas Schule spielt keine, beziehungsweise eine unrühmliche Rolle. Seine Eltern gehen zwar zur Polizei. Auf die Idee, auch mal die Lehrer in die Pflicht zu nehmen, kommen sie aber überhaupt nicht. Auch von sich aus hilft ihm seine Schule nicht. Seine Lehrerin merkt zwar, dass irgendwas nicht stimmt, setzt aber statt Niklas zu helfen diesen auch noch unter Druck. Er solle doch Verständnis für den Aggressor Karl haben. Der brauche die Hilfe seiner Mitschüler, um besser in der Schule klar zu kommen. Wer solche unsolidarischen Eltern und Lehrer hat, der braucht wahrlich keine Feinde mehr!


Hinzu kommt, dass das Ende, vorsichtig ausgedrückt zweifelhaft ist. Ich jedenfalls war am Ende ratlos und habe mich gefragt, was in aller Welt Kirsten Boie mir und Euch mit diesem Ende eigentlich sagen will. Vielleicht liegt aber gerade darin die Kunst. Ich vermute aber, die traurige Wahrheit ist, dass das Buch einfach schlecht ist. Mir jedenfalls erschließt sich nicht im Geringsten, warum dieses Buch den Züricher Kinderbuchpreis gewonnen hat.


Immerhin ist wenigstens die technische Hörbuchumsetzung halbwegs in Ordnung. Philipp Baltus und Bernd Stephan lesen die beiden Zeitebenen engagiert, sodass man zeitweise das Gefühl hat, keinem Hörbuch sondern eher einem vertonten Theaterstück zu lauschen. Leider ist aber auch hier ein Haar in der Suppe. Die musikalische Untermalung ist leider recht langweilig. Zwar kann der Verlag nichts dafür, dass der Rezensent Musik in Hörbüchern nicht besonders mag. Trotzdem, wenn man schon partout Musik benutzt, dann sollte man doch bitte nicht nach jedem Kapitel mehr oder weniger dieselbe, nur leicht variierte einsetzen!


Fazit

“Nicht Chicago, nicht hier“ kann man lesen, wenn man mal vorgeführt haben möchte, wie man Mobbing nicht bekämpft. Als Schullektüre empfinde ich das Buch als eine Fehlbesetzung. Warum werdet Ihr bestimmt selbst herausfinden. Falls Ihr das Buch trotzdem in der Schule behandelt, aber keine Lust zum Lesen habt, besorgt Euch das Hörbuch. Dann habt Ihr den Inhalt in etwas mehr als zwei Stunden konsumiert und könnt der anstehenden Deutscharbeit entspannt entgegensehen. Ansonsten könnt Ihr das Buch getrost ignorieren. Für den Freizeitbedarf gibt es wahrlich bessere Hörbücher. Note 4