- "Demographischer Wandel" (Teil III): Mobilitätshelfer vor dem Aus? – Berliner Vorzeigeprojekt droht die Streichung

Auch in Berlin gibt es immer mehr alte Menschen – viele von ihnen können den Alltag nicht mehr allein meistern, bekommen aber noch keine Pflegestufe bewilligt. Diesen Menschen hilft ein bundesweit einzigartiges Vorzeigeprojekt: die Mobilitätshelfer. Experten loben: das Projekt ist nicht nur ein Segen für die Alten, sondern spart der Gesellschaft langfristig auch noch Kosten. Dennoch droht den Mobilitätshelfern das Aus.

Der demografische Wandel - welche Folgen hat er für Berlin und Brandenburg? Heute, im dritten Teil unserer Reihe, beschäftigen wir uns mit dem Thema Mobilität: Immer mehr ältere Menschen sind schon heute dringend auf Hilfe angewiesen, wenn sie sich außerhalb des Hauses bewegen wollen - etwa beim Einsteigen in den Bus oder die S-Bahn, oder bei der Fahrt zum Arzt. Toll, dass es in Berlin deshalb das Konzept der "Mobilitätshelfer" gibt. Doch ausgerechnet dieses Projekt hat eine ungewisse Zukunft. André Kartschall.

Montag und Donnerstag sind gute Tage für Pia Streit. Dann kommt die 71-Jährige endlich einmal an die frische Luft. Seit einem Schlaganfall vor drei Jahren ist sie auf fremde Hilfe angewiesen – ihre „Mobilitätshelfer“. Für die Rentnerin sind die beiden Männer die Eintrittskarte zur Welt.

Pia Streit
„Ohne die wäre es traurig. Aber so traurig. Ich selbst könnte alleine meine Wohnung nicht mehr verlassen. Dadurch, dass die Stufen unsinnigerweise vom damaligen Architekten unbedingt hier im Hausflur angebracht werden mussten, ist es eben so. Und man fühlt sich wie eingesperrt.“

Ihr Helfer Harald Hauck macht den Job bereits seit fünf Jahren. Damit ist er einer der erfahrensten Mobilitätshelfer.

Harald Hauck, Mobilitätshelfer
„Es hilft mir selber weiter, ältere Menschen in der Stadt anders anzusehen. Zum Beispiel ihr Krankheitsbild zu berücksichtigen, hier und da mal ne nette Geste, die eigentlich sonst was früher selbstverständlich war, einfach wieder modern macht. Dass man nicht einfach mal drüber hinwegsieht über die Menschheit, sondern dass man sagt: Okay, das ist ein Teil dieser Gesellschaft.“

Die Mobilitätshelfer gehen mit den Rentnern einkaufen, zu Freunden oder einfach nur spazieren. So können die alten Leute ihre Kontakte in der Nachbarschaft pflegen, sich besser selbst versorgen – und sie bleiben länger gesund.

Das zeigen auch Untersuchungen der Alterswissenschaftlerin Josefine Heusinger. Sie sagt außerdem: Auch die Gesellschaft hat etwas davon, wenn die Alten länger fit bleiben.

Josefine Heusinger, Institut für Gerontologische Forschung
„Ich denke, man darf auch nicht unterschätzen, dass jeder Euro, der investiert wird, um ältere Menschen in ihrer Mobilität zu unterstützen, mittelfristig eben dazu beiträgt, dass Krankheitsphasen, Pflegebedürftigkeitsphasen nach hinten zumindest verlagert werden und dadurch letztendlich auch Kosten wieder eingespart werden können.“

Und der Kostenfaktor wird angesichts einer alternden Bevölkerung immer wichtiger. In Berlin wird die Zahl der Über-65-Jährigen in den nächsten 15 Jahren um etwa 20 Prozent steigen. Immer mehr Menschen sind dann auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Die Mobilitätshilfe kann dabei helfen.

Verantwortlich für das Projekt ist die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. Die nötigen Arbeitskräfte, also die Mobilitätshelfer selbst, bezahlt der Senat aber nicht. Sie kommen fast alle aus den Jobcentern, zuletzt zum Beispiel als Ein-Euro-Jobber. 20 Jahre lang funktionierte das wunderbar.

Marian Ücker, Mobilitätshilfedienst Friedrichshain-Kreuzberg
„Gerade in den Anfangszeiten dieser Mobilitätshilfedienste hat man drüber nachgedacht, wie man die Mobilitätshilfedienste aufstellen kann, durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen damals noch beim Sozialamt oder bei den Arbeitsämtern und jetzt bei den Jobcentern auch noch. Aber das nimmt sukzessive ab, sodass die Mobilitätshelfer immer weniger werden.“

So schickten die Jobcenter 2011 statt der erhofften 30 Helfer pro Bezirk durchschnittlich nur noch etwa die Hälfte.

Ein Grund: klassische ‚Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen’ gibt es bei den Jobcentern nicht mehr. Jetzt gilt die Maxime: „Fördern und Fordern“. Das Ziel: Menschen wieder in Arbeit zu bringen.

Andreas Peikert, Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf
„Wir als Jobcenter wollen die Hilfebedürftigkeit unserer Arbeitslosen beenden oder zumindest reduzieren. Und wir sind darauf ausgerichtet, diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir haben nicht die Aufgabe, älteren Menschen Mobilität zu gewährleisten, das ist nicht unser gesetzlicher Auftrag.“

Das Land Berlin lässt die Masse der Mobilitätshelfer also aus einem Topf bezahlen, der dafür eigentlich nicht vorgesehen ist. Für den Senat ist das bequem.

Doch es gibt noch ein ganz anderes Problem: Viele Arbeitslose, die für den Job als Mobilitätshelfer in Frage kämen, haben heutzutage bessere Alternativen. Das Projekt steht im Konkurrenzkampf mit bezahlter Arbeit – etwa in der Altenpflege.

Andreas Peikert, Jobcenter Charlottenburg-Wilmersdorf
„Wer so viel soziale Kompetenz hat, wer so viel Verständnis für ältere Menschen hat, wer so gesund ist, dass er die auch heben kann und den Rollstuhl schieben kann, der hat auch gute Chancen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Arbeit zu finden. Und das ist ja unser vorrangiges Ziel.“

Die Mobilitätshilfedienste dürften es also auch in Zukunft schwer haben, genügend geeignete Arbeitskräfte von den Jobcentern zu bekommen.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales teilt uns mit, sie setze trotzdem weiter darauf, dass die Jobcenter Arbeitslose schicken.

Die Altersforscherin Josefine Heusinger hält diese Strategie für kopflos.

Josefine Heusinger, Hochschule Magdeburg-Stendal
„Ich denke, dass es für eine solide, langfristige Organisation dieser gesellschaftlich notwendigen Arbeit nicht der klügste Weg ist. Die Menschen, die da arbeiten, haben eigentlich – wenn man sich anschaut – wie wichtig das ist, was sie da tun auch im Hinblick auf die Beziehungsarbeit, die sie mit den Klientinnen leisten, ist es eine Arbeit, die ordentlich sozialversicherungspflichtig bezahlt werden sollte.“

Doch die Senatsverwaltung teilt uns schriftlich mit, dafür sei im Haushalt kein Geld eingeplant und:

Zitat
„… demzufolge können weitere Helferstellen nicht … finanziert werden.“

Die Mobilitätshelfer, ein öffentliches Vorzeigeprojekt, das zu scheitern droht, weil Berlin es nicht selbständig finanzieren will.



Autor: André Kartschall